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Der weite Weg

Von Stefanie Guttstadt


Zu Kapitel 1 - Zu Kapitel 2 - Zu Kapitel 3


Kapitel 1: "Die Katzen brauchen was zu essen"

Mensch, du hast ja einen Scheiß geträumt ! Du hast geträumt, du hättest einen Unfall und man hat dir das linke Bein amputiert - Was für ein Blödsinn !!

Ich sehe mich um - überall Kacheln, schräg links eine Uhr ...

***

Es ist ein schöner warmer Sommertag, einer der letzten im Jahr. Es ist der neunte September. Mit den Motorrädern sind wir an den Eichbaumsee gefahren. Wir wollen uns noch einen richtig schönen faulen Tag machen: in der Sonne lümmeln, im Wasser toben, picknicken, lesen, spielen, rumalbern. 

Hinterher fahre ich dann Gabi noch nach Wankendorf, zu ihren Eltern. Das ist so abgemacht. "Mensch, hoffentlich passiert während der Fahrt nichts", "Ach Quatsch, was soll denn passieren ! Ich frage mich nur, wie wir die Krücken am Moped befestigen wollen ?" Gabi läuft an zwei Krücken. Sie ist in meiner Handballmannschaft und hat sich ein paar Monate zuvor bei einem Punktspiel das rechte Sprunggelenk total gebrochen. Noch immer darf sie nicht auftreten.

Die Fahrt dauert zwar etwas länger als geplant, und ihre Mutter macht sich schon Sorgen, aber alles geht gut. Und dann werden wir mit Schwarzbrot und Spiegelei verwöhnt. Mensch, ist das lecker. Das habe ich ewig nicht mehr gegessen. Ich lange tierisch zu. Immer wieder muss ihre Mutter ein paar Spiegeleier nachbraten. Und irgendwann ist dann Schluss. Ich bin pappsatt, und ich muss nach Hause.

In der Zwischenzeit hat es angefangen zu regnen. Ich ziehe meine orangefarbene Regenkombi und meine Sturmhaube über, und binde mir noch das Palästinensertuch fest um den Hals. "Bäh, dieser fiese Nieselregen findet alle Ritzen und kriecht einem dann langsam den Nacken runter, brr", ich schüttle  mich und ziehe meine Schultern bis zu den Ohren hoch. Gabi und ihre Mutter gucken mich mitleidig an. Ich setze den Helm auf, starte die Maschine und los geht's. Es ist schließlich schon elf Uhr.

Die Strecke ist fies. Nichts kann man richtig sehen. Durch den Nieselregen ist mein Visier total beschlagen. Vorne sind zum Glück Autos. An den Rücklichtern kann ich mich orientieren. 

Und wenn ich den Umweg über Neumünster fahre? 

Ich bin mir nicht sicher. 

Dort fahr' ich wenigstens Autobahn, einfach nur geradeaus. 

Hier kenne ich die Strecke nicht so gut. 

Ist aber kürzer. 

Ich fahre weiter.

Oh, Mann, auch das noch ! Die Maschine fängt plötzlich an zu stottern. Wärst du doch bloß auf die Autobahn gefahren, da hättest du wenigstens den ADAC benachrichtigen können, hier triffst du doch keine Sau ! 

Vorsichtshalber fahre ich rechts ran, auf den dicken grünen Seitenstreifen. Und schon geht die Maschine aus. Mist ! Ich drehe an den Benzinhähnen und pumpe ein wenig, durch Drehen am Gasgriff. 

Hast du etwa vergessen zu tanken ? 

Ich schüttle meine Maschine. Das leichte Schwapp-Geräusch aus dem Tank sagt mir, dass da noch was drin sein muss. Ich versuche zu starten. Außer dem whm, whm, whm tut sich da nichts. 

Mensch, spar' lieber Batterie und versuch' es mir dem Kick ! 

Aber auch da nichts. 

Scheiße - und das hier in der Pampa ! 

Panik kriecht langsam meinen Rücken hoch. 

Was kann das denn sonst noch sein ? 

In dieser Dunkelheit ist rein gar nichts zu sehen. 

Rrrh! Während des nächsten Startversuches schaue ich in den Rückspiegel. 

Vielleicht kommt ja keiner, und ich kann gleich losfahren. 

Aber ich sehe nur zwei Scheinwerfer, immer dichter. Startversuch, in den Rückspiegel schauen, fragen, ob es nicht besser ist, durch Lichtausmachen Batterie zu sparen, und Krachen ist eins.

Krck, knck ... Ich werde von der Maschine gerissen, schlage mit dem Kopf einmal auf und liege auf der Straße. Um mich rum ist es still. Ich sehe keine Rücklichter. 

Mensch, das Schwein macht Fahrerflucht ! 

Und dann sehe ich nichts meh. Ich liege auf dem Rücken. Ich fange an zu schreien. Zuerst nur ein Kreischen, und dann "Hilfe, Hilfe !!"

 Nichts passiert. Ich werde seelenruhig, denke logisch. Weit und breit kein Haus, kein Hof ! Hier hört dich doch keiner - spar' lieber deine Kräfte. 

Ich lasse den Kopf wieder sinken. Mir wird schlecht. Ich kriege Schweißausbrüche. Ich kriege keine Luft mehr. Mir ist speiübel. 

Oh Gott, nein, gleich geht's los ! Ich schlucke. Was soll ich nur machen ? Soll ich den Helm abnehmen ? 

Ich sehe meinen Kopf in zwei Hälften auseinanderfallen. 

Aber lieber gleich tot, als langsam an der eigenen Pampe ersticken. 

Ich nehme meinen Helm, die Mütze und das Palästinensertuch ab. Bei Motorradfahrern darf man niemals den Helm abnehmen. Ich wollte mir immer so ein Schild auf den Helm kleben - zur Sicherheit. Man weiß ja nicht, was für Kopf- oder Halsverletzungen vorhanden sind. Also erst röntgen lassen ! Aber das ist mir jetzt egal. - Oh, welch eine Erleichterung!

Und dann spüre ich nur noch ein Brennen in meinem linken Bein. Es liegt irgendwie schief. Sehen kann ich nichts. Ich versuche auch gar nicht es gerade hinzulegen. Ich traue nicht, mich zu bewegen. Ich liege einfach nur da und warte. Mit der linken Hand taste ich vorsichtig meine Umgebung ab. Ich liege auf der Fahrbahn. 

Oh, hoffentlich sieht mich der nächste Autofahrer !

Und plötzlich spüre ich ein Rauschen an meinem Ohr. Ganz dicht. Ein Auto ist nur ein paar Zentimeter an meinem Kopf vorbeigefahren - oder war es ein Meter

Hat er dich gesehen ? Ich liege weiter da und warte. Hoffentlich sieht dich der nächste Autofahrer und kann zumindest ausweichen. Ich leb' doch noch !!

Wieder fange ich an zu schreien.

Würde ich jemanden schreien hören, wenn ich im Auto an ihm vorbeifahren würde? Ich höre auf zu schreien. Wer weiß, wie lange ich hier noch liegen muss.

Und wie aus dem Nichts kommt ein Mann auf mich zu. Oh, ich bin erleichtert. 

Aber wo kommt der denn her ? Ich hab' doch gar kein Auto anhalten sehen

"Bleiben Sie ganz ruhig liegen, meine Frau ist unterwegs und holt Hilfe. Sie hatten Glück, eine Notrufsäule ist ganz in der Nähe." Er sagt das ganz ruhig. Ich versuche mich aufzurichten. Er drückt mich sanft wieder runter. Hält meine Hand. 

"Machen Sie sich keine Sorgen, bleiben Sie einfach liegen. Ich bleibe bei Ihnen." Und dann noch: "Waren Sie alleine auf dem Motorrad ?" Ich schüttle den Kopf. Ich lächle ihn an. Ich fühle mich in Sicherheit, fast geborgen.

"Und was ist mit dem Auto ? Ist es weggefahren ?" "Nein, es steht da vorne." Der Mann schüttle t fassungslos den Kopf. "Der Fahrer lag auf seinem Lenkrad und schlief. Den mussten wir erst mal wecken." Wieder schüttle t er den Kopf.

"Können Sie mein Bein bitte gerade hinlegen, es liegt so schief." Er sieht runter zu meinem Bein. "Nein, es liegt gerade." Und er hält meine Hand , und er sieht mich an und erzählt Geschichten. Und ich fühle mich in Sicherheit.

Plötzlich wird es hektisch um mich rum. "Hier muss irgendwo noch jemand liegen. Ich habe einen Schuh gefunden !" Jemand hält meinen roten Regenüberschuh in der Hand. 

Wo kommt der denn her ? Den hatte ich doch gar nicht an, der lag doch im Koffer ?! 

"Nein, ich war alleine !" Nur den letzten Satz sage ich laut. Die Leute beginnen panikartig mir Fragen zu stellen, auf mich einzureden. "Aber hier muss doch noch jemand sein, wer hat denn die Sachen hier so ordentlich zusammengelegt ?" Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Mein Tuch ist fein säuberlich zusammengelegt, Ecke auf Ecke. Die Sturmhaube liegt einmal gefaltet daauf, dann kommt mein Helm und meine Brille liegt zusammengeklappt davor. Ich lächle: 

Komisch, das kann nur ich gewesen sein. Das hab' ich gar nicht gemerkt.

Und immer noch diese Hektik um mich herum. Ich werde unruhig. Ich kriege Angst. "Die Leute sollen weg !" Ich fange an zu zittern. Mit fester Stimme und ganz seelenruhig bestimmt der Mann, wer die anderen wegschicken, wer die Unfallstelle absichern, und wer den Krankenwagen einweisen soll. Er beschäftigt alle. Es wird ruhiger um mich rum. Und der Mann hält meine Hand und erzählt Geschichten.

Auf einmal hockt er neben mir, ein junger Mann in weinrotem Sweatshirt mit feinen grauen Streifen und schwarzen Jeans. Mein Betreuer sagt: "Das ist der Mann, das ist der Autofahrer. Wir mussten ihn wecken und ihm sagen, dass er eine junge Frau überfahren hat."

 Ich schaue den jungen Mann an. Er hat eine Schnittwunde auf der Stirn. "Oh, Sie sind ja auch verletzt. Tut es doll weh ?" Er schüttle t den Kopf. Und dann bittet er mich zu erzählen, was passiert ist. Ich murmle etwas von Motorrad kaputt und Licht aus. Die Frage des Lichtausmachens um Batterie zu sparen, steckt mir noch im Kopf. Das Licht brennt immer noch. 

Aber die Antwort wird mir zum Verhängnis. "Erzählen Sie das auch der Polizei ?" Ich weiß nicht, was seine Frage soll. "Ja, warum denn nicht ?" "Ich hab' nämlich ein Glas Wein getrunken." Hinterher erfahre ich, es war nicht ein Glas Wein, es war viel mehr. Er hatte 2,2 % im Blut. Wir werden unterbrochen: 

"Ich bin Arzt." Ein großer schlanker Mann hockt sich neben mich, schiebt den jungen Autofahrer beiseite. Seine Hände tasten meinen Kopf ab. "Am Kopf ist ja gar keine Verletzung ! Aber wo kommt denn das viele Blut her ?" Das Blut läuft aus dem Kragen meiner Regenkombi. Für einen ganz kurzen Moment zucke ich zusammen: oh Schreck, ich bin verletzt ? Aber außer dem Brennen im Bein spüre ich nichts. Ich werde wieder ruhiger.

Dann sehe ich das blaue flackernde Licht. Ich bin erleichtert. Der Krankenwagen ist da. Aber in dem Moment, in dem mich die Sanitäter auf die Trage legen, überkommt mich ein Gefühl der Einsamkeit. 

Was wird mit mir passieren? Wo bringen die mich hin ? Ich bin ihnen ausgeliefert. Die können mit mir machen, was sie wollen. Ich kann mich nicht wehren. 

Ich kriege Angst. Meinen lieben Beschützer sehe ich nicht mehr. Mir fehlt seine beruhigende Hand. Was werden die mit mir machen ?

Wer wird sich eigentlich um meine Katzen kümmern ? Es weiß doch niemand ! 

Ich sehe die zwei Katzen alleine in meiner Wohnung. Sie haben Hunger. Sie weinen. Nur Gunhild hat einen Schlüssel. Sie wohnt zwei Stockwerke unter mir. Ich weiß Ihre Telefonnummer. "Können Sie bitte ganz dringend 434975 anrufen ! Meine Katzen brauchen etwas zu essen !" Ich weiß nicht, ob die Sanitäter das mitgekriegt haben. Ich wiederhole die Telefonnummer: "434975 - es ist dringend - nur sie hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung !" "OK", sie nicken. Aber beruhigt bin ich nicht. Sie haben sich keine Nummer aufgeschrieben, sie haben mich nicht ernst genommen.

"Und dann ist da noch was Wichtiges: ich habe eine Tetanolallergie - ich darf absolut keine Tetanusspritze bekommen. Irgendwo in meiner Brieftasche muss so ein Zettel sein !" Das haben sie geschnallt, das geben sie an den Arzt weiter.

Ich werde in den Krankenwagen geschoben. "Wir bringen Sie jetzt in's Kreiskrankenhaus nach Bad Segeberg. Seien Sie ganz beruhigt, Sie werden jetzt versorgt." Ich bin aber nicht beruhigt. Ich fühle mich denen ausgeliefert. 

Was werden die mit mir machen ? 

Und schon werden mir jede Menge Braunülen in die Arme und Handgelenke gestochen. Flaschen werden am Dach des Krankenwagen aufgehängt. Aus jeder Flasche läuft Flüssigkeit in meine Arme. Der Arzt schneidet meine Regenkombi und meine Lederhose am linken Unterschenkel auf. "Spüren Sie das ?" Ich spüre nichts. 

Meinte er überhaupt mich ? 

An seinen Armbewegungen erkenne ich, dass er mir mit irgend etwas immer wieder in's linke Bein sticht. Ich schüttle den Kopf.

Oh Mann, die Trage ist so schief. Ich habe das Gefühl, ich falle jeden Moment nach links von der Trage runter. Soweit ich das mit den Braunülen in den Armen überhaupt kann, kralle ich mich an beiden Seiten der Trage fest. 

Ich rutsche doch ! Haben die die Trage nicht richtig in den Krankenwagen geschoben ? Ist sie etwa nicht richtig in der Führungsschiene drin ? 

Ängstlich schaue ich den Sanitäter neben mir an. "Halten Sie bitte die Liege fest, sie ist so schräge, die ist bestimmt nicht richtig fest ! Ich falle ja gleich nach links runter !" Er guckt sich die Liege an und schüttle t den Kopf "ne, die ist fest und gerade." 

"Das kann nicht sein. Ich muss mich ja richtig festkrallen." Da stemmt er sich mit aller Kraft gegen die Trage. "Ist's so besser ?" Ich nicke. Ich bin beruhigt. Und er hält die Liege, bis wir im Segeberger Krankenhaus sind.

Und dann sind wir da. Die Türen gehen auf, schnell werde ich aus dem Krankenwagen gezogen und auf einen Wagen umgebettet. Ich werde durch Gänge geschoben, Türen und Gesichter huschen an mir vorbei. Einige Gesichter lächeln mich an, andere sind unter Masken versteckt. Ich fühle mich hilflos. Ich fühle mich denen ausgeliefert. Ich habe Angst.

Und dann werde ich in einen großen Raum geschoben. Viele Gesichter beugen sich über mich.

"Haben Sie 434975 angerufen ? Meine Katzen brauchen dringend was zu essen. Und nur diese Freundin hat einen Schlüssel für meine Wohnung." Ich sehe immer noch meine zwei Katzen durch meine Wohnung streifen und weinen. Wer wird sich denn um sie kümmern ? Jedem der kommt, erzähle ich die Telefonnummer, mit der Bitte doch dringend da anzurufen.

Hektisches, aber routiniertes Treiben beginnt. Röntgenplatten werden unter mich geschoben. Ich werde von allen Seiten geröntgt. Neue Braunülen werden mir in die Arme geschoben, einige Flaschen erneuert, Blut abgezapft: "Dringend zur Blutgruppenbestimmung - Konserven anfordern - Kreuzprobe !" Jemand verlässt mit den Röhrchen den Raum. Immer neue Leute kommen rein. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.

Dann werden meine Klamotten aufgeschnitten. Ich hatte schon Angst, dass es weh tun würde, wenn sie mir die Sachen ausziehen. Doch als sie mit einer Schere an mein T-Shirt wollen, protestiere ich: "Nein, das nicht kaputt machen, das ist ganz neu !" Ich richte mich ein wenig auf. Zwei Leute ziehen es mir vorsichtig über den Kopf. Mir ist es peinlich. Ich liege da, in Unterhose und BH. Sonst habe ich nichts mehr an. Was werden die jetzt denken ? Mein BH ist schon ziemlich alt und ausgeleiert.

Eine Krankenschwester kommt mit einer großen Schere und schneidet einfach meine Unterhose auf. Oh, Panik ! Ich schreie: "Nein ! Oh Gott ! Das nicht !" Alle sehen mich verdutzt an. "Was ist denn los ? Wir wollen Ihnen doch nur einen Katheter legen."

 Zwei Hände machen sich zwischen meinen Beinen zu schaffen. Ich schäme mich so. Ich fange an zu weinen. Das ist für mich schlimmer als der ganze Unfall. Jemand nimmt meine Hand, hält sie fest, will mich trösten. Es hilft. Ich fühle mich besser.

Ein Polizist in Uniform kommt auf mich zu. "Sollen wir jemanden für Sie benachrichtigen ? Wer sind Ihre Angehörigen ?" "Rufen Sie doch bitte ganz dringend 434975 an. Meine Katzen brauchen dringend was zu essen. Sie ist die einzige mit einem Schlüssel zu meiner Wohnung." "Nein, nun mal im Ernst ! Ist das eine Angehörige von Ihnen ?"

Ich schüttle den Kopf. "Aber meine Katzen müssen doch was zu essen haben !" Ich bin völlig verzweifelt. "Wie ist denn die Telefonnummer Ihrer Eltern?"

"Nein, Eltern hab' ich nicht mehr." Ich gebe ihm den Namen und die Telefonnummer von meinem Bruder. "Und können Sie noch was zum Unfallhergang erzählen ?" Ich will gerade wieder loslegen, von wegen Motorrad kaputt und kein Licht an, als die Ärzte protestieren:

"Sie steht doch völlig unter Schock ! Sehen Sie das denn nicht ! Die redet doch nur von ihren Katzen. Die ist nicht vernehmungsfähig !" Der Polizist wird sanft zur Tür hinausgeschoben.

Und dann geht die Tür wieder auf. Ein älterer, weißhaariger Mann kommt rein. Alle im Raum fangen an zu lachen: "Passen Sie auf Herr Chefarzt, Sie werden gleich zum Katzenfüttern geschickt." Ich finde das gar nicht komisch. "Nein, im Ernst, irgend jemand muss sich doch um meine Katzen kümmern. Rufen Sie bitte 434975 an. Nur diese Freundin hat einen Schlüssel für die Wohnung !"

Er lächelt mich an und verschwindet mit den anderen im Nebenzimmer. Ich bin jetzt alleine. Die Tür zum Nebenzimmer ist offen. Meine Röntgenbilder hängen an dem Leuchtkasten. "Wenn noch was zu retten ist von dem Bein, dann aber nur in einem Krankenhaus mit Gefäßchirurgie. Hier kriegen wir das nicht hin !"

Sie unterhalten sich mit gedämpften Stimmen. Doch dieser eine Satz dringt bis zu meinem Gehirn durch.

Oh, bin ich doch so sehr verletzt ?

Ich male mir aus, wie ich mit einem Bein Handball spiele. Ich sehe mich mit lauter einbeinigen Frauen in blauen Trikots Handballspielen.

Was soll's, dann spielst du eben in einer Behindertenmannschaft weiter.

Und ich sehe Kurt, wie er seine Wohnung renoviert, wie er die Decke streicht - im Rollstuhl. Kurt ist der Freund meiner Cousine. Ich habe keine Zeit weiterzudenken. Ich werde wieder auf eine Trage verfrachtet, diverse Beutel Blutkonserven werden mir auf den Bauch gelegt. Oh, sind die kalt !

"Der andere Krankenwagen ist leider schon wieder im Einsatz. Wir haben jetzt nur einen Kleinen, aber ich bleibe bei Ihnen", der blonde Sanitäter, der mich so lieb gehalten, mich vor dem Abrutschen gerettet hat, lächelt mich an. Ich bin froh und erleichert, dass er bei mir bleibt, mir ständig die Hand hält. Dadurch fühle ich mich nicht ganz so ausgeliefert. Er wird mich beschützen.

Wir sind auf dem Weg ins Heidberg-Krankenhaus. Der blonde Sanitäter lächelt mich immer wieder beruhigend an, hält meine Hand und erzählt, warum er bei mir bleiben, mich begleiten kann. Er ist Medizinstudent, macht im Kreiskrankenhaus gerade seine Famulatur und fährt eigentlich einfach nur so im Notarztwagen mit.

"Um Erfahrung zu sammeln, und um einfach so einen Einsatz mal kennenzulernen." "Ha, und ich kriege jetzt so einen Einsatz 'live' mit." Wir flachsen ein wenig rum. Ich finde den Typ nett, richtig lieb. Und gut aussehen tut er auch. - Und er hält meine Hand - ganz fest.

Plötzlich fliegt ein Torbogen an uns vorbei. Wir sind im Heidberg-Krankenhaus angekommen. Der Krankenwagen fängt an zu rumpeln. Die Straße ist uneben, hat Schlaglöcher und Kopfsteinpflaster. Bei jedem Rumpeln tut mein Bein höllisch weh. Genau so, als ob ganz viele kleine Knochenstücke im Bein durcheinandergeschüttle t werden. Es reißt und brennt und sticht.

Wieder werde ich umgebettet, durch Gänge geschoben, Türen und Gesichter fliegen an mir vorbei, einige lächelnd, andere vermummt.

Unzählige Schläuche und Kabel werden an mir befestigt, einige Flaschen erneuert - geschäftiges Treiben umhüllt mich. "Oh, das tut uns leid, wir haben hier keine Gefäßchirurgie. Da sind Sie hier falsch. Sie müssen in's AK Altona." Das Segeberger Krankenhaus hatte im UKE angerufen. Dort war das Team im Einsatz. In Boberg ebenso. Man sagte uns, wir müssen nach Heidberg.

Ich werde wieder umgebettet, durch Gänge geschoben, die Türen und Gesichter fliegen erneut an mir vorbei. Mathias, der Medizinstudent, läuft neben mir, und hält meine Hand.

Und wieder in den Krankenwagen, und wieder das Geholper auf der schlechten Straße, und wieder das Reißen und Brennen und Stechen im Bein. Gebäude, Straßenlaternen und Bäume fliegen an mir vorbei.

Komisch, sonst sieht du immer Krankenwagen auf der Straße fahren - dann sind es einfach nur ganz normale Autos - und nun bin ich selber drin. Fühlen sich die anderen dann auch so komisch, so hilflos, so verlassen ?

Mathias macht sich an den Schläuchen zu schaffen, kontrolliert die Tropf-Flaschen, misst meinen Blutdruck. Er lächelt mich an: "gleich sind wir da."

Ich mache die Augen zu. Auf einmal bin ich tierisch müde. Ach, einfach mal ein wenig schlafen ...

"Mensch, fahren Sie schneller, geben Sie Gas !" Mathias' Blick wechselt ständig vom Blutdruckgerät zur Straße und wieder zurück. Er ballt die Faust. Er ballt sie mit solch einer Kraft, dass der Unterarm anfängt zu zittern. Er ist völlig aufgeregt.

Ich mache die Augen wieder zu. Och, ich bin so müde. Ich möchte jetzt, dass etwas geschieht, dass die Narkose losgeht und ich operiert werde.

Der Wagen hält an, die Türen springen auf. Es geht alles ganz schnell, das Umbetten, die Gänge, die Gesichter, die Fragen, die Antworten. Ich bin im Altonaer Krankenhaus.

Hey, war hier nicht auch Gabi, wo sie ihr das Sprunggelenk unsauber operierten ? Da war doch die Wunde wieder aufgeplatzt ...

Weiter läßt man mich nicht denken. "Wann war die letzte Tetanusimpfung ?" Diese Frage bekomme ich nur aus der Ferne mit. Bin ich gemeint ? "Nein, ich darf keine, ich hab' 'ne Allergie ! Erst jetzt grad im Juni hat man das festgestellt."

"Das stimmt, das sagte sie auch am Unfallort," Mathias erinnert sich, "da war irgend so was." "Ach, Quatsch, so was gibt es nicht !" Und schon spüre ich erst in der rechten, dann in der linken Pobacke den Einstich der Spritze.

Oh man, jetzt hattest du den eigentlichen Unfall überlebt, und nun das ...

 Ich werde auf einmal ganz ruhig - seelenruhig. Alle möglichen Bilder laufen vor meinen Augen ab: Gegenden, wo ich schon mal war - schöne Gegenden mit rauschenden Bächen. Ich sitze im Auto, als Beifahrer, ich schaue rechts aus dem Fenster, ich kann den Abhang hinuntersehen. Ich sehe Bilder aus der Kinderzeit, von zu Hause ...

Mein Bruder wird das mit der Erbschaft schon regeln. Er weiß wie er mit meinem Geld umzugehen hat. Bei Vater's Tod hat er das ja auch gut hingekriegt. Und die Wohnung auflösen .....?

Ein Mann beugt sich über mich. Die Bilder verschwinden. "Ich werde Sie jetzt gleich operieren. Ob ich das Bein retten kann, weiß ich nicht." Mir ist das egal. Mir ist zur Zeit alles egal. Ich bin erleichtert, dass es jetzt endlich losgeht. "Sie werden jetzt in den Raum geschoben", er zeigt auf eine Tür hinter mir. "Dort bekommen Sie Ihre Narkose. Wann haben Sie das letzte Mal was gegessen ?" I

ch denke an die Spiegeleier mit Schwarzbrot. "So gegen zehn ?!" Sicher bin ich mir nicht. Wann war das denn ? Mir wird ein Schlauch in den Hals geschoben.

"Wir müssen Ihnen jetzt den Magen auspumpen." Aber da spüre ich auch schon, wie mir der ganze Mageninhalt in einer Fontäne über Gesicht und die Haare läuft.

 "Oh Gott, Entschuldigung, das tut mir leid, das wollte ich nicht !" Er lacht mich an: "Nein, nein, da brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Besser so, als anders ", und wischt mir mein Gesicht und meine Haare sauber. Mir ist das trotzdem peinlich. Aber so merke ich wenigstens nicht, wie mir der Schlauch in den Magen geschoben wird. Eine Schwester und der Arzt spülen jetzt den Rest raus. Ein merkwürdiges Gefühl.

Und irgendwann bekomme ich dann die Narkose. Das Mittel wird einfach in einen der vielen Schläuche gedrückt. Ich bekomme nichts mehr mit ......

Ich spüre ein Kratzen im Hals. Ich will mich räuspern, doch es geht nicht. Nur ein zaghaftes Krächzen bringe ich zustande.

Eine Krankenschwester beugt sich über mich, lächelt mich an. Ich will zurücklächeln, doch es geht nicht. Ich bin noch zu müde. Es ist alles so verschwommen. Ich kann noch keine klaren Bilder sehen. Sie sieht mich an: "Die Operation ist vorbei, Sie sind jetzt im Aufwachraum." "Ist es ab, oder nicht ?" Ich weiß noch, was zuvor alles geschehen ist.

Sie dreht sich weg. Sie weint.

Ok, also ab.

Ich bin noch zu müde. Ich schlafe wieder ein.

***

Mensch, du hast ja einen Scheiß geträumt ! Du hast geträumt, du hättest einen Unfall und man hat dir das linke Bein amputiert - Was für ein Blödsinn !!

Ich sehe mich um - überall Kacheln, schräg links eine Uhr ...

So langsam erinnere ich mich wieder, erinnere, was passiert ist. Ich sehe das Motorrad, sehe mich auf der Straße liegen. Ach ja, ....

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Kapitel 2: "Wie eine dicke Salami"

Jemand steht neben mir, ich spüre es, rechts neben meinem Kopf. Irgend etwas ist da.  Vorsichtig mache ich die Augen auf. Ich sehe alles doppelt. So sehr ich mich auch konzentriere, die Dinge schieben sich nicht zu einem Bild zusammen. Ich schließe beide Augen, ich bin noch zu müde. Dann öffne ich nur das linke. Jetzt  sehe ich keine zwei Bilder mehr, aber es ist so schwer nur ein Auge aufzuhalten, es ist so anstrengend.

Neben mir steht jemand. Zuerst sehe ich nur die grünen Sachen, dann erkenne ich sein Gesicht. Es ist ein Mann. Er lächelt mich an. Ich kann noch nicht zurück lächeln, ich bin noch zu müde. Ich mache das Auge wieder zu, es ist zu anstrengend.  

"Hallo, Frau Guttstadt, können Sie mich verstehen ?" Ich mache die Augen wieder auf. Zuerst beide, dann doch nur noch das eine, so sehe ich klarer. Ich versuche ihn anzulächeln. Sieht er das ? "Wieso gucken Sie nur mit einem Auge ? Können Sie das andere nicht aufmachen ?" Seine Frage irritiert mich: "doch, aber so sehe ich klarer, sonst seh' ich alles doppelt." Er nickt, er scheint zufrieden zu sein.

"Ich habe Sie vorhin operiert, aber das Bein ..."  "Kniehöhe ?" unterbreche ich ihn. Erstaunt sieht er mich an: "Wie kommen Sie darauf ? Woher wissen Sie das ?" Ich weiß es nicht, ich zucke mit den Schultern. Aber da ist doch so ein Bein dann ab ! Ich sehe ein Bild vor mir von einem Jungen, dem das Bein in Kniehöhe abgenommen wurde. Wo war das noch ? - Ach ja, im UKE, wo ich Katharina und Obi besucht hatte. - Der Junge sah so zufrieden aus.

Ich schlafe wieder ein.

 

Ein Kratzen im Hals lässt mich nicht weiterschlafen. Ständig muss ich mich räuspern. Mein Hals kratzt fürchterlich. Es ist ein richtiger Klos darin. Was ist das bloß ? Das  Räuspern bringt gar nichts. Eine Schwester kommt auf mein Bett zu. Ich lächle sie an, doch ...   

Sie geht an meinem Bett vorbei, sie hat mich gar nicht gesehen. Mit einem Mal ist das Gefühl der Einsamkeit wieder da. Ich habe Angst. Ich fühle mich so verlassen.

Langsam komme ich zu mit. Das Gucken ist nicht mehr so anstrengend. Ich sehe auch nur noch ein Bild, auch mit beiden Augen. Wenn doch nur das im Hals nicht wäre, was ist das bloß ? Ich versuche mich ganz tief unten im Hals zu räuspern, aber das ist auch nicht besser.

 "Das ist normal, das kommt vom Tubus, das ist morgen weg." Die Krankenschwester hat mein Räuspern gehört. Sie ist doch zu mir gekommen. Sie steht neben meinem Bett und misst meinen Blutdruck. Es ist unangenehm. Es drückt, und meine Hand schläft dabei fast ein. 

Trotzdem lächle ich sie dankbar an. Es ist einfach jemand da, ich bin nicht mehr alleine. Dann nimmt sie mein Handgelenk und misst meinen Puls. Die Berührung ist angenehm. Sie soll nicht aufhören zu messen, sie soll bei mir bleiben. Doch sie hört auf und kontrolliert im Weggehen noch schnell die Tropf-Flaschen. Alleingelassen liege ich da, und warte.

Meine Augen wandern durch den Raum, vorbei an den Tropf-Flaschen, über die Kacheln, über die Uhr, nach rechts zu einer Glastür. Schritte gehen draußen vorbei. Ich kann nichts sehen. Wer ist das wohl, eine Krankenschwester? Innerlich rufe ich ganz laut: hallo, wer ist da ? komm' doch mal jemand vorbei! Doch die Stimme ist nur in mir, in meinem Kopf, in meinem Bauch. Ich fühle mich so alleine.

Und dann kommt wieder eine Krankenschwester. Sie nimmt meine Hand und lächelt mich lieb an, man sieht richtig die Freude in ihrem Gesicht. : 

"Hallo, Frau Guttstadt, Sie haben Besuch - da draußen", sie deutet auf die Glastür, "doch Sie müssen noch einen Moment hier bleiben."  "Wer ist das ? Kann er nicht hier reinkommen ?" Sie schüttlet den Kopf. Man sieht, es tut ihr leid. "Och bitte! Warum denn nicht ?" "Nein, einen Augenblick noch - etwas Geduld - Sie können sich ja gleich sehen !"

Dann bin ich wieder allein. Wer mag das sein ? Wer weiß denn davon? Ich bin völlig aufgeregt. Wer weiß denn, dass ich hier bin ?  Wer ist denn das? Ich schüttle den Kopf. Mir fällt keiner ein. Ich werde unruhig. Die Zeit vergeht gar nicht, dauert endlos. Immer wieder schaue ich zur Uhr. Der Minutenzeiger bewegt sich kein Stück.

 

Doch dann werde ich endlich rausgeschoben. Da stehen sie: Barbara, meine Schwägerin, und Obi, meine beste Freundin. Woher wissen die das denn ? Wie kommen die denn hierher ? Ich greife nach Barbaras Hand. Ich halte sie ganz fest. Ich bin erleichtert. Tränen laufen mir über's Gesicht. 

Ausgerechnet Barbara - die mag mich doch gar nicht - wieso kommt die ? Meine Augen wandern von Barbaras Gesicht zu Obis und zurück. Ich freue mich so. Ich bin so erleichtert.  Und dass Obi auch da ist, oh, wie toll ! Aber woher weiß sie das denn ? Ich bin so erleichtert - und plötzlich so müde.

Ich werde wieder durch die Gänge geschoben. Barbara und Obi sind die ganze Zeit bei mir. Jedes Mal, wenn ich die Augen aufmache, sind sie da, sie lächeln mich an. Mir fallen die Augen immer wieder zu.

Bei der Einfahrt in den Fahrstuhl ruckelt mein Bett ganz doll. "Au, mein Bein !" Es tut so weh. Immer noch so, wie wenn ganz viele kleine Knochenstücke im Bein durcheinander geschüttelt werden. Ich denke, das haben sie abgenommen?! 

Ich mache die Augen wieder auf. Barbara und Obi sind immer noch da. Und dann wieder dieses Ruckeln, diesmal beim Rausfahren. Ich merke jede Bodenwelle. "Au, mein Bein !" Können die denn nicht aufpassen, vorsichtiger fahren ?! Und dann geht die Fahrt weiter. Eine Tür geht auf, ein helles Zimmer, mein Bett wird hin und hergeschoben, ein kurzer Ruck von der Bremse - und dann endlich Ruhe. Nur Obi und Barbara sind noch bei mir.

Ich sehe sie an. "Wieso Ihr ? Woher wisst Ihr denn ...?" "Die Polizei  hat uns benachrichtigt, heut' nacht. Andreas ist dann gleich in's Heidberg gefahren, aber da warst Du schon weg. Und als er hier dann ankam, warst Du gerade im OP. Er konnte nicht warten, er musste zum Dienst, zumal die ihm nicht sagen konnten, wie lange es dauern würde. Und da Obi Deine beste Freundin ist, dachte ich, ich rufe sie an." 

Barbara sieht mich fragend, fast entschuldigend an: "ich wusste nicht, was ich machen sollte."  Ich bin so glücklich. Ich lächlesie dankbar an. Das war genau das Richtige. Das habe ich Barbara gar nicht zugetraut, dass sie an meine beste Freundin denkt. Ich bin erleichtert - ich schlafe ein.

Immer wieder werde ich kurz wach. Barbara und Obi sind weg. Eine Krankenschwester steht neben meinem Bett, misst meinen Blutdruck, hängt neue Tropf-Flaschen auf oder misst meinen Puls. Manchmal schaut sie mir auch in's Gesicht. Ich versuche sie anzulächeln. Immer geht es nicht. Ich bin einfach noch zu müde, zu schlapp

 

Und dann kommt eine ganz Energische, mit viel Schwung. Sie redet laut mit mir, viel zu laut. Ich bin doch noch so müde. "Ich bin Schwester Brunhilde, wie geht es Ihnen jetzt ?" "Ich hab' Durst, kann ich was zu trinken haben ?" "Nein, das geht noch nicht, erst heute Abend. Aber ich kann Ihnen was geben zum Mundauspinseln. Das schmeckt so ein bißchen nach Pfefferminz", und schon ist sie aus dem Zimmer. 

Aber ich habe doch solchen Durst ! Sie ist wieder da und reicht mir einen überdimensionalen Q-Tip. Ich sehe sie fragend an. "Wischen Sie sich damit den Mund aus, so als ob Sie die Zähne putzen." Ich nehme das Ding in den Mund und sauge daran. 

Zum "Zähneputzen" bin ich zu schlapp. Aber es tut gut. Es stillt wirklich den Durst, nimmt diesen ekeligen Geschmack, und macht mich tatsächlich frischer. Hätte ich gar nicht gedacht, ich bin selber ganz erstaunt. "Danke, das tut wirklich gut", ich lächle sie an. "Ich lass' Ihnen ein paar hier liegen", die Krankenschwester legt drei weiße Tütchen mit blauer Schrift auf meinen Nachtschrank. Ihren Namen habe ich schon wieder vergessen. Das tut mir leid, aber nachzufragen traue ich mich nicht, es ist mir peinlich. Und dann ist sie auch schon wieder draußen.

Jetzt bin ich aber so wach, dass ich mich ein wenig umsehen kann. Es ist noch ein anderes Bett im Zimmer. Das Bett ist leer, sieht aber benutzt aus. Die Bettdecke liegt zerknautscht oben auf. Ein hellblauer Zipfel eines Nachthemdes lugt an einer Seite hervor. 

Was mag da wohl für eine Frau drin liegen ? Anhand des hellblauen Zipfels wohl eher 'ne ältere. Bei solch' einem Hellblau sehe ich eine doch schon  weißhaarige Frau vor mir. Was sind denn da sonst noch für Sachen ? Vorsichtig schiele ich zu ihrem Nachtschrank hinüber. Aber keins der Dinge, die dort liegen, geben einen Hinweis auf die Frau.  

Meine Augen wandern weiter. Links neben mir sind drei Schranktüren aus Holz. Also fehlt noch ein Bett ? Ich sehe mich um. Stimmt, da rechts am Fenster ist noch Platz. Meine Augen wandern wieder zurück zu den drei Schranktüren. Neben ihnen ist in einer Nische ein Waschbecken. Dann kommt die Zimmertür. Sie ist geschlossen. Draußen gehen ständig Leute vorbei. Ich höre die Schritte. Einige sind fest und schnell, andere schleppend, eher schlurfend, wie mit Hausschlappen.  Wer mag das wohl sein ? Was sind hier wohl sonst noch für Leute?

 

Ich schrecke hoch. Da ist doch jemand im Zimmer. Oh Gott, ich muss eingeschlafen sein, das habe ich gar nicht gemerkt. Ich sehe mich um. Eine Frau steht vor dem anderen Bett. Ich kann nur ihren Rücken sehen, und - sie hat tatsächlich weiße Haare !  

"Hallo, guten Tag." Sie schrickt herum. "Oh, Sie sind wach. Ich hoffe doch, ich hab' Sie nicht geweckt ! Wie geht es Ihnen ?" 

"Danke, so einigermaßen - ich bin noch etwas schlapp." Sie stellt sich vor, ich sage meinen Namen. Dann wendet sie sich wieder um. Sie will mich wohl nicht stören, noch etwas schlafen lassen. Ich beobachte sie heimlich noch ein Weilchen. Was soll ich sonst tun ?

Die Müdigkeit ist mit einem Mal wie weggeblasen. Ich werde unruhig, kann nicht mehr liegen. Ob ich mich wohl bewegen darf ? Überall sind Schläuche an mir, in jedem Arm einer und dann ist da auch noch was an meinem Hals. Ich spüre es, wenn ich den Kopf bewege. Mit der Hand kann ich da nicht hinfassen, denn in den Armbeugen stecken noch die Braunülen, an einer ist ein Tropf befestigt.

Ich betrachte die Bettdecke, und wie sich mein Körper unter ihr abzeichnet. Wie mag wohl so ein abgeschnittenes Bein aussehen? Ich traue mich nicht unter die Bettdecke zu schauen. Da ist doch bestimmt überall Blut. Ich stelle mir vor, ich liege in einer riesigen Blutlache. Wie sieht wohl die Schnittstelle aus? Ich sehe eine dicke Salami vor mir, an der ein Stück fehlt, ganz glatt abgeschnitten. Sieht mein Bein auch so aus ? Anders kann ich es mir nicht vorstellen.

Ich habe Angst, dass es noch mehr bluten wird, wenn ich mich zu sehr bewege. Ich liege ganz still. Selbst den Kopf wage ich kaum zu bewegen. Nur meine Augen wandern immer wieder heimlich zu der Frau neben mir. Sie hat sich mittlerweile auf ihr Bett gesetzt und ließt ein Buch.

 

Mir wird langweilig und ich kann nicht mehr liegen. Über mir hängt ein Plastikdreieck an einer Metallstange. Sie verschwindet irgendwo hinter meinem Kopf. Ich kann nicht sehen wo. Das Dreieck sieht aus, wie eine riesige Triangel. Ich greife danach. Zuerst nur mit einer Hand, und dann auch mit der anderen. Oh, ist das angenehm. Es entlastet meinen Rücken. Ganz vorsichtig versuche ich mich mit gestrecktem Körper daran hochzuziehen. 

Doch dann lasse ich wieder los. Ich habe Angst, dass mein Bein zu stark blutet. "Oh, ich kann nicht mehr liegen", jammere ich. Die Frau dreht sich um und lächelt mich erstaunt an: "was, jetzt schon nicht mehr ?" Ich schüttle  langsam mit vorgestülpter Unterlippe den Kopf: "nee !"  

"Sie sind  heut'  nacht eingeliefert worden ?" Sie lässt ihr Buch sinken und wendet sich ganz zu mir um. Ich nicke: "ich hatte einen Unfall und bin dann heut' nacht hier operiert worden." Mehr sage ich erst einmal nicht. Ich weiß nicht, was und wie ich es ihr sagen soll. 

"Und Sie, sind Sie schon lange hier ? Sind Sie auch operiert worden ?" Sie nickt: "Ja, man hat mir die Krampfadern entfernt, aber Mitte der Woche komme ich zum Glück schon wieder raus.  War auch lange genug hier. Zehn Tage reichen." 

Wir sehen uns eine Weile schweigend an. Und weil dann keine von uns mehr was zu sagen weiß, wendet sie sich wieder ihrem Buch zu. Ich liege einfach da und warte.

Doch dann halte ich es einfach nicht mehr aus und greife wieder nach der Triangel. Wieder ziehe ich mich daran nach oben. Diesmal bin ich  etwas kühner. Ob ich das wohl darf ? Ich halte es aber einfach nicht mehr aus. Mir ist langweilig.

 

Ich lausche nach draußen.  Auf dem Flur sind wieder Schritte zu hören. Meine Ohren haben sich wie Saugnäpfe an der Tür festgesogen. Ich bin neugierig, bin gespannt: wer ist das wohl ? Werden sie in dies Zimmer kommen ? Och bitte ! Sie gehen vorbei. Ich bin enttäuscht. 

Doch dann bleiben sie stehen, kommen wieder, werden lauter. Die Tür öffnet sich. Schnell lasse ich die Triangel wieder los, liege stocksteif in meinem Bett. Eine andere Krankenschwester kommt herein. "Ah, Sie sind ja schon wach ! Wie geht es Ihnen ? Ich bin Schwester Annemarie", sie lächelt mich an und beugt sich dann nach unten. 

Was macht sie da ? "Ich glaube, das Ding kann jetzt wohl weg." Mit dem Urinbeutel in der Hand kommt sie wieder hoch. Oh, mir ist das peinlich, den hatte ich völlig vergessen, hab' ich gar nicht mehr gemerkt. Schwester Annemarie greift nach meiner Bettdecke, hebt das untere Ende an und schaut darunter. Ängstlich und mit zaghafter Stimme frage ich: "ist da jetzt alles voller Blut ?" 

Sie sieht mich erstaunt an: "Nein, wieso, haben Sie da noch nicht nachgeschaut ?"  Ich gebe zu : "Nein, ich hatte Angst, dass da alles voller Blut ist." "Wieso soll denn da alles voller Blut sein ? Das ist doch zugenäht", in ihr Gesicht schleicht sich ein etwas amüsierter Blick. Sie schüttl t den Kopf. 

Doch dann sieht sie mich fragend an: "soll ich die Bettdecke mal wegnehmen ?" Ich nicke, ich richte mich auf, ich bin total neugierig. "Ich hatte vorher nur Angst, wegen des vielen Blutes. Ich sah immer eine blutgetränkte Matratze vor mir." Sie schüttlet lachend den Kopf:, und ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden, zieht sie langsam die Bettdecke zur Seite. 

Ich bin erstaunt: es ist nichts zu sehen, nur ein weißer Verband, kein Tropfen Blut ! Mein Bein endet in Kniehöhe - mehr ist da nicht zu sehen - nur ein weißer Verband ! An der Spitze kommt ein schmaler Schlauch raus und verschwindet  irgendwo an der Seite meines Bettes  -  das ist alles ! Kein Blut !

Nachdem Schwester Annemarie den Katheter entfernt hat, richte ich mich ganz vorsichtig auf. Vorsichtig, wegen der Braunülen im Arm, und darf ich das denn eigentlich schon ? Ich sehe die Krankenschwester an: "Darf ich mich hinsetzen ?" Sie ist erstaunt: "Ja, können Sie das denn schon ?"

Ich platze fast vor Tatendrang, greife mit beiden Händen zur Plastik-Triangel und ziehe mich mit durchgestrecktem Körper voll Schwung daran hoch. Fast mein ganzer Körper hängt in der Luft. Nur mit dem rechten Fuß stütze ich mich ab. 

Ich kann nicht mehr liegen. Eine kribbelnde Unruhe hat mich bis zu den Zehenspitzen erfasst. Ich sehe Schwester Annemarie triumphierend und, wegen meines Tatendrangs, auch ein wenig entschuldigend an. "Na, wenn Sie meinen", lacht sie. Aber beim Hinausgehen mahnt sie dann doch: "aber nicht übertreiben !"

Befreit, weil ich nun nicht mehr stocksteif im Bett liegen muss, lächle ich meine Bettnachbarin an. Sie ist völlig schockiert, kann nicht glauben, was sie da eben gesehen hat: das Bein weg, bis zum Knie ! 

Doch ich kann mit ihrem Schock nichts anfangen, weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin nur glücklich, dass ich mich endlich wieder bewegen darf. Immer wieder ziehe ich mich an dem Plastikgriff hoch, halte mich ein paar Sekunden und liege dann für kurze Zeit ruhig da. Aber dann kribbelt es doch zu sehr in mir und ich muss mich wieder an dem Griff hochziehen.

Verstohlen schiele ich nach einer Weile zu meiner Bettnachbarin rüber: hat sie sich beruhigt ? Ich atme auf, sie ließt wieder in ihrem Buch. Was soll ich ihr auch schon sagen ? So schlimm ist das doch nun auch nicht!

 

Und dann liege ich einfach nur da. Meine linke Hand tastet sich unter der Bettdecke immer ein Stückchen weiter Richtung Bein. Ich fühle den Verband. Mit den Fingerspitzen taste ich mich Millimeter für Millimeter vorwärts. Ob es weh tut, wenn ich fester anfasse, wenn ich draufdrücke ? 

Ich umfasse mit der ganzen Hand den Oberschenkel. Der Verband fühlt sich fest an. Zuerst drücke ich vorsichtig und dann immer ein wenig stärker. Nein, es tut nicht weh, es fühlt sich eigentlich ganz normal an, bis auf den Verband. Und weiter unten ..? 

Meine Hand wandert bis zum Knie, fühlt das Ende des Beins, fühlt die Rundung im Verband. Ich muss sehen, was meine Hand da fühlt, muss sehen, wo sie sich überhaupt befindet. Und, weil ich ja nun keine blutgetränkte Matratze mehr befürchten muss, hebe ich die linke Ecke der Bettdecke ein wenig an. 

Ich schaue drunter. Wieder tasten meine Finger vorsichtig den Oberschenkel bis zum Knie ab. Doch da vorne, wo der Schlauch aus dem Verband kommt, traue ich mich nicht zu drücken. Langsam hebe ich das Bein ein Stück von der Matratze ab, Millimeter für Millimeter, beuge es ganz vorsichtig in der Hüfte. Doch mehr wage ich nicht. Vielleicht geht da ja was kaputt ? Ich weiß es nicht. Noch immer habe ich keine Vorstellung davon, wie es unter dem Verband aussieht.  Wie nähen die das denn zu?  Ich decke mich wieder zu,  liege da, und fühle,  wie das so ist,  mit einem  halben  Bein ...  

Immer wieder schaue ich kurz unter die Bettdecke. Aber bis auf ein steifes, festes Gefühl in diesem Bein, fühle ich nichts Besonderes.

Mein Blick fällt auf eine der Tropf-Flaschen. Sie ist fast leer. Oh Gott, was ist, wenn nun gar nichts mehr drin ist ? Panik überfällt mich. Und wenn dann die Luft in meine Vene kommt ? Ich sehe ein Bild von einem Fernsehkrimi vor mir. Ein junger Mann pumpt sich mit einer Spritze Luft in die Vene. Keine Sekunde später ist er tot. 

Ich habe Angst. Ich will nicht sterben. Ich starre die Flasche an, starre auf das Glasröhrchen, in das kleine Tropfen aus der Flasche fallen. Noch sehe ich Tropfen. Noch fallen sie in regelmäßigen Abständen. Oder? War der Abstand da nicht eben länger? Ich versuche zu zählen - sicher bin ich mir nicht. Werden die Tropfen etwa kleiner? 

Ich wage kaum noch zu atmen. Doch dann halte ich es nicht mehr aus, ich will nicht so sterben ! Ich drücke die Klingel. Wie hypnotisiert starre ich auf das kleine Röhrchen im Schlauch. Noch ist etwas Flüssigkeit zu sehen. Die Zeit vergeht. Innerlich schreie ich: wieso kommt denn niemand ? 

Noch sind Tropfen zu sehen. Ich zähle, zähle den Abstand zwischen den Tropfen. Ist der Abstand noch gleich ? Die Tür geht auf, und ohne den Blick vom Röhrchen zu wenden flehe ich: "da, es ist leer !" Die Krankenschwester teilt meine Panik nicht : "Ach, da ist doch noch genug drin.  Aber es kommt gleich jemand." 

Die Tür ist wieder zu. Versteinert liege ich da, starre auf jedes Tröpfchen, das in das Röhrchen fällt. Hat sie denn nicht richtig hingesehen ? Ich wage kaum zu atmen. Die Tröpfchen werden kleiner, der Abstand zwischen ihnen größer. Ich werde immer unruhiger. Dann  geht die Tür auf. Schwester Annemarie hat eine neue Flasche in der Hand. Ich atme auf. Gerettet ! 

Stimmen und Rascheln wecken mich auf. Im Zimmer sind zwei Krankenschwestern und schüttlen das Bett meiner Nachbarin auf. Oh, ich muss wohl doch geschlafen haben.  

Auf meinem Nachtschrank entdecke ich ein Kännchen Tee und eine Tasse. Wann haben die mir das denn hingestellt ? Hab' ich gar nicht gemerkt. Ich muss ja tief geschlafen haben. Mit der linken Hand greife ich nach dem Kännchen, hm, lauwarm.  Aber ich habe solchen Durst, dass ich die zwei Tassen daraus mit einem Mal austrinke. Nur einen kleinen Schluck bewahre ich noch in Reserve.

"Na, Ihres auch ?" Die Krankenschwestern wenden sich meinem Bett zu. Dann ziehen sie die Bettdecke weg. Mir ist das peinlich, wie ich da so liege, so halbnackt in diesem Flügelhemdchen, welches auch noch halb hochgerutscht ist, und ich habe doch keine Unterhose an. Am liebsten möchte ich mich verkriechen. Hastig ziehe ich das Hemd nach unten, fast bis zu den Knien. Oh man, ist mir das peinlich.

"Halten Sie sich hier am Galgen fest und ziehen Sie sich dann vorsichtig hoch. Wir helfen Ihnen auch dabei. Es geht ganz schnell." 

Stolz, dass ich mir nicht helfen lassen muss, grinse ich die Krankenschwestern an. Und schon hänge ich, wie bereits am Mittag, in der Luft. Die Münder der beiden stehen offen: "Oh !"  Doch dann beeilen sie sich, das Laken glatt zu ziehen. Ich kann mich wieder hinlegen.

"Wollen Sie noch was zu trinken ?"  eine der Krankenschwestern sieht meine leere Tasse. Ich nicke. Sie geht nach draußen und kommt gleich darauf mit einem neuen Kännchen wieder rein: "Es ist Pfefferminztee, und leider nur noch lauwarm." "Ach, das macht nichts, vielen Dank, ich habe solchen Durst."

"Und sonst alles klar für die Nacht ?" die Schwestern schauen uns beide an. Meine Bettnachbarin und ich nicken. Und zu mir gewandt: "und brauchen Sie noch einen Topf ?" Ich schüttle  den Kopf.

"Na dann : Gute Nacht !  Bis morgen." "Ok, Gute Nacht ! Und einen schönen Feierabend !" Und damit sind die beiden Krankenschwestern wieder draußen.

Die Tür ist gerade zu, da bemerke ich doch meine Blase. Oh nein, nun hast du ihnen doch gerade gesagt, dass du noch nicht musst. Ob ich sie wohl wieder reinrufen darf ? Und  je mehr ich mich auf diese Frage konzentriere, desto stärker wird der Druck in meiner Blase. 

Und dann muss ich ja auf den Topf ! - im Bett ! Oh, ist mir das peinlich. Das ganze, und überhaupt, dass ich mal muss, und dass ich das im Bett machen muss, und dass mir dabei  jemand helfen muss, und dass mir dabei  jemand zusieht, und dass ...      

Ich werde immer unruhiger. Mir laufen fast die Tränen, so dringend muss ich. "Ob ich wohl nach der Schwester klingeln darf?" ich sehe meine Bettnachbarin fragend an.  "Ja, dafür sind die doch da !" antwortet sie und drückt gleichzeitig den Klingelknopf an ihrem Bett.

Ich höre Schritte auf dem Flur, die Tür geht auf, und ein leicht genervtes Gesicht erscheint neben den Schranktüren:  "na, was gibt's? Wer hat geklingelt ? Eigentlich habe ich jetzt Feierabend." 

"Ich", meine Stimme ist ganz klein. "Ich muss doch mal. Eben als Sie hier drin waren, war das noch nicht,  hab'  ich das noch nicht gemerkt. Tut mir leid."

"Ok, macht nichts, ich hol' einen Topf", die Tür läßt sie einen Spalt breit offen. Ich höre das an den lauten Geräuschen, die vom Flur herein kommen, Türen klappen, Schritte, dem Scheppern von Bettpfannen, ..

Und dann ist sie wieder im Zimmer.  "Ziehen Sie sich einfach hier am Galgen hoch, ich schiebe dann den Topf unter Sie. Das geht ganz einfach." Sie macht mir Mut. "Und wenn nun doch was daneben geht?"

 "Das passiert schon nicht, und wenn, dann wechseln wir halt das Stecklaken, ist auch nicht so schlimm." Und ehe ich mich noch richtig hochgezogen habe, ist auch schon der Topf unter meinem Po. Die Krankenschwester hat nicht mal richtig meine Bettdecke weggezogen, nur ein bisschen angehoben.  

Sie steht neben mir und wartet. Nichts passiert. Ich kann so doll pressen, wie ich will. Nichts passiert. Und ich spüre auch den Druck in meiner Blase, und ich presse. Nichts passiert. Nun habe ich doch die Schwester extra reingerufen, sie muss doch denken, ich spinne. 

"Aber eben musste ich ganz dringend." Sie dreht den Wasserhahn auf. Das hat meine Mutter auch immer gemacht, als ich noch ganz klein war. Sie wartet. Damals hat es gewirkt. Nun passiert nichts. Ich kann doch nicht so einfach ins Bett machen?! 

Sie geht aus dem Zimmer und ich hänge da, und presse. Und dann auf einemmal kommen ein paar Tropfen. Ich traue mich nicht. Die Tropfen hören auf. Aber du musst doch. Doch dann überwinde ich mich. Und es läuft einfach raus. Und mit jedem Tropfen auch die Anspannung. Zum Schluss hänge ich nur noch da, an der Triangel, und bin erleichtert. So erleichtert, dass meine Augen anfangen zu brennen.

Ich genieße diese Erleichterung. Ich genieße sie sogar so, dass ich erst nach ein paar Minuten nach der Krankenschwester klingeln mag.

Und nachdem sie mir den Topf weggenommen hat, liege ich einfach da, und lausche den Geräuschen auf dem Flur, ihren Schritten, wie sie den Topf ausspült, dem Rauschen der Klospülung und wieder ihren Schritten ...

Es ist meine erste Nacht in diesem Krankenhaus. 

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * 

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Kapitel 3: "Der endlose Kreislauf"

"Stellen Sie sich mal richtig hin, auf das Bein drauf !"

Ich belaste mein linkes Bein. Seine Hand hat er zwischen meinen Beinen. Er darf das. Er muss das sogar. Er findet nichts dabei. Mir ist das peinlich. Und es brennt fürchterlich im Schritt, da an der Adductoren-Sehne, und am Gesäßknochen. An beiden Stellen ist keine Haut mehr.

"Und nun belasten Sie nochmal !"

Diesmal hat er seine Hand hinten an meinem Po, zwischen der Prothese und dem Gesäßknochen. Ich traue mich nicht so recht. Ich habe Angst ihm weh zu tun.  "Ja, nun mal richtig drauf !" 

"Und nun gehen Sie mal ein paar Schritte !" Jeder Schritt tut fürchterlich weh. Es brennt. Ich ziehe die Prothese aus und setze mich auf die Liege. Ich liege da in Unterhose. Mir ist das unangenehm. Und ich muss warten.

Seit drei Stunden bin ich nun beim Prothesenbauer. Sechs mal habe ich bis jetzt die Prothese an- und wieder ausziehen müssen. Zwischendurch mal ein paar Schritte gehen, dann wieder die Hand des Prothesenbauers zwischen den Beinen. Und immer wieder warten. Ich blättere in meinem Buch. Ich kann mich nicht aufs Lesen konzentrieren.

Und da kommt meine Prothese wieder. Ich ziehe sie an. Gehe ein paar Schritte. Das Brennen ist weniger - glaube ich wenigstens. Es ist alles schon so wund, dass ich kaum einen Unterschied bemerke. Dafür schlackert jetzt das Bein. Es schwingt nicht grade nach vorne. Ich habe gar keine Kontrolle darüber. Soll ich ihm sagen, dass ich so nicht laufen kann ? Wir sind beide schon völlig genervt. Und ich habe keine Lust mehr. Aber so kann ich auch nicht laufen. Also sag ich es ihm. Und wieder geht die Hand zwischen meine Beine, und wieder belasten, und wieder Prothese ausziehen, und wieder warten - in Unterhose auf der Liege.

Und dann gebe ich auf. Ich akzeptiere, nehme hin, dass die Prothese drückt und schlackert und es mir keinen Spaß machen wird, damit zu laufen.

"Und das Rezept reichen Sie noch bitte nach", er schiebt mir ein Formular rüber. Ich soll bestätigen, dass ich mit der erfolgten Reparatur zufrieden bin. Ich unterschreibe.

So ein Tag bei dem Prothesenbauer schafft mich immer total. Ich bin unzufrieden. Warum kriegen die das nicht hin, mir eine passende Prothese zu bauen? Ich bin genervt. Schon wieder einen halben Tag beim Prothesenbauer verdaddelt, ohne dass es wirklich was gebracht hat. Ich bin wütend. Meine Artgenossen behaupten: ein Bein ab, sei nur eine stärkere Hautabschürfung. Ich mache diese Sprüche nicht mit. Stelle nur ich mich so an?

 

Seit eineinhalb Stunden sitze ich nun beim Arzt im Wartezimmer. Ich hatte gehofft, ich könne das Rezept einfach nur abholen. Aber ich muss rein. Er will mich noch einmal sehen, bevor er mir das Rezept ausstellt. Er kann doch gar nicht beurteilen, ob mir die Prothese passt oder nicht. Und dann irgendwann bin ich bei ihm drin. 

Das übliche Bla, Bla, die üblichen Sprüche. "Ich hab' da mal 'ne Frau im Urlaub kennen gelernt, bei der hab' ich erst nach zwei Wochen durch Zufall erfahren, dass sie 'ne Prothese hat. Normalerweise sieht man da gar nichts. Die Leute gehen völlig normal. Sie müssen unbedingt 'ne Gehschule machen."  Dass ich mittlerweile schon sieben mal amputiert beziehungsweise nachamputiert wurde, weiß er doch. Was soll denn sein Gerede. 

Es ist doch nicht meine Schuld, dass die Ärzte da immer so viel Mist gemacht haben. Man, wie viel Gehschulen und Krankengymnastik soll ich denn noch machen, ich hab' doch schon so viel versucht. Das war ja nicht nur ich, die das dann immer abgebrochen hat. Selbst die Krankengymnasten sagten, so gehe das nicht, das habe keinen Sinn. 

Wenn man starke Schmerzen im Stumpf hat und die Druckstellen immer aufgehen und bluten, könne man keine vernünftige Gehschule machen. Man mache dann nämlich automatisch Ausweichbewegungen. 

Aber das sage ich dem Arzt jetzt nicht. Das denke ich nur. Ich balle meine Fäuste und beiße die Zähne zusammen. Ich habe nämlich keine Lust das immer wieder und wieder zu erzählen.  

Wie oft habe ich das schon zu ihm gesagt - und immer wieder dieses ratlose Kopfschütteln. Und dann gibt er mir zwei Rezepte, eins für den Prothesenbauer und eins für die Krankengymnastik und dazu noch die Adresse einer neuen Krankengymnastin.

Oh Mann, was bringt denn das? Innerlich koche ich vor Wut. Aber das sieht er nicht.  Er sieht nur mein  freundliches  Lächeln  und Händeschütteln : "Also bis dann, einen schönen Tag noch ... und bis zum nächsten Mal, tschüß denn." Und raus bin ich. 

Im Fahrstuhl erlischt mein Lächeln. Dort bin ich alleine. Die Tränen laufen fast über. Ich kann schon fast nichts mehr sehen. Ich schlage mit der Faust gegen die Fahrstuhlwand. Dann hält der Fahrstuhl an und ich muss raus. Schnell wische ich die Tränen mit dem Handballen weg. Die darf niemand sehen.

 

Haben Sie denn Erfahrung mit Oberschenkel-Amputierten, habe ich noch am Telefon gefragt. Und nun das. Es ist heute die dritte Stunde bei der Krankengymnastin. Und schon wieder soll ich etwas tun, was mit einer Prothese nicht geht.

In der ersten Stunde sollte ich nur auf meinem linken Bein stehen. Fünf Minuten habe ich gebraucht, um ihr klarzumachen, dass das nicht geht, dass in dem Holzbein keine Muskeln sind, die mich halten können. "Stellen Sie sich bitte mal auf Ihr linkes Bein und spüren Sie mal nach, mit welchen Muskeln Sie das Gleichgewicht halten." Widerwillig, nach einigem Zögern tut sie das dann. "Stimmt, ok, es sind die Unterschenkelmuskeln", "eben, und die habe ich nicht."

Ich brauchte diese Übung nicht zu wiederholen.

In der nächsten Stunde sollte ich dann auf einem Schaukelbrett breitbeinig stehen. Ich sollte wie auf einer Wippe das Gewicht verlagern, mal nach rechts, mal nach links und dabei das jeweilige Knie beugen. Ich runzelte die Stirn. 

"In dem linken Knie ist zwar ein Gelenk, aber da sind keine Muskeln, die das Knie halten, geschweige denn Strecken können." Ich war genervt. Sie kapierte es nicht. "Ich kann das nur mit dem gestreckten Bein, und dann bringt diese Übung nichts. Versuchen Sie mal !" Sie tat es. Ich konnte ihr Gehirn dabei richtig arbeiten sehen. OK, auch diese Übung war gestrichen.

Und nun, in der dritten Stunde, soll ich auf einem sogenannten Pedalo meine Holz- bzw. Schaumstoffmuskeln stärken. Es sind zwei parallele Bretter, die auf Rädern befestigt sind. Durch Gewichtsverlagerung und Einknicken mal rechts, mal links, wie bei einem Fahrrad, nur ohne Sattel, bewegt man sich dabei dann vorwärts. Soll man jedenfalls. 

Mir kommen die Tränen. Ich balle die Fäuste und presse meine Zähne aufeinander. Das kann doch nicht wahr sein. Ich denke die hat Erfahrung mit Oberschenkel-Amputierten. Sagte sie doch am Telefon und war fast beleidigt wegen der Frage. Ich schüttle den Kopf. In mir beißt die Wut. Wie ein bissiger Schäferhund beißt sie mir immer wieder und wieder in meine Eingeweide.

Was soll ich denn tun ? Es kann doch nicht meine Aufgabe sein, der Krankengymnastin zu erklären, was man mit einer Prothese kann und was nicht. Oh, Gott !  Ich atme tief durch, um sie nicht zu beißen. "Das ist doch genau, wie mit dem Schaukelbrett, das geht mit 'ner Prothese nun mal nicht !" Ich beginne die Frau zu hassen.

Und wieder beginnen die gleichen Übungen. Bein in Rückenlage gegen Widerstand abspreizen und ranziehen und heben und in Bauchlage abspreizen und ranziehen und heben. Und dann noch vor dem Spiegel immer drei Schritte vor und zurück. Mehr Platz ist da nicht.

 

"Sie dürfen mit dem Oberkörper aber nicht so abknicken." Ich spanne alle Muskeln an, um meinen Körper zu halten. Vor lauter Spannung kann ich kaum noch atmen. "Nein, nicht so steif, seien Sie mal locker !" Und wieder kommen mir die Tränen, wieder ballen sich meine Fäuste und wieder presse ich die Zähne aufeinander und wieder beißt mich der Schäferhund in den Bauch. 

"Wie soll ich das denn bitteschön machen ? Ich weiß es nicht !"  Nun hält sie mich am Becken fest. So kann ich gar nicht gehen. Die Prothese knickt mir weg, ich falle hin. "Sie müssen schon gegen den Widerstand arbeiten." "Das habe ich doch versucht", knurre ich zurück. Ich hasse diese Frau.

"Als ich letztes Jahr im Urlaub war, war da auch einer mit 'ner Prothese. Das hab' ich erst gesehen, als er zum Schwimmen sein Bein abgemacht hat. Der konnte damit ganz normal gehen, man sah da nichts !" Oh, immer diese Urlaubsbekanntschaften oder Nachbarn. 

In mir knurrt es: bei  mir sieht man das aber, und hat man den auch sechs mal falsch amputiert ? Und ist der auch sieben Jahre lang nur auf seinem einen Bein und Krücken durch die Gegend gelaufen ? Laut sage ich es nicht. Es hat keinen Sinn. Und mit geballten Fäusten und zusammengepressten Zähnen und mit dem Schäferhund im Bauch mache ich wieder meine Gehversuche vor dem Spiegel. Drei Schritte vor und drei zurück.

Es brennt mir im Schritt und am Gesäßknochen. Die Druckstellen sind schon lange aufgegangen. Es blutet.

"Oh, damit müssen Sie aber zum Prothesenbauer. So können sie ja nicht richtig laufen."  Der Schäferhund knurrt vor sich hin: blöde Kuh, da bin ich mindestens einmal im Monat.

"Gehen Sie am Besten heute noch gleich zu ihrem Mechaniker."

Die zwanzig Minuten Behandlung sind vorbei.

 

"Nun stellen Sie sich mal richtig auf das Bein drauf !" Seine Hand hat er wieder zwischen meinen Beinen. Wieder bin ich beim Prothesenbauer. Und wieder die Gehversuche und wieder die Hände am Po und wieder das Schlackern der Prothese. Und ich liege da in der Unterhose und warte auf mein Bein.

"Und das Rezept reichen Sie noch bitte nach!" Dann kommt das Formular. Ich unterschreibe : "Ich bin mit der Reparatur zufrieden."


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