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Sein Hund
Von Marie Vailant
Langsam geht die Sonne unter. Sie spendet noch Licht, es ist besonderes Licht, geheimnisvoller und beruhigender, als wenn die Sonne im Zenit steht. Unruhig steht das Mädchen am Balkon ihrer Wohnung. Sie fühlt sich komisch, unrund, aufgeregt, erwartungsvoll.
Einmal fragt sie sich selbst noch nach dem Warum, aber in Wirklichkeit hat sie sich schon entschlossen. Ruckartig dreht sie sich herum, in die Wohnung, zieht sich um und verlässt die Wohnung wieder, diesmal durch die Haustüre. Leichtfüßig läuft sie die Treppen hinab.
Langsam geht die Sonne unter. Aber es ist noch hell, angenehm hell. In der Dämmerung ist alles irgendwie beruhigender und geheimnisvoller... Gedankenverloren schnallt er seinem Hund die Leine um und zieht ihn hinter sich her, Richtung Haustüre.
Als er am Spiegel vorbei geht, setzt er schnell eine Baseballkappe auf und richtet seine Jacke. Kurz registriert er für sich selbst, dass er das normalerweise nicht tut... Letzter Blick in den Spiegel, dann pfeift er kurz und geht mit seinem Hund die Treppen hinab.
Selbst die Luft schmeckt/riecht/ist heute besser! denkt sie erfreut. Ein paar Vögel flattern noch herum, ihr Gesang ist heute angenehm und passt zur Natur. Sonst empfindet das Mädchen Vogelgezwitscher als störend. Ihre Beine gehen wie von selbst, den kleinen Hügel hinauf, wo es eine Brüstung an einem Gebäude gibt, die von Grünzeug umgeben ist.
Sie ist gerne dort, lernen, nachdenken oder einfach ausruhen lässt sich dort gut. Ihre Gedanken schwirren frei herum, sie denkt an nichts besonderes. Fast schon behutsam zieht sie ihre Zigarettenschachtel hervor und raucht eine an. Sogar die Zigarette schmeckt heute besser! Lächelnd geht sie weiter.
Selbst die Luft schmeckt/riecht/ist heute besser! Er muss über diesen Gedanken lachen. Heute ist er irgendwie fröhlicher... nein, er fühlt sich geborgen, sicher und geliebt. Wieder lacht er über seine Gedanken.
Normalerweise denkt er anders, hat keine Zeit für Beobachtungen. Aber jetzt ist da ein anderer Teil seines Ichs. Er hat eine Maske abgelegt und er weiß es. Lächelnd geht er weiter, bergauf, einen kleinen Hügel nahe seiner Siedlung. Sein Hund möchte eine Abzweigung gehen, und da er Zeit hat und sich Zeit nehmen will, lasst er ihn gewähren.
Was passiert heute noch? denkt sie immer wieder. Soll überhaupt was passieren? Ist es nicht auch gut, einmal einen so entspannten Tag zu haben? Natürlich. Fröhlich setzt sie sich auf die Brüstung, die zwischen Bäumen steht.
Inzwischen raucht sie die zweite Zigarette. Sie sieht auf die Straße, sieht aber nicht den Teil, von dem sie gekommen ist, sondern den weiteren Verlauf. Sie lächelt. Könnte man als Zeichen deuten, denkt sie. Die Vergangenheit hinter sich lassen und nicht mehr anschauen, sondern gerade in die Zukunft blicken.
Das Gefühl von vorher überkommt sie nochmals. Natürlich ist es schön, einen so... entspannten Tag zu haben, aber sie weiß, sie wäre enttäuscht, wenn heute nicht noch etwas geschieht... Alles ist so Schicksalsschwanger. Ob positiv oder negativ kann sie nicht sagen.
Was passiert heute denn noch? Irgendwie hat er das Gefühl, dass heute noch was passieren wird oder soll. Sein Hund schnüffelt den ganzen Weg entlang. Er lacht bloß. Doch dann bekommt er das Gefühl, laufen zu müssen.
Also joggt er los, was seinem Hund auch Spaß macht. Ein Stückchen noch bergauf, dann geht es eben weiter und schließlich wieder bergab. Kurz vor der Ebene stoppt er ab. Längst verdrängt geglaubte Situationen kommen hoch.
Manchmal war er mit ihr hier spazieren gewesen. Noch nie hatte er ein so interessantes Mädchen kennen gelernt. Sie war so ein anders als er, viel ruhiger, aber auch weiser, so klug... obwohl sie erst 15 ist..., nein, sie ist 16. Er bemerkt, dass er sie seit ihrem Geburtstag nicht mehr gesehen hat. Jetzt würde er gerne wissen, was sie von ihm hielt oder hält. Sie hatte ihn beeindruckt, irgendwie würde er sie gerne sehen.... aber das war nur ein stiller Wunsch, wie schon so oft.
Einatmen, ausatmen. Ohne Zigarette diesmal. Sie zückt einen Kaugummi. Sie lächelt milde, er hatte es gehasst, wenn sie rauchte. Er? Wie kam sie jetzt auf ihn? Na ja, sie saß auf der Ebene, auf der sie manchmal spazieren gewesen waren... natürlich mit seinem Hund, der war ein guter Vorwand gewesen, keiner hatte sich je eine Blöße gegeben.
Er war sogar soweit gegangen, sich nie neben sie sondern ihr gegenüber hinzusetzen. Selbst beim Gehen hatte er Abstand gehalten. Dabei hatte es mal eine Zeit gegeben, in der sie sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als neben ihm zu sitzen, zu stehen, zu gehen. Sie seufzt tief.
Anscheinend war er mit 18 zu alt für sie, er hatte sich nie richtig auf sie eingelassen, und das nur wegen drei Jahren Altersunterschied? Traurig schüttelt sie den Kopf. Dann hatten sie angefangen, sich zu streiten. Hassliebe. Ja, für sie war es Hassliebe gewesen.
Was er gefühlt hatte, wusste sie nicht. Aber er hatte immer mitgemacht. Verwirrt schüttelt sie den Kopf. Sie ist noch immer verwirrt. Irgendwie wünschte sie ihn her zu sich, sie wäre in einer guten Stimmung, um einfach nur zu reden, diesmal vielleicht sogar ohne den Blödsinn, den sie sonst oft verzapft hatte. Aber es ist nur ein stiller Wunsch, wie schon so oft.
Einatmen, ausatmen. Und durch. Er setzt sich wieder in Bewegung. Vielleicht sollte er heute die große Runde gehen, dann könnte er nochmals in Ruhe nachdenken. Sie ließ ihn noch immer nicht los. Wie er ihr Lachen, ihre erfrischende, witzige Art vermisst! Warum hatte er sich nie getraut, tiefer in der Beziehung zu gehen? Vielleicht weil er zum ersten Mal richtig verliebt war und sich dümmer als sonst angestellt hatte? Traurig schüttelt er den Kopf. Sein Hund zog weiter, auf die Ebene, wo er frei laufen können würde. Er macht die Leine am Halsband los und lässt den Hund laufen. Sie war dabei gewesen, als er ihn bekommen hatte. Damals hatten sie sich gut verstanden. Dann hatten sie angefangen, immer wieder ein bisschen zu streiten. Oder war es necken? Es hatte etwas reizvolles gehabt, es war anregend gewesen. Und es war interessant, so mit ihr zu diskutieren. Er war ihr nie böse gewesen, oder hatte sie gehasst. Er seufzt. „Du fehlst mir:“ sagt er leise in die Dämmerung. Denn es ist noch hell.
In ihrem Kopf ertönt Musik. Das hatte sie bis jetzt noch nie geschafft. Eines ihrer Lieblingslieder, sie summt es mit. Den gleichen Musikgeschmack hatten sie auch nie gehabt. Was hatten wir gemeinsam? fragt sie sich wieder. Nicht viel. Die ganze Denkweise war anders... Kurz schließt sie die Augen.
Als sie sie wieder öffnet, steht vor ihr ein Hund. Nicht direkt vor ihr, aber in ihrem Blickfeld. Es ist sein Hund, keine Frage, sie erkennt ihn sofort. Was soll man in so einer Situation tun? fragt sie sich und gibt sich selbst gleich die Antwort.
Hingehen, vielleicht ist er auch da. Ihr Herz klopft. Nein, nicht einmal. Natürlich, es schlägt wie immer, doch sie ist nicht aufgeregt. Eher dankbar. Sie sieht um die Ecke- und er steht da. Sie schluckt, dankt allen ihr bekannten Göttern und grüßt ihn.
Er sieht seinen Hund gerade noch im Gebüsch verschwinden, da läutet sein Handy. Ein Freund. Er schaltet es kurzerhand ab. Sein Hund läuft wieder auf die Wiese. Er tollt herum. Dummer Hund, denkt sein Besitzer lächelnd.
Eine Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. Erstaunt schaut er sie an. Sie. Sie steht tatsächlich vor ihm. Einen Kopf kleiner als er, langes, wallendes, dichtes, rot-braunes Haar, große braune Auge, Stupsnase und volle Lippen. Ihre Augen haben auch heute etwas lauerndes, aber irgendwie spöttisch lauernd.
Ob sie weiß, dass er ihr schon jetzt ergeben ist? Freundlich grüßt er zurück und sagt ihr, wie schön es ist, sie zu sehen. Dafür wird er mit einem Lächeln belohnt. Er ist entschlossen, die Gelegenheit zu nützen, und sie nicht wieder gehen zu lassen, also bittet er sie, ein Stück mit ihm zu gehen.
Diese freundliche Begrüßung! Oh ihr Götter! Er hat eine Kappe auf. Die passt ihm so gut, bringt seine Augen hervor, obwohl er eine Brille trägt. In seinen wundervollen, sanften Händen hält er die Leine seines Hundes. Heute spielt er gar nicht nervös darauf herum. Ein gutes Zeichen?
Er bittet sie ein Stück mit ihm zu gehen. Fast kippt sie um, vor Überraschung. Sonst hat er ihr es immer überfreundlich angeboten, wie einer verhassten Verwandten, oder einfach weil es sich so gehört. Dankend nimmt sie an. Sie beginnen zu reden. Unverfängliches aber doch sehr Persönliches. Erst jetzt wird es langsam dunkel, sie reden weiter, und sie schlägt vor, sich auf eine der Bänke zu setzen. Er stimmt gleich zu. Sie fühlt sich glücklich. An einem Abend kommen sie sich näher als in Monaten zuvor.
Mit einem guten Gefühl setzt er sich neben sie. Sie reden, und lernen sich nochmals kennen. Er ist sich ihrer Nähe zum ersten Mal bewusst. Zuvor hatte er versucht, nicht neben ihr zu sein, da sie vielleicht merken könnte, dass er sie sehr gerne hatte... Damit war es jetzt Schluss. Heute zeigt er offen, wie und was er fühlt. Sein Herz beginnt etwas wilder zu schlagen. Der Hund läuft noch immer über die Wiese, auch er ist zufrieden.
Sie fragt, ob es stören würde, wenn sie raucht? Nein, natürlich nicht. Zaghaft, aber doch legt sie ihren Kopf an seine Schulter. Er lehnt sich zurück, schließt die Augen und kostet den Augenblick aus. Schon ist sie mit der Zigarette fertig, ist ihm es gar nicht aufgefallen. Ja, einen Kaugummi hätte er auch gerne. Plötzlich springt sie auf und geht zu seinem Hund. Der scheint sich vernachlässigt zu fühlen und lässt sich bereitwillig streicheln.
Sein süßer Hund! Sie hat das Bedürfnis, ihn zu streicheln, was sie auch prompt tut. Auch er steht lachend auf. Sie beobachtet, wie er mit seinem Hund umgeht. Liebevoll, stolz. Er liebt seinen Hund sehr. Langsam setzen sie sich in Bewegung, Richtung nach Hause. Als sie gehen, lassen beide ihre Hände an den Seiten baumeln. Dreimal haben sie sich schon berührt. Sie lächelt vor sich hin, es ist ein angenehmes Spiel.
Da bleibt er stehen. Er nimmt ihre Hand, zieht sie weiter zu sich und schaut in ihre wundervollen Augen. Mit einem leicht spöttischem Gesichtsausdruck geht sie auf ihn zu und lässt sich umarmen. Der Kuss tut gut, prickelt herrlich am ganzen Körper, und alle Situationen mit ihm spielen sich wie ein Film hinter ihrem Kopf ab.
War ja gar nicht so schlimm! denkt er. Das hätten schon früher passieren müssen. Also mag sie ihn auch... er lächelt glücklich. Er spürt, wie sie seine Hand nimmt. Ein herrliches Gefühl. Als er sie sagen hört, dies sei ein seltsamer Tag, die ganze Zeit hatte sie sich in Erwartungsstimmung befunden, dass etwas geschehen würde, lächelt er, ist nicht mehr erstaunt, sondern dankt einfach nur. Dem Leben. Und allen Göttern, die ihm bekannt sind.
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