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Gedichte von Penelopeia

Ich hatte im letzten Monat Besuch

Ich hatte im letzten Monat Besuch,

es war der Mann mit der Sense.

Er stand auf dem Deich, genau da,

wo einstmals verlief die Grenze.

 

Ich hab‘ ihn nicht sofort warten gesehn,

war beschäftigt mit Grasmähen.

Das schießt nun mal im Monat Mai –

man kann es wachsen sehen.

 

Außerdem suchte ich angestrengt

noch das letzte Wort einer Reimzeile,

beschäftigt war’n also Körper und Geist,

so sah ich ihn erst nach einer Weile.

 

In der Mittagssonne stand er,

mir war nicht klar, was das sollte,

zunächst spekulierte ich drauf,

daß mir jemand helfen wollte.

 

Ich schattet‘ die Augen gegen das Licht,

besser den Fremden zu sehen,

als ich begriff, wer da vor mir stand,

wollt‘ ich zunächst nicht verstehen.

 

Er stand, leicht gebückt auf sein Werkzeug,

aber still, als ob er schliefe.

Ich wünscht‘ ihm einen erfolgreichen Tag,

hoffend, dass er mich nicht riefe...

 

Leider erreichte mich doch sein Wort,

er rief, ich solle nicht hetzen,

aber Charon hätt‘ festen Plan,

mich in Bälde überzusetzen...

 

Mir fuhr in die Glieder der kalte Schreck

im Bewußtsein endlicher Lage.

Doch ich besann mich und stellte ihm,

recht höflich bittend, eine Frage.

 

Ich schriebe, sprach ich, an einem Gedicht,

das zu den großen ich zähle.

Leider sei‘s fertig noch nicht so ganz:

Ein Reimwort sei’s noch, das fehle!

 

Und außerdem, sagte ich, müsse ich doch

das Gras meiner Wiese kürzen,

der Herr nun, er möge bloß bitte nichts

in meinem Fall überstürzen...

 

Ich könne doch nicht aus dem Leben gehn

mit solch ungepflegter Wiese,

auch schwane mir, dass der fehlende Reim

mich da drüben nicht ruhen ließe...

 

Wider Erwarten – er willigte ein,

mir war, als würd‘ er leicht nicken.

Stumm entschwand er mit seinem Werkzeug

in Richtung Fluß meinen Blicken.

 

Die Frage beschäftigte mich nunmehr,

ob nochmal er Aufschub ließe,

und was ich ihm sagen müßt,‘

wenn er wieder vom Deich her grüße...

 

Grad‘ mal eine Woche ist’s her,

da ließ sich der Herr wieder sehen.

Er winkte mit dem kleinen Finger nur,

mir war klar: nun sollt‘ s geschehen...

 

Doch wieder sprach ich ihn freundlich an,

erzählte von all meinen Mühen

im Kampf um den Reim und gegen das Gras

und bat, er möge noch einmal ziehen...

 

Diesmal zögerte er gar lang,

in seinen Augenhöhlen Blitze,

er kratzte sich hinten am Rücken so,

als stieg‘ in ihm auf Höllenhitze...

 

Ich hab‘ nicht ein einziges Wort gehört,

grußlos ist er gegangen.

Ich ahnte, dass es nicht ratsam sei,

nochmal das Thema anzufangen.

 

Gestern kam er das dritte Mal.

Ich traf ihn in meinem Garten.

Und diesmal sprach er sehr deutlich:

Er könne jetzt nicht mehr warten.

 

„Du weißt“, sprach er barsch, „was denen geschah,

die mich zu betrügen suchten.

Ich erinnere nur an Sisyphus,

den auf alle Zeit verfluchten...“

 

 

„Ach“, sprach ich, „das ist doch der arme Hund,

der nie den Fels bringt nach oben,

weil der kurz vorm Ziel zurückrollt.

Auch hat er sich schon verhoben!“

 

„Genau, mein Lieber, Du hast es erfaßt,

ich denke, genug nun der Worte.

Folg‘ unauffällig meinem Weg

zu schattenreicherm Orte.“

 

Schon lief ich brav dicht hinter ihm drein,

dem Schicksal ergeben, leider,

da hörte ich eine Stimme, die

sich richtet‘ an meinen Begleiter.

 

Tatsächlich, ich selbst war es, der sprach,

ich sprach von der Schwere des Lebens.

Wie oft man im Mai doch Gras mähen müßt‘,

trotzdem wär‘ alles vergebens...

 

Ich sprach auch von meiner Schreibarbeit,

wie wenig mir leider glücke,

wie geschickt sich aber die Wirklichkeit

an meinen Werken vorbeidrücke...

 

Ich sprach von der ewigen Wiederkehr

nervtötender Tätigkeiten,

es ließe sich der Unterschied

von Diesseits und Jenseits bestreiten...

 

Er sprach, er hätte sehr gerne gewußt,

bei allen Teufeln, Nymphen und Elfen,

welches Reimwort ich denn gesucht,

vielleicht ja könne er helfen...

 

„Ach“, sprach ich, mit manchen Worten ist’s schwer,

kein zweites will richtig drauf passen,

vielleicht liegt’s in dem Fall an uns’rer Natur –

ich könnte mich oft dafür hassen...

 

Ganz plötzlich blieb mein Begleiter stehn,

ließ traurig die Schultern sinken

und löste in feinen Nebel sich auf –

ich konnte ihm nicht mal mehr winken.

 

Verdattert bin ich wieder zurück

an meine Arbeit gekommen:

Ich weiß es bis heute nicht ganz genau:

Hat er, hat er nicht – mich mitgenommen...

*****

Begegnung mit der leichten Kunst

Freundlich grüßend, ganz locker, jovial

betrat ich gestern den Buchladen,

deutete mit der Hand auf ein Regal

und sprach: „Wer kann mich hier beraten?

 

Wer gibt mir hier einen Tip, bitte sehr,

wer kann Gedieg‘nes mir empfehlen?“ –

Denn Weihnacht stand wieder dicht vor der Tür,

und ich wollt‘ mich nicht so quälen.

 

Eine Dame keuchte an mir vorbei,

ich sprach, ich hätte mal ne Frage...

Da schrie sie zurück, daß keine Zeit sei,

und man außerdem schwer trage..!

 

Tatsächlich trug sie waschkörbeweis‘

zur Kasse die Buchwaren.

An mir vorbeihastend, zischte sie bös,

dies wär’ DAS GESCHÄFT seit Jahren!

 

„Ach“, sprach ich betreten und kaum hörbar,

„ich kauf‘ nicht so gern auf die Schnelle.

Empfehlungen gab’s noch im letzten Jahr,

und zwar recht individuelle!

 

Empfehlungen gab es, passend für mich,

einen Mann von bestem Geschmacke.

Was da im Waschkorb liegt, ist sicherlich

nur umsatzfördernde Kacke...!“

 

Und dann wurde ich vernehmbar und laut,

ließ die Beschwerdekuh fliegen:

„Diesen Mist“, schrie ich, „den ihr hier raushaut,

den kann jedes Lallen aufwiegen!“

 

Daraufhin kam die Verkäuf‘rin zurück:

Ob ich denn mein‘, die Ware wäre,

so frug sie mich mit einem Lauerblick,

tatsächlich ohn’ alle Schwere..?

 

Ich sah auf den Korb voll von Konsalik

und Simmel, auch Pilcher, D. Bohlen,

lächelte spitz mit frech-stolzem Blick

und gähnte dann unverhohlen.

 

Und als ich nickte, schmiss mit Schwung sie

mir den Waschkorb auf die Füße, 

in mein Ohr drang’s, während ich aufschrie:

„Von leichter Kunst viele Grüße!“


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