vorja
|
|||
|
|
Philipps Erzählung Von Ian Cavalera Es war Ende September, der bis dahin schwache Sommer schien nun endgültig vorbei zu sein. Jeder war aus dem Urlaub zurück und machte es sich zu Hause gemütlich, während draußen der schon relativ kühle Wind die Blätter von den Bäumen fegte. Gerade jetzt, als alle begannen wieder den ganzen Tag vor ihren Fernsehern zu sitzen, hatte Paul es endlich geschafft, ein Interview mit Philipp Green zu bekommen. Paul präsentierte täglich auf Kanal 37 eine Talkshow und auf die Möglichkeit den wohl bekanntesten Schriftsteller der Ostküste in seine Sendung zu bekommen, hatte er sehr lange gewartet. Philipp Green war dafür bekannt, dass er seine Erzählungen und Romane in kürzester Zeit fertig stellte. Fünf bis sechs Romane pro Jahr, jeder etwa fünfhundert Seiten dick, so sah Philips Arbeitsrhythmus aus. Trotz der kurzen Zeit und der Masse an Geschichten, die er in den letzten Jahren veröffentlichte, war jedes neue Buch ein Meisterwerk für sich. Das Interview verlief besser, als Paul gehofft hatte. Philipp wusste auf alles Antworten, die mit jedem Satz interessanter wurden. Das Publikum war begeistert und die Quoten würden am nächsten Tag den Erfolg dieser Sendung bestätigen. Doch ein Anliegen hatte Paul nach der Sendung noch. Sein größter Wunsch war es, einmal dabei zu sein, wenn eine neue Geschichte entsteht. Paul war der Fan und die Geschwindigkeit beim Schreiben, die der Schriftsteller an den Tag legte, war für ihn ein Wunder, welches er unbedingt einmal live erleben wollte. Philipp hatte ihm zwar versichert, dass es nichts besonderes sei, aber er willigte ein. „Wissen sie, bei mir ist es nicht anders als bei anderen Schriftstellern, ich denke ein wenig nach, mir fällt etwas ein und ich schreibe es nieder. Aber kommen sie ruhig mit. Ich lade sie zum Abendessen ein. Meine Frau macht einen herrlichen Hackbraten und danach können wir am Kamin ein wenig über eine neue Geschichte nachdenken. Mir schwirrt schon den ganzen Tag eine Idee im Kopf herum." „Ich weiß nicht, gerade heute wäre es ungünstig." antwortete Paul sichtlich gedrückt, da er diese Gelegenheit ausschlagen musste, obwohl er vor wenigen Minuten sehr bestimmt darum gebeten hatte. Philipp Green beobachtete die Leute aus Pauls Team, die im Studio herumwirbelten und sicher schon Vorbereitungen für die nächste Show trafen. Er ließ sich für seine Antwort Zeit: „Das ist okay, wenn es ihnen heute nicht möglich ist... Eventuell haben wir ja noch einmal die Gelegenheit. Aber mein Angebot steht noch, falls sie sich doch noch anders entscheiden. Ich glaube heute Abend erdenke ich einen neuen Bestseller. Ich fühle, dass es etwas großes wird." Paul sah nachdenklich auf seine Uhr: „Ich weiß nicht..." Er hatte noch etwas vor, aber die Möglichkeit reizte ihn schon. Es war ein großer Aufwand den er betrieb, um Philipp für die Show zu bekommen. Ihn zu erreichen, telefonisch oder persönlich, war nahezu unmöglich. Der Schriftsteller beherrschte es perfekt, sich von der Außenwelt abzuschotten und so für seinen Job die nötige Ruhe zu finden. Die Chancen, dieser Einladung ein anderes mal nachzukommen, standen also schlecht. „Ach kommen Sie, es wird sicher ein ganz netter Abend. Es ist sehr selten jemand dabei, wenn ich eine neue Geschichte erschaffe, aber heute ist mir danach. Geben sie sich einen Ruck." Philipp Green übte unbewusst Druck auf Paul aus, der letztendlich doch einverstanden war. Das Dinner, das Philips Frau Jessica zauberte war, wie versprochen, erstklassig. Während sie sich im Anschluss an das Essen mit ihrem Haushalt beschäftigte setzten sich Philipp und Paul zu einer Zigarre und einem Drink ins Wohnzimmer vor den Kamin. Phil begann sich Gedanken zu machen: „Wie ich ihnen heute bereits sagte, mir schwebt den ganzen Tag schon eine Idee vor. Es geht um einen Mann. Der Mann lebt alleine. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben. Dieser Mann, nennen wir ihn Ed, ist körperlich behindert. Er verlor bei einem Autounfall beide Beine. Es war Nacht als er mit seinem Wagen nach Hause fuhr. Das Wetter war ziemlich mies. Es schneite, viel zu früh für die Jahreszeit und Sie kennen das bestimmt, man fährt etwas zu schnell, es kommt eine glatte Stelle und man verliert die Kontrolle über sein Auto. Eventuell hat man noch Gegenverkehr und so kommt es von einem zum anderen..." Paul nickte leicht und sank etwas tiefer in den Sessel, um es sich noch etwas bequemer zu machen. „Nun gut, Ed sitzt also alleine zu Hause und liest. Was soll er auch anderes tun? Er hat keine Verwandten und keine Freunde mehr. Seit dem Tod seiner Frau und seinem Unfall hat er das Haus kaum mehr verlassen. Alle Kontakte rissen nach und nach ab. Lediglich eine junge Frau vom Sozialamt kümmert sich um ihn." „Wie ist seine Frau eigentlich gestorben?" unterbrach Paul. „Durch einen Sturm, aber dazu werde ich später noch kommen. Ed glaubt eine verzerrte Stimme zu hören, ein Lautsprecher vielleicht. Es ist aber sehr windig draußen, und es regnet in Strömen. Das alte Haus erzeugt bei einem derartigen Sturm in allen Ritzen und Ecken alle möglichen Geräusche, das ist völlig normal. Nach einiger Zeit jedoch meint er, dieses Geräusch wieder zu vernehmen und ist sich dieses Mal sicherer, dass es sich um eine Lautsprecherdurchsage handelt. Er fährt mit seinem Rollstuhl zum Fenster, öffnet es und schaut hinaus. Der Regen ist wahrlich so stark, dass er als sintflutartig bezeichnet werden kann. Das Wasser läuft als ein kleiner Bach den Weg vom Haus zur Straße hinunter. Die Bäume verneigen sich durch den peitschenden Wind wieder und wieder. Dann sieht er es: unten auf der Straße fährt ein Polizeiwagen vorbei. Die Durchsagen sind zwar zu hören, aber die Worte zu verstehen ist wegen des pfeifenden Windes und des Regens recht schwer. Ed kann aber heraushören, dass die Bewohner des Dorfes aufgerufen werden, ihre Häuser zu räumen und in Richtung Stadt zu fahren, da in wenigen Stunden mit einer Flutwelle zu rechnen ist, die mit großer Wahrscheinlichkeit das Dorf mit sich reisen wird." Philipp nahm einen Schluck Whiskey aus seinem Glas und zog an seiner Zigarre, während Paul ihn inzwischen etwas ungläubig ansah, aber immer noch sehr interessiert wirkte. „Was ist los, Paul? Ist die Story so schlecht bis jetzt?" „Nein nein, ich denke nur ein wenig über Ed nach. Ich kann mir denken, dass er eventuell vergessen wird? Aber es ist Ihre Geschichte, fahren sie bitte fort!" „Ich erwähnte schon die Sozialarbeiterin, ihr Name ist Casey. Sie ist die einzige Person, die noch Kontakt zu ihm hat. Sie hilft ihm im Haushalt aus, kauft für ihn ein und geht mit ihm zum Arzt, wenn es nötig ist. Ab und zu bleibt Casey auch nur zum Reden. Also ruft Ed bei ihr an, um sie um Hilfe zu bitten, schließlich kann er das Haus alleine nicht verlassen. Nur... es geht nicht, das Telefon ist tot. Kein Wunder, bei dem Sturm sind sicher im ganzen Dorf die Telefone ausgefallen. Er versucht es noch ein paar Mal, aber es bringt nichts. Also fährt er zum Fenster und beginnt verzweifelt nach Hilfe zu rufen. Es sind immerhin noch einige Leute damit beschäftigt, ihre wertvollsten Sachen in den Wagen zu laden, um sie nicht der Flut zu überlassen. Doch auch hier hat er keinen Erfolg, niemand hört ihn. Der Wind wird von Minute zu Minute stärker, er heult inzwischen so laut, dass man ihn direkt unter dem Fenster sicher auch nicht verstehen könnte, die Regenfäden spannen sich immer dichter vom Himmel. Wer noch da ist wird ihn vermutlich nicht hören. Die Häuser stehen auch nicht wie in der Stadt, direkt nebeneinander, sondern vereinzelt." „Es sieht also sehr schlecht aus für Ed." fragte Paul. „Wird er es schaffen?" „Immer mit der Ruhe. Noch ist er nicht verloren, noch..." Philipp zündete sich eine weitere Zigarre an und fuhr fort: „Noch hat er ja eine Möglichkeit. Ed schaltet alle Lampen in seiner Wohnung ein - alles, was man von außen sehen kann. Er fährt wieder zum Fenster, schaut hinaus und wartet. Denn wenn die Polizei eine weitere Patrouillenrunde fährt, wird sie das Licht sicher bemerken und nachsehen, ob noch jemand im Haus ist." „Das ist logisch, ja. Aber wie ich sie kenne, wird der Plan wohl nicht aufgehen." „Genauso ist es. Der Sturm wird immer stärker. Er hört ein lautes Knacken, als wenn ein Baum gefällt wird, und noch bevor er sich ausmalen kann, was es war, geht in der ganzen Wohnung das Licht aus. Draußen auf der Straße zucken hellblaue Blitze die abgerissene Leitung entlang. Kurz darauf fährt die Polizei erneut vorbei, aber wieder hält sie nicht an. Jetzt bleibt ihm nur noch eins. Er muss versuchen, irgendwie das Haus zu verlassen und die Straße zu erreichen, aber ohne fremde Hilfe kommt er die Treppen nicht hinunter. Es war schon mit Caseys Unterstützung ein Abenteuer." Paul fällt dem Schriftsteller ins Wort: „Ja, Moment: hat er denn kein behindertengerechtes Haus? Und warum Treppen? Wenn er im Rollstuhl sitzt, klingt es doch reeller, wenn er im Erdgeschoss wohnt." „Wer sagt denn, dass es nicht so ist? Kennen sie die kleinen Dörfer unten an der Küste?" „Sicher, ich wohne selbst in einem dieser kleinen Orte." antwortete Paul. „Nun, dann sind ihnen doch diese Häuser bekannt, die direkt am Hang stehen. Um hier ins Erdgeschoss zu kommen muss man schon etliche Stufen steigen." Nun sah Paul etwas gereizt an Philipp vorbei und antwortete knurrig: „Mein Haus ist eines davon." „Sehen sie, und zu der anderen Sache sollten Sie, als Reporter, besser Bescheid wissen. Ed ist alleinstehend und arbeitslos. Er wird vom Sozialamt betreut. Wer sollte den Umbau des Hauses finanzieren? Die Versicherungen? Nein. Also zurück zu Ed. Er muss irgendwie auf die Straße kommen. Da ihm keiner hilft, muss er es allein versuchen. Er fährt mit seinem Rollstuhl zur Treppe und versucht herauszukommen um sich Stufe für Stufe auf dem Hosenboden hinabgleiten zu lassen. Das funktioniert die ersten paar Stufen auch relativ gut. Es ertönt ein leichtes Knirschen. Ed hält kurz inne und lauscht woher das Geräusch kam. Es muss draußen sein, die alte Buche sicher, die hinter dem Haus am Hang steht. Wenn der Wind diesen Baum umreißt, dann sollte sich Ed etwas beeilen, hinauszukommen. Doch noch während er diesen Gedanken zu Ende bringt, ändert sich das Geräusch in ohrenbetäubenden Krach. Es fallen Balken und Dachziegel auf die Treppe. Der Sturm hat den alten Baum aus den Wurzeln gehoben und der fiel direkt auf das Haus. Das Dach ist eingedrückt und die Äste ragen teilweise bis auf die Stufen hinab ins Haus hinein. Ed verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er am unteren Ende der Treppe, direkt an der Tür jedoch unter einem Berg von Balken und Schutt eingeklemmt. Er weiß nicht, wie lange er bewusstlos war. Was er aber bemerkt ist, dass er sich nicht mehr bewegen kann, das heißt vom Hals an abwärts. Er hätte sich möglicherweise noch mit den Armen aus dem Schutt herausziehen und dann nach draußen schleppen können, aber so ist er verloren. Sein Körper ist taub, aber er kann sehen, wie seine blutenden Wunden mit dem Staub verkleben und sich hier und da schon Ungeziefer zu ihm gesellt. Sie können sich vorstellen, dass es das blanke Grauen ist, wenn man so etwas mitbekommt aber nichts dagegen machen kann." „Philip, jetzt wird es langsam etwas eklig." Paul hatte immer noch eine etwas miese Laune. „Aber ich verstehe nicht, wie sie sich das in solch kurzer Zeit und auch noch so flüssig einfallen lassen können." „Ich habe das Gefühl, dass die Geschichten zu mir kommen, ich schreibe sie nur noch nieder. Fragen sie mich nicht, wie ich das mache. Aber es geht noch weiter: Ed liegt also unbeweglich am Boden, er ist noch etwas benommen. Plötzlich taucht seine verstorbene Frau auf. Sie steht vor ihm, ist kreidebleich und Ed kann durch sie hindurchsehen. Sie wirkt wie eine Holographie, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen kennt, nur etwas realer und vor allem beängstigender. Sie beginnt zu ihm zu sprechen. Sie sagt, sie hätte auf ihn gewartet, damals an dem Tag, an dem sie starb. Sie wartete darauf, dass er nach Hause kommt, denn sie wollte ihm dringend etwas sagen, bei einem romantischen Essen in einem netten Restaurant in der Stadt. Doch Ed kam nicht, obwohl er es versprochen hatte, und so blieb sie zu Hause. Am späten Abend gab es damals ebenfalls einen starken Sturm mit einer Flutwelle, der das Dach des Hauses zerstörte. Das Dach brach ein und sie wurde unter den Trümmern begraben. So starb sie. Und so wird auch er jetzt sterben." Paul saß regungslos da und starrte apathisch in den Kamin. Völlig abwesend fragte er mit einer überspringenden Stimme, was Eds Frau ihm damals sagen wollte, ohne seinen Blick auch nur einen Millimeter von den Flammen wegzubewegen. „Nun, sie war schwanger. Das wollte sie ihm sagen. Also hatte er im Prinzip jetzt zwei Seelen auf dem Gewissen. Das gibt sie ihm jetzt auch mit allem Nachdruck zu verstehen. Sie erklärt ihm noch mal, dass er nicht mehr gerettet werden kann, da sich niemand mehr im Ort befindet und die Flutwelle in weniger als einer Stunde hier sein und auch Eds Haus mit sich reisen wird." Paul stand mit zitternden Beinen auf, begann Philipp anzuschreien: „Nein, nein! Warum tun sie so etwas Phil? Ich sollte heute pünktlich zu Hause sein, aber Sie haben mich überredet, mit hierher zu kommen. Wissen Sie, meine Frau wollte mit mir reden. Heute morgen habe ich gehört, wie sie sich im Badezimmer übergeben hat. Warum nur, tun sie so etwas?" Philipp konterte sofort: „Halt, wer sagt denn, dass Sie Ed sind? Das ist doch absurd. Es ist eine Geschichte, nichts weiter." „Eine Geschichte, die eindeutig von mir handelt! Das Haus, der Ort in dem die Geschichte spielt. Was ist mit der Buche, sie steht tatsächlich hinter meinem Haus. Woher wussten sie das?" Paul schüttelte aufgeregt den Kopf. „Danke für das Dinner, aber ich werde jetzt gehen." Er war sehr aufgebracht und etwas atemlos von den letzten lautstarken Sätzen, die er in den Raum warf. Philips Frau Jessica kam herein und drückte Paul ein paar Decken in die Hand. „Sie sollten heute Nacht besser hier bleiben. Im Radio haben sie Sturmwarnung gegeben. Es wäre besser, wenn sie bei einem solchen Wetter nicht fahren. Nehmen sie diese Decken und machen sie es sich hier auf dem Sofa bequem!" „Lassen sie mich! Ich muss sofort nach Hause zu meiner Frau." Paul warf die Decken auf den Boden und ging stur zur Tür. Er riss sie auf und ging, ohne sich noch einmal umzusehen oder zu verabschieden. „Ist es wieder eine dieser Geschichten?" fragte Jessica. „Ich fürchte schon." antwortete Philipp, „Ich weiß nicht warum es immer wieder passiert. Vielleicht ist es einfach nur Schicksal." Ed stieg in seinen Wagen und fuhr los, in die stürmische Nacht, in der es langsam zu schneien begann. Viel zu früh für die Jahreszeit... |