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"Er und sie" - 
und andere Großstadt-Geschichten

Von Martin Friedrich

Medienkompetenz

Das Reisebüro um die Ecke, an einem Samstag gegen 20:00 Uhr. Der Laden mit dem großen Schaufenster ist immer noch hell erleuchtet. Der Inhaber arbeitet am Computer. Seine Frau hantiert mit Papieren, schreibt etwas, legt ein Blatt beiseite. Das Kind auf ihrem Schoß, ihr Sohn, nimmt keine Notiz vom Tun der Mutter. Sein Blick ruht auf dem Computer Monitor, wo der Vater mit schnellen Mausklicks zwischen verschiedenen Fenstern hin und her wechselt.

Die Fremde im Zug

Die Fremde im Zug
auf ihr Buch, konzentriert.
Nur an Bahnhöfen
schaut sie hinaus;
nur langsam
beginnt ein Gespräch.

Freundlich ihr Blick
ein kleines Lächeln
während sie
temperamentvoll erzählt

Doktorandin deutsche Geschichte -
Bismarcks Außenpolitik.

Pausen dazwischen.
In ihren Augen lese ich,
worüber sie nicht spricht
das eigene Leid,
das der Tochter
des Mannes, der Mutter.

Das unauslöschliche Leid
einer Frau aus Afghanistan.

 

Neue Stadt, neue Frau

Die Weihnachtfeier für die Hockey-Kids war im vollen Gang. Nur mühsam konnte er sich an den Tresen im Vereinslokal heran drängen, um an diesem kalten Wintertag einen Glühwein zu bestellen.

„Na, und, wie geht’s“, fragte der junge Mann neben ihm seinen Bekannten.

„Nicht schlecht“, antwortete der, ich fange an, mich einzuleben.“

„Gefällt dir die Stadt?“

„Schon OK“, kam die Antwort, „neue Stadt, neue Frau,“

„Dann geht es dir ja wirklich nicht schlecht.“

„Die Verflossene heiratet in 14 Tagen. Scheiße, aber das ist jetzt gegessen“, er hob sein Glas und trank es in einem Zug aus.

„Kann man nichts machen“, antwortete der Mann neben ihm. „So ist das Leben! Trinken wir noch was?“

Während er seinen Glühwein trank, sagten die beiden neben ihm nichts mehr.

*****

So sieht man sich mal wieder

Kaum hatte er am U-Bahn-Automaten die Fahrkarte gezogen und das Wechselgeld eingesteckt, als er schon hörte, wie der Zug einfuhr. Er lief die Treppe hinunter. Kurz bevor sich die Tür automatisch schloss, rannte er noch in das nächste Abteil und setzte sich auf einen der wenigen freien Plätze.

Erst jetzt blickte er die Frau an, neben der er Platz genommen hatte Es war Elvira, seine Freundin der ersten Semester. Sie hatten sich aus den Augen verloren, während er vier Semester lang in einer anderen Stadt studiert hatte.

„Wie immer in Eile“, sagte sie. Sie lächelte nur wenig. „So sieht man sich mal wieder!“

Er suchte nach einer passenden Antwort. „Wie geht es dir?“ fiel ihm nur ein.

„Ich kann nicht klagen“, antwortete sie, schon im Aufstehen, während der Zug bremste.

Ihr Knie berührte ihn ganz leicht. Er sah ihr nach. Einen Moment lang spürte er den Impuls ihr zu folgen, blieb dann aber doch sitzen.

Nur kurz spürte er noch einen Hauch ihres Parfüms.

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*****

„Wir Deutschen“

Samstagvormittag auf der Frankfurter Zeil. Hektik, Gedränge, alle haben es eilig. Der Bauernmarkt auf der Konstabler Wache mit seinen Ökoprodukten hat wie immer viele Einkäufer angezogen. Die Meisten tragen große Einkaufstüten.

Ein junger Mann, dunkler Anzug, Schlips, schwarzhaarig, vielleicht ein Perser, hat es sehr eilig. In der einen Hand hält er ein Eis, die andere drückt das Handy ans Ohr. Er schaut nicht nach vorn, blickt seinen Begleiter an. Er prallt mit einem Passanten zusammen, der nicht schnell genug zur Seite springen kann.

Er ist wütend, das Eis hat eine breite Spur auf Krawatte und Jackett hinterlassen. Er brüllt los: „Kannst du nicht aufpassen, du Idiot, du Penner!“

Der angerempelte Passant sagt nichts, bleibt erschrocken stehen, ist um eine Antwort verlegen.

In diesem Moment mischt sich ein anderer Dunkelhaariger ein, dem Aussehen nach ein Türke: Er schiebt sich zwischen die Beiden, schaut den schimpfenden Perser an: „Wir Deutschen sagen ‚Sie’, wenn wir mit Fremden reden!“

Der Perser blickt zu dem großwüchsigen Türken hoch, verstummt, geht vorsichtig um ihn herum, verschwindet in der Menge.

*****

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Heimweg in der City 

Er hatte sich vom letzten Seminarteilnehmer verabschiedet. Geschafft, endlich Wochenende!

Er verschloss die Eingangstür, betätigte den Schalter, um den großen Rollladen am Schaufenster des ehemaligen Ladengeschäfts herunter zu lassen. Nun musste er nur noch das Rollo der Tür schließen. Er zog an dem Riemen, aber nichts bewegte sich.

Er schloss die Tür wieder auf und blickte zum Rollokasten. Da war nichts zu machen: Das Rollo saß fest, nur wenige Zentimeter waren zu sehen. Er lief durch alle Räume, aber es gab keine Stühle ohne Rollen, auf die er sich sicher stellen könnte, um die Rollokante zu erreichen und herunter zu ziehen. Was sollte er machen? In allen Räumen gab es nichts, was er als Werkzeug gebrauchen konnte.

Während er noch überlegte, sah er am Rand der kleinen Grünanlage auf der anderen Straßenseite drei Männer und einen Jungen. Das war die Rettung, er würde den Jungen auf die Schulter nehmen, der könnte dann das Rollo erreichen.

Er ging hinüber und sprach den Kleinen an, erklärte, was er von ihm wollte.

„Was wollen Sie von dem Kind?“ fragte unwirsch der Ältere der Männer. Er hatte bis jetzt nicht darauf geachtet, dass es Türken waren.

„Es ist nicht gefährlich für ihn, ich hebe ihn auf die Schulter, er zieht das Rollo herunter, und das ist schon alles“, antwortete er.

Der alte Türke blickte ihn misstrauisch an: „Wollen Sie da rein oder raus?“ wollte er wissen. Als er versicherte, dass er nur die Tür ordentlich verschließen wollte, nickte der Alte zufrieden. Er befahl dem Jungen, mit seinem Vater rüber zu gehen, und zu helfen.

Zwei Minuten später verließ er endlich das Haus durch die Seitentür, nicht ohne einen zufriedenen Blick auf das heruntergelassene Rollo.

Kurz darauf hatte er die Verkehrsinsel erreicht, an deren Rand drei Straßen einmünden, und wo selten jemand auf die Ampeln achtet. Neben ihm stand eine Perserin, eine schöne junge Frau mit buntem Kopftuch. Während er sie verstohlen betrachtete, schickte sie sich an, nach einem schnellen Blick nach links, die Straße zu überqueren. Er sah nur wenige Meter hinter ihr ein Auto herankommen.

Er packte sie am Arm und zog sie zurück. Sie fuhr herum. Erschrocken und zugleich wütend starrte sie auf seine Hand an ihrem Arm. Er zeigte auf das Auto, das inzwischen schon vorbei war.

„Danke, das war wohl knapp“, sagte sie. Jetzt lächelte sie, ihre dunklen Augen strahlten ihn an.

Einige Straßen weiter wich er an einer Straßenecke einer Frau mit Kinderwagen aus. Im gleichen Moment stieß er mit einem jungen Mann zusammen, der mit zwei Freunden in die gleiche Straße einbog.

„Weißu Altä, kannsu nich aufpassen, has nich genug Zeit?“ schimpften sie hinter ihm her.

Er ging weiter. Er freute sich aufs Wochenende.

*****

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Nasrims Helfer

Er freute sich, nach 20 Minuten aus der überfüllten U-Bahn aussteigen zu können. Das Büro des Kunden, den er besuchen wollte, lag in einer Vorstadt, in der noch nie gewesen war.. Trotz der Enge in dem überfüllten U-Bahn-Wagen war er gut gelaunt: Er hatte sich über die Hilfsbereitschaft der Mitreisenden gefreut, die ihm erklärt hatten, wann er aussteigen musste, und die es irgendwie geschafft hatten, auch noch für den Kinderwagen einer jungen Mutter Platz zu schaffen.

Auf dem Bahnsteig überholte er drei kleine Jungen, ihr Gespräch verwunderte ihn:

"Du gehst mit Nasrim, ich laufe nach Hause und hole meinen Bruder. Wir treffen uns dann vorn am Kiosk", sagte der Blonde, "dann passiert nicht schon wieder etwas."

Auf seine Frage, was denn passiert sei, bekam er zur Antwort, ein Mann mit Maske habe Nasrim an der Kehle gepackt, mit einem Messer hantiert, und ihn erst losgelassen, als Nasrim großer Bruder ihn gegen das Schienbein getreten habe.

"Ich habe den Mann noch nie gesehen", sagte Nasrim in flüssigem, nur leicht dialekt-gefärbten Deutsch. "Er hat mir Angst gemacht. Aber meine Freunde helfen mir!"

*****

Die Prinzessin und der Höllenhund

Nach mehreren Kundenbesuchen, von denen nur einer halbwegs erfolgreich verlaufen war, hatte er spät am Abend nur noch einen Gedanken: In der Stammkneipe ein paar Bier trinken, und dann ins Bett! 

Doch vorher schaute er doch noch kurz nach seinen Emails. Unter all dem unwichtigen Zeug war eine Antwort, die ihn allen Stress vergessen lies. Auf den Vorschlag der lieben Freundin, sie doch mal mit einer Geschichte von Zwergen und Zauberern aufzuheitern, hatte er am Vortrag so reagiert:

"Eine Prinzessin hat in ihrem riesengroßen blauen Himmelbett ihren Trunk zu Nacht zu sich genommen. Sie schläft auch sofort ein. Daran liegt ihr viel, denn immer wenn der Haushofmeister die Kerzen gelöscht hat, meint sie, ein Höllenhund schaue sie über die Kante ihres Betts hinweg an.

Doch dann träumt sie von dem Höllenhund. Sie hat große Angst und erwacht. Trotz ihrer Angst kann sie den Blick nicht von dem Ungetüm abwenden. Sie schaut ihm immer tiefer in die riesigen großen Augen.

Auf einmal merkt sie, dass diese Augen sie gar nicht drohend, sondern traurig und sehnsüchtig anschauen. Wie magisch ziehen diese Augen sie in ihren Bann. Und plötzlich tut die Prinzessin etwas, von dem sie glaubt, dass sie es nie hätte tun können: Sie krault den Höllenhund zwischen den Ohren.

Der lässt ein Schluchzen der übergroßen Rührung hören. Sie streichelt ihn weiter. Und nun geschieht das Wunder. Der Höllenhund verwandelt sich in einen Prinzen von überirdischer Schönheit. Die Prinzessin ist von seinem Anblick so angetan, dass sie ihre Arme nach dem schönen Prinzen ausstreckt, und er sinkt zu ihr auf das Bett. Sie lieben sich sofort und bis bei alt und grau sind.

Die Prinzessin wusste nicht, dass ihr Vater, der Kaiser, der zaubern konnte, schon viele Monate lang immer neue Bewerber um die Hand seiner Tochter in Höllenhunde verwandelt hatte. Er hatte diesen Prinzen versprochen, dass sie die Hand seiner schönen Tochter bekämen, wenn es ihnen gelinge, die Ängste der Prinzessin zu überwinden."

Und das war die Antwort seiner Emailfreundin, die seinen Abend rettete:

"Als die Prinzessin eines Morgens erwachte, freute sie sich sehr. Es war ein heller warmer Wintermorgen, und durch die mittlerweile kahlen Zweige des großen Ahornbaumes im Hof schien die Sonne in das Fenster der gemütlichen Schlossküche. Die Prinzessin beschloss, nach dem Frühstück gleich mit ihren Hunden in den Schlosspark zu gehen. 

Vorher las sie aber noch neugierig den Brief, mit dem der Bote so schnell er konnte quer durch das ganze Land geritten war. Aber als er dann endlich mitten in der Nacht das Schloss erreicht hatte, hatte die Prinzessin schon geschlafen.

Als die Prinzessin den Brief las, freute sie sich gleich noch mehr, und gutgelaunt ging sie mit den beiden Hofhunden nach draußen. Es war sehr windig, aber das gefiel ihr, und interessiert schaute sie zu, wie die Wolken immer schneller über den Himmel zogen.

Die dunklen Wolken, die in der Ferne heranrückten, sah sie natürlich auch, aber sie kümmerte sich nicht weiter darum, und leichtsinnig entfernte sie sich immer weiter vom Schloss. Dann passierte es: Auf einmal fing es heftig an zu stürmen, dass die alten Linden im Schlosspark hin und her schwankten. Mit dem Sturm kam auch der Regen, und es dauerte nicht lange, bis die Prinzessin völlig durchnässt war. Sie zog sich ihre Kapuze über den Kopf, aber auch das half ihr nicht viel. Scheiße, dachte die Prinzessin, aber weil sie eine richtige Prinzessin war, sagte sie das natürlich nicht laut.

Als sie endlich wieder beim Schloss war, hörte der Spuk so plötzlich auf, wie er gekommen war: Es regnete nicht mehr, und zwischen den Wolken lugte auch schon wieder die Sonne hervor. Da war die Prinzessin ziemlich sauer, dass gerade ihr so was passieren musste, aber wie das so ist, legte sich ihre Wut bald wieder, und jetzt geht sie erst einmal duschen."

*****

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Total online

Beim ICQ Chat mit seinem Freund „UB“ fragte der ihn, ob er ein Handy habe.

Er bejahte. „Kannst du mir deine Nummer sagen? Es ist ein Test“, antwortete UB umgehend.

Er tippte die Ziffern ein und klickte „Send“.

Wenig später blinkte das ICQ Icon in der Taskleiste erneut. Während er diese Nachricht öffnete, die den Anruf ankündigte, klingelte sein Handy und meldete eine sms-Nachricht. Text: „Eine sms aus dem Internet von „U.-B.“. Gut angekommen?“

„Ja, angekommen. Alles OK“, tippte er in sein Handy, das sofort nach dem Absenden der Antwort erneut klingelte. Diesmal war es eine sms, die ihm einen ‚Anruf in Abwesenheit’ auf seiner T-Net Box ankündigte. Er hatte das Telefongespräch nicht schnell genug angenommen, weil er gerade den Freudenausbruch von UB im ICQ Chat gelesen („Cool, es funktionierte also!!“) und seine bestätigende Antwort eingetippt hatte.

Während er weiter mit UB chattete, stellte er den Lautsprecher des Telefons ein, drückte den Knopf zur automatischen Einwahl in die T-Net Box, gab seine Pin ein und hörte dann die Nachricht an, ein Kunde bat um Rückruf wegen eines Windowsabsturzes in seinem neuen Notebook.

Noch bevor er den fälligen Rückruf beim Kunden starten konnte, war eine neue sms auf dem Handy: „Ich musste es noch einmal versuchen“, teilte UB ihm mit.

*****

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Eine Liebe im Juli

Sie umarmte ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Dann schaute sie auf die Bahnsteiguhr. „Nur noch zwei Minuten“, sagte sie. Sie lächelte ihn an: „Es war so schön mit dir!“

Er antwortete nicht, hielt sie nur umschlungen, bis der Zug einfuhr. Er nahm ihre Koffer und folgte dem Tack-Tack ihrer hochhackigen Pumps, während sie auf den Wagen mit ihrem reservierten Platz zulief und einstieg.

Er reichte ihre beiden Koffer nach oben. Sie waren nicht sehr schwer. Sie blickten einander an, schon ein wenig wie Fremde. „Denk einfach, es war ein wunderschöner Traum, ein gemeinsamer Urlaub“, sagte sie noch, dann nahm sie ihre Koffer, wandte sich um und verschwand im Gang des 1.Klasse-Wagens.

Er rührte sich nicht vom Fleck, auch nicht, als der Zug anfuhr und nach wenigen Augenblicken eine Kurve umfahren hatte und seinen Blicken entschwunden war.

Sekundenschnell, wie im Zeitraffer, durchlebte er noch einmal die Stationen ihrer Begegnung:

Vor vier Wochen, auf dem gleichen Bahnsteig, hatte er einen Freund verabschiedet, der wie jedes Jahr im Juli Urlaub machte. Als dessen Zug losfuhr, hatte er sich abrupt umgedreht. Dabei war er mit einer jungen Frau zusammengestoßen.

Geistesgegenwärtig hatte er sie gestützt, ehe sie strauchelte. Als sich ihre Blicke trafen, war es um ihn geschehen. Er stammelte eine Entschuldigung, lud sie zu einer Tasse Kaffee im Bahnhofsrestaurant ein.

Sie blieben dort nur kurz. Sie hatte einen Termin und er musste ins Büro.   „Rufen Sie an, falls sie etwas brauchen“, sagte er, während er ihr seine Visitenkarte überreichte.

Und sie rief tatsächlich an, wollte nicht allein Essen gehen. Nun trafen sie sich jeden Abend nach der Arbeit. Sie kamen sich immer näher, entdeckten immer neue Gemeinsamkeiten. Nach einem Theaterbesuch und einem Drink in der Bar ihres Hotels brachte er sie zu ihrem Zimmer, küsste sie, wie schon an den beiden letzten Abenden.

Diesmal zog sie ihn ins Zimmer. „Ich will dich“, flüsterte sie. Er blieb bis zum gemeinsamen Frühstück bei ihr, in dieser Nacht, wie in allen folgenden, in denen ihr Bett ihre gemeinsame Insel war . Sie liebten sich oft, und sie führten endlose Gespräche, näherten sich vorsichtig dem Thema einer gemeinsamen Zukunft, obwohl sie beide gebunden waren.

„Morgen früh muss ich abreisen. Mein vierwöchiger Kurs in der Zentrale meiner Firma ist beendet“, hatte sie an ihrem letzten gemeinsamen Abend gesagt, und sich die Bettdecke bis ans Kinn gezogen, „wir werden uns nie wiedersehen. Wir müssen die Realitäten anerkennen, dürfen unser bisheriges Leben und unsere Partner nicht einfach verlassen.“

Seine Argumente, seine Beschwörungen waren vergeblich gewesen. Sie ließ sich nicht umstimmen. Und nun war sie fort.

Als er sich umwandte, um zu gehen, stieß er schon wieder mit jemandem zusammen, diesmal mit einem Bahnbeamten. Er entschuldigte sich hastig.

„Ist doch nichts passiert“, antwortete der Eisenbahner, „wirklich, es ist nichts passiert!“

Ärgerlich über seine Ungeschicklichkeit stieg er die Treppe zur Unterführung hinab. Er schaute auf seine Armbanduhr: „7, 36 Uhr, 1, Juli“, zeigte sie an. Er musste sich beeilen, um pünktlich im Büro zu sein.

*****

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Der Flirt

An der Theke meiner Stammkneipe wurden kurz vor der Sperrstunde bereits die letzten Getränke serviert. Die junge Frau, die erst jetzt das Lokal betrat, bestellte einen Weißwein. Sie ließ sich das Glas reichen, und blieb neben mir stehen. Sie nahm einen Schluck und nickte mir kurz zu, als sich unsere Blicke trafen.

Sie gefiel mir sehr: Lange rotbraune Haare mit etwas helleren Strähnen, knapp sitzende Jeans, ein hellblaues Top, darüber eine dunkelblaue Lederjacke. Ihre Augen hielten meinem Blick stand, ein Lächeln umspielte sekundenlang ihren Mund.

Dann wandte sie sich ab, schaute hinter sich, als ob sie einen Bekannten suchte. Der Mann an ihrer anderen Seite sprach sie an: „Wie ist der Wein hier? In dieser Kneipe habe ich vorsichtshalber nur ein Bier bestellt“. Er hob sein Glas und trank ihr zu.

Ihn hatte ich hier noch nie gesehen: schwarzer Anzug, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, eine teure Uhr. Krawatte trug er nicht, vielleicht hatte er sie vor dem Lokal abgenommen und in eine Jackentasche gesteckt.

Jetzt legte er sich mächtig ins Zeug, versuchte die Frau anzubaggern, machte ihr Komplimente, prahlte mit seinem erfolgreichen Tag als Daytrader. Er habe seit dem frühen Morgen Aktien so erfolgreich gekauft und genau im richtigen Moment wieder verkauft, dass er nun seinen Supergewinn einfach ein wenig feiern müsse.

Die Frau antwortete kaum. „Schön für Sie – interessant - nein, wirklich?“ Ihre kurzen, fast unfreundlichen Antworten entmutigten ihn nicht. Im Gegenteil. Er redete weiter auf sie ein. Dabei beugte er sich immer näher zu ihr hin, wie zufällig legte er seine Hand hin und wieder auf ihre.

Als der Wirt daran erinnerte, dass er jetzt das Lokal schließen müsse, leerte die Schöne ihr Glas.

„Es war so nett, mit Ihnen zu reden“, sagte der Daytrader, „wollen wir nicht gemeinsam noch etwas unternehmen?“

„Nein Danke“, antwortete sie, „ich bin schon verabredet, mit ihm“. Sie nickte zu mir hinüber. Als wir hinausgingen, hängte sie sich bei mir ein. Sie lächelte.

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*****

Begegnungen im Vorübergehen

Powerwalking am Nachmittag, 7,5 bis 8 km pro Stunde, danach war er süchtig. Im Laufen abzuschalten, den Kopf frei zu bekommen nach den sechs Stunden am PC und vor der zweiten mindestens so langen Schicht am Abend, abschalten und auf neue Gedanken kommen.

An diesem Nachmittag lief er eine sanft ansteigende Nordend-Straße entlang, die er besonders gern aufsuchte wegen der vielen Bäume und der prächtig renovierten Häuser, von denen viele über hundert Jahre alt waren.

Er genoss den leichten Wind, der die Hitze der Maisonne dieses Tages angenehm abmilderte. Unwillkürlich ging er langsamer als gewöhnlich.

„Ei, wie lange wohne Sie denn schon da?“ Die Stimme klang so dicht an seinem Ohr, dass er sich erstaunt umdrehte. Er sah eine Frau, vielleicht 60 Jahre alt, wohlbeleibt, auf einem Liegestuhl, der den Minibalkon des Hauses aus den fünfziger Jahren fast vollständig ausfüllte.

Die Frau blickte zu dem Balkon neben ihrem, der ebenso von einer wohlbeleibten, etwas älteren Frau im Liegestuhl besetzt war. Ihre Antwort: „Jetzt sind es schon fast drei Jahre, im Juni!“

Im Weitergehen sah er vor sich eine schwarzgelockte junge Frau in einem prallsitzenden roten Hosenanzug. Sie stand neben einem ebenso roten Cabriolet. Sie schien aufgeregt, gestikulierte mit kräftigen Handbewegungen.

„Gib mir endlich den Schlüssel!“ hörte er sie sagen, als er näher gekommen war. „Ich habe meine Wohnung eine Woche nicht gesehen. Nein, du kommst nicht mit. Verdammt noch mal, ich habe doch ein Recht auf mein eigenes Leben.“

Jetzt sah er auch den Mann, mit dem sie sich stritt. Er stand hinter dem Auto, offensichtlich ratlos, ließ die Schultern hängen.

Im Weiterlaufen hörte er nicht mehr, ob der Mann ihr antwortete.

Inzwischen wieder in seiner Straße angekommen, war ihm doch warm geworden. Er freute sich auf die Dusche. Auf dem Balkon eines der Altbauhäuser vor ihm beugte sich ein Mann in buntem Hemd und Shorts weit über die Brüstung.

„Nein“, sagte er, „den Heiner habe ich lange nicht mehr gesehen, schon seit zwei Jahren nicht mehr. Seit der Onkel tot ist, hat sich der Erbschleicher hier nicht mehr blicken lassen!“

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*****

Später Ruhm

Er hatte ihn schon länger nicht mehr getroffen, den dünnen, ziemlich großen Mann, mit dem buschigen weißen Bart. Dabei hatten Begegnungen mit dem weit über Siebzigjährigen für ihn seit Jahren zum Alltag im Viertel gehört. Fast täglich hatte er ihn gesehen, im Supermarkt, am Briefkasten, an der Haltestelle der U-Bahn. Fast immer hatte er eine schwere Aktentasche dabei.

So oft hatte er ihn gesehen, dass er sich immer mal wieder überlegt hatte, ihm einen Gruß zuzunicken, wie anderen Zufallsbekanntschaften aus der Nachbarschaft. Aber bei solchen Gelegenheiten hatte der Alte so abwesend und zugleich unnahbar durch ihn hindurch geschaut, dass er es gelassen hatte.

Bei der italienischen Gemüsefrau hörte er dann, dass er tot war. Gestorben in seiner Einzimmerwohnung unter dem Dach.

Aufmerksam geworden, begann er nun sich gezielt umzuhören, wo immer er etwas über den Alten zu erfahren hoffte.

Die Polizei habe seine Wohnung aufgebrochen, weil sein Briefkasten überquoll, weil kein Hausbewohner ihn wie üblich im Eingang oder auf der Treppe gesehen habe, berichtete man ihm. Mit keinem von ihnen habe er je gesprochen.

Herzversagen, tot seit drei Wochen. Für ein paar Tage war dies das Thema vieler Gespräche im Viertel.

Heute wurde er auf dem Hauptfriedhof begraben, anonym. Eine Nachbarin hielt die Totenrede. Sie war nur kurz; weder sie noch die 12 älteren Menschen, die ihr zuhörten, hatten jemals ein persönliches Wort mit dem Alten gewechselt.

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*****

Er und Sie

Das war Glück: Im gleichen Moment, als er die Rolltreppe verließ, kam ein Zug seiner U-Bahnlinie an. Jetzt, nach 19.00 Uhr, gab es genügend Sitzplätze. Er nahm einen Fensterplatz und holte den Palm aus der Brusttasche seines Jacketts hervor. Er begann den Artikel aus der Financial Times Deutschland zu lesen, den er vorhin im Büro aus dem Internet auf seinen Minicomputer geladen hatte.

„Die Dynamik zu Jahresbeginn lässt auf eine Wachstumsrate von deutlich über drei Prozent im Gesamtjahr 2000 schließen, anders als die meisten Analysten bislang erwarteten. Fast alle Komponenten des Indikators trugen im ersten Quartal positiv zur konjunkturellen Beschleunigung bei, so die Analyse der Institute. Der stärkste Impuls sei auf das gute Geschäftsklima im Einzelhandel zurück zu führen.“

Kurz vor der Abfahrt der Bahn nahm jemand auf der Bank ihm gegenüber Platz. Leicht irritiert nahm er das laute Atmen wahr. Bevor er weiter las, streifte sein Blick die junge Frau im dunkelblauen Businessanzug mit der offenen Jacke, unter der sich ein dunkelrotes Top hob und senkte. Nur flüchtig beachtete er ihr dunkles, leicht gewelltes Haar, die wachen Augen und den dunkel geschminkten Mund.

„Zur erneuten Beschleunigung des Wirtschaftswachstums im zweiten Quartal trägt nach Analyse der Institute vor allem die weitere Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar bei. Exportprodukte aus dem Euro-Raum seien besonders in den USA und in jenen asiatischen Staaten gefragt, die sich von der Finanzkrise der Vorjahre erholt hätten, sagte Wim Hulsman, Experte beim holländischen Institut CPB. Staaten wie Südkorea hätten ihre Nachfrage nach europäischen Gütern um bis zu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert.“

Er unterbrach seine Lektüre. Er hatte gespürt, dass sie ihn ansah. Nun schaute auch er zu ihr hinüber. Sofort wandte sie den Kopf und blickte aus dem Fenster. Einen Moment lang erlaubte er sich, sie zu betrachten. Was er sah, gefiel ihm sehr: die schlanke Gestalt, das klare Profil, die kleinen Lachfalten an ihrem Mundwinkel.

Jetzt schaute auch sie ihn an. Er fühlte sich ertappt, und versuchte weiter zu lesen. Die U-Bahn hielt. Sie stieg nicht aus. Wieder blickte sie zu ihm hinüber. offen, fast fragend. Eine Sekunde lang war ihm, als ob sie ihn anlächelte.

Soll ich sie ansprechen, fragte er sich, was kann ich ihr sagen, ohne aufdringlich zu wirken? Er gestand sich ein, dass sie ihm immer begehrenswerter vorkam.

Egal, ich spreche sie an, beschloss er, spätestens, wenn sie auch an der nächsten Station nicht aussteigt.

Nun schaute er sie ganz offen an. Sie wich seinem Blick nicht aus. Er liebte ihren wiederum leicht lächelnden Mund. Wie in einem Sekundenfilm sah er ihre gemeinsamen Zukunftsmöglichkeiten vor sich: Kino, Essen gehen, vielleicht Küsse, vielleicht mehr?

Er lächelte.

Dann hielt der Zug. Während sie ausstieg, nickte sie leicht zu ihm herüber. Als sie an seinem Fenster vorbei ging, blickte sie nicht mehr zum ihm hoch. Er sah ihr nach. Fast glaubte er, das Klappern ihrer Pumps auf dem Bahnsteig zu hören. Während der Zug wieder anfuhr, verlor sie sich zwischen den anderen Fahrgästen.

Er las weiter. Der Artikel über die Wachstumsprognosen im Euro-Raum war sehr interessant.

*****

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Tempo

Er sah ihn schon von weitem bei seinem täglichen Walken im Anlagenring, das er an diesem Tag praktischer Weise mit einem Weg zu einem Kunden verbunden hatte. Gezwungener Maßen trug er deshalb die Berufsuniform: Dunklen Anzug, weißes Hemd und Krawatte. Weil ihm ziemlich warm geworden war, hatte er das Tempo seiner Schritte schon etwas verringert. Er hoffte, trotzdem rechtzeitig beim Kunden zu sein.

Der alte Mann, den er an dem Einkaufswagen erkannt hatte, auf dem sich in prallen Plastiksäcken alles stapelte, was er zum Überleben in der Großstadt brauchte, saß etwas in sich gesunken und mit hängenden Schultern auf der Bank, die seit einigen Wochen sein Stammplatz war.

In dieser Zeit hatte sich so etwas wie eine Bekanntschaft zwischen ihnen entwickelt. Der alte Mann hatte als erster mit einem Kopfnicken gezeigt, dass er ihn wieder erkannt hatte. Etwas erstaunt hatte er ihm ebenfalls kurz zugenickt. Inzwischen waren sie dazu übergegangen, sich mit "Hallo", "Guten Tag" oder sonst wie zu begrüßen.

"Hallo, alles klar?", sagte er, als er sich dem alten Mann bis auf wenige Meter genähert hatte. "Wie man's nimmt", antwortete der.

Er lief weiter, in Gedanken schon bei dem Kunden und dem Angebot, über das er mit ihm reden wollte.

"Nur mit Tempo kommen Sie auch nicht zum Glück, Chef!" hörte er hinter sich die Stimme des alten Mannes. Im Laufen drehte er sich um. Der Alte winkte ihm zu. Er winkte kurz zurück und lief weiter.

"Nur mit Tempo kommen sie auch nicht zum Glück!" Er hatte diese Worte noch im Ohr. Was weiß der Alte schon von mir, rechtfertigte er sich. Immerhin laufe ich ja zum Kunden. Wenn es mir nur darum gegangen wäre, Zeit zu sparen, dann hätte ich die U-Bahn oder ein Taxi genommen.

Andererseits hatte er doch Zeit eingespart, denn nun brauchte er sein tägliches Laufpensum nicht am Abend zu absolvieren.

"Nein, irgendwie hat der Alte Recht", sagte er sich, während er weiter lief. "Die Tage und Stunden rasen an mir vorbei, obwohl ich versuche, jede Minute mit so viel Tempo wie möglich auszunutzen. Das muss anders werden!"

Im Hochhaus, in dem der Kunde sein Büro hatte, stieg er in den Fahrstuhl zum 47. Stock. "Ich muss unbedingt mehr Ruhe finden", beschloss er, während der Lift nach oben raste. "Nächste Woche fange ich damit an. Diese Woche ist einfach noch zu viel zu tun".

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"Virtual Reality"

Er war ratlos: Die Email hätte schon längst abgeschickt werden müssen. Aber die Antwort an den anspruchsvollen Einkaufsleiter des wichtigen Geschäftspartners war einfach zu schwierig. Er konnte nicht liefern, und er musste das so formulieren, dass der Geschäftspartner nicht noch ungeduldiger wurde, als er ohnehin schon war.

Er schloss die Email ohne sie zu speichern. Die Mittagspause hatte schon längst begonnen. Ihm war der Appetit vergangen. Er verzichtete auf die Kantine. Stattdessen nahm er den Aufzug nach unten und ging in die nahe Anlage. Eine halbe Stunde zu walken würde ihm jetzt gut tun, hoffte er.

Nach wenigen Schritten fand er seinen gewohnten Rhythmus. Alle Ampeln an der Kreuzung vor ihm sprangen in seiner Richtung auf Grün. Er lief schneller, um die drei Straßen, die hier einmündeten, auf einmal zu überqueren.

Er sah auf die Ampeln und gleichzeitig hatte er immer noch die Email mit der Beschwerde des Einkaufsleiters überdeutlich vor Augen.

Plötzlich strauchelte er. Das gibt es doch nicht!, schoss ihm durch den Kopf, während er vergeblich versuchte, auf den Beinen zu bleiben.

Er stürzte auf die Fahrbahn. Ein Jogger half ihm auf die Beine. „Bist du Okay?“

„Danke, ich muss gestolpert sein“, antwortete er und blickte auf die Fahrbahn, auf der die Autos längst wieder fuhren.

Auf dem Weg zurück begann er die Schmerzen in seiner linken Hand zu spüren.

„Was haben Sie denn angestellt“, fragte ihn die Apothekerin, bei der er ein Pflaster für den aufgeschürften Daumen kaufte.

„Nichts weiter“, antwortete er, „ich habe nur ein wenig „Virtual Reality“ erlebt.“

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