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Spurenspüren am Morgen danach

Von Rainer Schulze 

Strahlend schöner Junimorgen, watteweiche Nebelschleier, die mir auf dem Heimweg entgegen kriechen. Gerade stiehlt sich von links die Sonne empor, meinen Weg zu kreuzen, der nach Süden führt.

Wie ein graues Band schlängelt sich die Straße durch die Landschaft, mal rechts, mal links, von Bäumen gesäumt, aber immer den Blick auf das freie Land lassend.

Das dröhnende Motorengeräusch nehme ich schon lange nicht mehr wahr, und auch die Stimmen im Radio werden immer blasser und weichen den Gedanken an dich. Gefallen würde dir dieses ruhige sanfte Morgenbild, wo die ersten Frühvögel noch etwas schlaftrunken ihrer Tagschicht entgegen flattern. Sie putzten und sonnen sich in der ersten wärmenden Lichtflut oder streiten sich um einen Wurm.

Aus meiner etwas erhöhten Sitzposition erkenne ich das Schachmuster der Felder. Springer B 4, denke ich und muss lachen als ich wenig später einige Pferde am Wegrand sehe. Und immer noch hänge ich mit meinen Gedanken bei dir. Habe noch deine Stimme von heute Nacht im Ohr und frage mich was uns die Zukunft bringt.

Der weiße Kombi voraus schleicht die ganze Zeit so vor mir her; und der hintere Insasse dreht sich ständig nach mir um. Vielleicht habe ich ja gestern Knoblauch gegessen. Er oder sie wird es nie erfahren. Ich mag nicht weiter hinterher schleichen und überhole ihn.

Ich mag nicht diese Menschen, die noch halb nächtens sind, diese nicht ganz ausgeschlafenen Feierabendbremsen, die ständig versuchen mich von meinem Bett fern zu halten. Ich will endlich meine Augen schließen können, um von dir zu träumen. Ich beschließe beim nächsten Mal auch ein Kleidungsstück von dir mit zu nehmen, um mich daran in den Schlaf zu schnüffeln. Aber eigentlich brauche ich das nicht, denn du bist so lebendig in mir.

Wieder ein roter Kreis um einen weißen, mit der Zahl 70. Etwas groß und zu künstlich für eine Blume, denke ich, und muss wieder lächeln, fange an der 70 eine neue Ordnung zu geben, so wie 70 Tage oder 70 Menschen oder 70 Jahre *grins*. Wer ist wohl für diese Schilder auf gerader Strecke verantwortlich, weit und breit keiner der Täter zu sehen *doppelt grins*.

Der Nebel ist langsam in den Boden gesickert und gibt den Blick auf ein immer heller und grauer werdendes Straßenband frei. Und als mir das immer näher kommende Dorf so richtig gewahr wird, habe ich auch schon fast die Tankstelle am Ortseingang erreicht.

Vorbei an Klaus’ Anwesen, wo er unter der Woche seine Antikmöbel verkauft. Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht mehr besucht, und nehme mir vor, ihn mit dir zu besuchen, damit du bei ihm durch den Trödel stöbern kannst, der in dem alten Kuhstall hinter dem Verkaufsraum liegt.

Den Ort habe ich schon lange wieder verlassen und fahre eine kleine Anhöhe zu einem Waldstück hoch. Dahinter liegt schon das nächste Dorf, aber erst kommt wieder so eine deplazierte künstliche Blume der Geschwindigkeit. 50, lese ich, und keine Blätter, denke ich. Ich beschließe runde Straßenschilder mit bunten Blütenblättern zu erfinden. Wirkt doch viel freundlicher. Unter die 50 schreibe ich noch ein freundliches „Bitte“. 

Während ich mir noch vorstelle welche Ehrungen mir für die Verschönerung von Schildern zuteil wird, habe ich auch den nächsten Ort hinter mir gelassen. Jetzt wird die Straße etwas breiter und ich kann wieder 80 fahren.

Der Windpark links auf dem Berg muss auch neu sein. Obwohl die Propeller sehr groß sind, schaffen sie es nicht sich auch nur ein paar Zentimeter vom Boden in die Luft zu bewegen. Ist wohl auch nicht ihre Aufgabe. Wie viele arme Hubschrauber hier wohl eingepflanzt wurden, die mit ihrem Luftleben abgeschlossen haben *schnief und laut lach*.

Unaufhaltsam reiße ich Kilometer um Kilometer ab und wie durch einen Nebel an Gefühlen und Gedanken an Eindrücken und Gegend erkennen, dringt der Verkehrsfunk mit den ersten Staus des Tages in mein Ohr und in mein Hirn.

Das Radio läuft ja noch immer. Kein Stau auf meiner Strecke. Kaum ein Wagen, der mir entgegen kommt. Und der weiße Kombi hat es schon lange aufgegeben mich zu verfolgen. Ich bin eh stärker.

Gleich kommt schon der große Wald mit den steil herabführenden Serpentinen und dann nur noch ein Dorf  bis ich auf dem Platz bin. Wenn ich heute Nacht nicht so gebummelt hätte, wäre ich bestimmt schon lange als erster wieder zurück, aber das ist mir ziemlich egal.

Jetzt, wo ich durch den Wald fahre, suche ich ihn unwillkürlich nach Plätzen ab, wo du dich gerne aufhalten würdest; und tatsächlich sehe ich die ein oder andere Stelle, die dir gefallen könnte. Dann denke ich wieder bei mir, was dir wirklich gefällt? Ich werde dich einfach fragen!

So, nun noch zwei bis drei Kurven und auch der letzte Berg ist geschafft. Enge Straßen hier in Nuttlar.

Und wieder parkt so ein dummer Mensch fast auf dem Mittelstreifen. Ich muss hinter ihm anhalten, um die zwei riesigen Holzspäne- Gliederzüge vorbei zu lassen und ernte dafür ein freundliches Nicken und einen dankenden Gruß. Langsam geht es weiter, wieder eine blütenlose, die mich 30 bittet.

Bei der Sparkasse rechts. Die Kirche auf der linken, meine frühere Wohnung auf der rechten Seite, daneben mein alter Laden. Hier kenne ich jeden Straßenstein, aber nicht sehr viele Menschen. Die meisten Steine geben hier auch mehr her als viele der Dörfler, mit denen ich nie so richtig warm geworden bin.

Über den Mäusehügel und über die Gleise rechts, zwei Straßen weiter, wieder rechts, über die Schienen, dann links. Das Hoftor ist schon geöffnet und ich frage mich, ob ich wohl die Eindrücke und Gedanken meiner Heimfahrt herüberretten kann, um sie dir aufzuschreiben? Ich bin da!

So nun den LKW versorgt und die Tagespapiere erledigen und dann ganz schnell nach Hause. Werde ich wohl die passenden Worte finden? Den PC angestellt; und wie ich noch die ersten Zeilen überlege,  strömt es auch schon aus mir heraus und ich bin wieder auf dem Heimweg.

Nur mit der Gewissheit, dass du die diese Zeilen nun liest, dabei sein kannst; und das macht mich sehr glücklich.

„Strahlend schöner Junimorgen, Watteweiche Nebelschw...“


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