Von Saskia B.
Wo gehen eigentlich die Tränen hin wenn, man sie nicht weint? Ich
kann es euch sagen, sie fließen innerlich hinab Richtung Herz - und
setzen sich dort fest an einer Stelle, an der sie nicht
gesehen, nicht festgestellt werden können, bilden dort einen kleinen
Knoten, den man nicht sieht, nur spürt. Immer dann spürt, wenn man
über Vergangenes nachdenkt, sich ein klitzekleiner Gedanke bemerkbar
macht, dass alles anders hätte kommen können. Ich glaube, das nennt
man Melancholie dieses Zwicken ganz in der Nähe des Herzens.
Vielleicht auch Bedauern. Vielleicht kann man es auch gar nicht
benennen.
Jedenfalls ist es soweit. Schlaflos. Entsetzt, dass das mir
passiert. Gerade mir, mit meinem festen Plan, meinen Vorsätzen, der
Angst, dass irgendetwas mal wieder anders kommt, als ich das vorher
peinlich genau, präzise, festgelegt habe.
Das Leben ist schon verrückt sagte er, und sprang damit ohne zu
zögern in mich hinein, hat sich festgesaugt, raubt mir den Atem.
Schlaflos. Dabei war doch alles immer ganz klar. Heiraten, schöne
Wohnung, irgendwann Kinder kriegen, Familie, genau in der
Reihenfolge, niemals würde ich das, was ich heute hab, aufs Spiel
setzen, niemanden verletzen, nicht meinen Mann, am wenigsten mich
selbst.
Ich liebe dich, was soll ich machen. Worte die doch keiner zu mir je
mehr sagen darf, außer einem. War es der Alkohol, die Rockmusik in
dieser Nacht. Aber, wusste ich es denn nicht schon immer? All die
Jahre spürte ich seine Blicke. Ich hatte ihn schon immer gern, das
habe ich unzählige Male zu meinen Freundinnen gesagt. Nur nie zu
ihm.
Er liebt mich also. Na und? Ich bin verheiratet. Zu spät. C’est la
vie. Warum hast du nie etwas gesagt? Ist das schon betrügen, dieses
Gefühl. Das Verlangen, jemanden anderen in den Arm zu nehmen nur
einmal. Ich will mich doch nur wieder einmal begehrt fühlen. Ich
liebe meinen Mann.
Schlaflos. Ich fahre ziellos durch den Ort, vorbei an seinem Haus.
Brennt Licht, ist er da? Von einer Kneipe in die andere, hab heut
Ausgang, lache ich. Ich spüre, dass er genauso daran denkt, wie ich,
wir verfehlen uns, wo ich auch hingehe. Das schlechte Gewissen wegen
meiner Gedanken bringt mich um, wie könnte ich je mehr tun als an
ihn denken.
Ich lande im Stamm-Cafe, gebe es auf für heut, bald ist Wochenende,
man wird sich wohl wieder irgendwo sehen, lass es auf sich beruhen,
vielleicht kann man ein paar verstohlene Worte wechseln, sich
entschuldigen, ist ja nichts passiert wir waren betrunken. Nur eine
Umarmung, nicht mal ein Kuss, war ja nichts weiter, ein guter
Freund.
Da sitzt er. Er ist sonst nie da. Reiner Zufall sagt er. Ich glaube
ihm. Darf nichts anderes glauben. Wir reden. Immer drum herum wie im
Kreis. Er sagt es tut ihm leid. Ich sage es braucht ihm nicht leid
tun. Mir tut es leid, dass es ihm Leid tut. Er sagt er ist schuld,
ich sage ich bin schuld. Alles wird gesagt, und alles bleibt
ungesagt.
Ich weiß, es war die Wahrheit. Er liebt mich schon lange. Zu spät
sagt er, ich war schon immer zu spät. Ich sage ich weiß. Augen
strafen unsere Worte Lügen, ich sehe mich um: Keiner der uns
beachtet, ist leer heute hier. Zuhause schläft mein Mann, an den ich
mich anschmiegen werde, mir heute Nacht nehmen werde, was nur er mir
geben darf.
Ruf mal an sagt er, und ich denke besser nicht. Ich weiß
nicht, was sonst passiert, ich darf nicht darüber nachdenken. Ich
fahre weinend nach Hause. Ich liebe meinen Mann. Ehrlich.