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Schlafmünzen

Von Fiona Brandt

Ich tue es. Ich tue es wirklich. Ich sitze hier und sortiere Schlafmünzen. Diese Tätigkeit ist ungefähr so spannend wie Topflappen häkeln, nur lange nicht so anspruchsvoll. Vielleicht würde es mir unter anderen Umständen sogar Spaß machen.

Verrostet, erfüllt seinen Zweck, bringt Geld, ich wusste nicht, dass 1 Pf-Stücke so unterschiedlich sein können. Der Nachteil bei Tätigkeiten, die keine große Anstrengung erfordern, ist, dass man nebenbei seinen Gedanken nachhängen kann oder muss, was mich vor einer halben Stunde dazu trieb, Christian eine SMS zu schicken, mit der Frage, ob denn alles seinen Vorstellungen nach verliefe, und wann er wieder zurückkommt.

Der Gedanke, dass er ein Wochenende bei einer Person verbringt, vor der er mich kurzer Hand zu seiner eigenen Mutter umfunktioniert, wenn er einen Grund braucht, das Telefonat vorzeitig zu beenden, stimmt mich unruhig.

Der Hauptgrund für die Telefonate waren seiner Aussage nach die Tatsache, dass sie gerade von ihrem Freund verlassen wurde und deshalb zur Zeit nicht besonders lebenslustig ist.

Seltsam, ich hatte mir immer gedacht, man telefoniert mit jemandem, wenn derjenige etwas geistreiches zu sagen hat, man denselben Humor teilt, nach 2 Stunden am Telefon immer noch zu dem Schluss kommt, dass man sich etwas zu sagen hat, weil der andere auf jeden Fall noch von allen Kleinigkeiten, die man erlebt hat oder die einen bewegen erfahren muss... Und nicht um des Anderen Leben zu retten.

Wie ich vorhin feststellte, heißt die unterste "Qualitätsstufe" bei Münzen unter Sammlern "sehr schön", die darüber "überragend", die höchste habe ich vergessen. Seltsam, dass normale Münzen insofern nützlich sind, als dass sie als Zahlungsmittel für Wein, Zigaretten, Blumen, Messersets, Tiefkühlspinat und alles andere, was der normale Mensch braucht, fungieren.

"Sehr schöne" Münzen bringen sogar noch etwas extra. Man bekommt dafür ein vielfaches des eigentlichen Werts, also auch mehr Wein oder Zigaretten, oder Messersets. Die Antwort auf die SMS ließ etwas auf sich warten, ungefähr solange, wie ein durchschnittlich geübter Handybenutzer braucht, um die Antwort zu tippen, plus die Zeit, die ein durchschnittlicher Liebhaber braucht, sich aus dem Bett zu rollen, sich etwas überzuziehen und das Handy aus der Hosentasche der Hose zu fischen, die er vor 15 min (wie ich sagte: durchschnittlicher Liebhaber) etwas überstürzt und voller Tatendrang in die Ecke geworfen hat.

Jedenfalls erhielt ich in weniger als 160 Zeichen die Information, dass alles nach Plan liefe, er noch nicht wisse, wann er zurückkomme, und dass sein jetziger Aufenthaltsort ihm sehr viel besser gefiele als der Ort, an dem er wohnt, arbeitet und, wie ich hin und wieder dachte, an dem er seine beste Freundin, nämlich mich hatte.

Es schien mir überflüssig, ihm dazu zu gratulieren, der Unterton wäre unterwegs verloren gegangen und der Kommentar wäre nur mit einem verständnislosen Blick abgetan worden. Ich schätze, ich habe mich abgenutzt. Ich bin der Nennwert, ich kaufe Wein, Zigaretten, Tiefkühlspinat, Küchenrolle.

Manchmal glaube ich, derjenige, der mit mir bezahlt, hat betrogen, er hat zwei Zeitschriften ineinander gelegt und nur eine bezahlt. Vielleicht hat er sich niemals die Mühe gemacht auf Prägungsjahr und -Ort zu achten, vielleicht hat er den Sammlerwert einfach nicht bemerkt.

Es ist "seine" Praktikantin. Die Praktikantin, von der er mit Stolz verkündet hatte, er sei mit ihr was trinken gewesen, nachdem er mich zwei Tage zuvor darüber aufgeklärt hatte, dass es ihm nichts gäbe, sich in eine verrauchte Kneipe zu setzen und mit Leuten zu reden, die man auch zu anderen Gelegenheiten sieht.

Die, von der er mit einem abwesenden Blick beteuert, dass er im Moment der einzige ist, den sie noch hat. Es gibt "seine" Praktikantin, genauso, wie es "seine" Mitbewohnerin gibt. Die Mitbewohnerin, die die besten Joints der Welt dreht und die so unheimlich sensibel ist, und dabei so gut aussieht, dass sich auf der letzten Party alle Männer nach ihr umgedreht haben.

Auch das erzählt er nicht ohne Stolz, es ist immerhin "seine" Mitbewohnerin. Und es gibt "seine" große Liebe, die ihn fast zerstört hat, von der er so lange nicht loskam, die ihn dazu gebracht hat, wochenlang melancholisch zu sein, weil er nicht mit der einen Person zusammen sein konnte, die genauso aufgewachsen ist wie er, sich allerdings in eine völlig andere Richtung entwickelt hat.

Es gibt "seine" älteste Freundin, mit der er seit Jahren durch dick und dünn geht, mit der er es geschafft hat, in Kontakt zu bleiben, während sie ein Jahr im Ausland war. Er wird nicht müde zu erzählen, wie selten das ist.

Ich bin "seine" Alde. Ich behalte seine Termine im Kopf, versorge ihn mit den nötigsten Lebensmitteln, wenn er keine Zeit hat, und tippe meine Vorlesungsnotizen für ihn ab, wenn er lieber zur Arbeit als in die Uni will. Ich bin für den Tiefkühlspinat und die Küchenrolle zuständig, der Wein und die Blumen sind für jemand anders.

Wie es aussieht, hat "mein" "bester Freund" kein Interesse daran, die sehr schönen und überragenden Münzen zu verkaufen... Er ist selbst Sammler geworden.

 

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