vorja
|
|||
|
Auf der Suche nach dir
Von Michaela Schneider
Mit scharfem Blick durchschneide ich den nebelnen Vorhang: das da hinten könntest du sein. Ich laufe, komme näher und werfe mich dem achten Himbeerstrauch an diesem Tag in die Äste. Wieder nicht. Wieder nicht.
Die Sonne geht unter. Noch immer suche ich den Wald Quadratzentimeter für Quadratzentimeter ab. Keine Spur von dir. Das Licht meiner Taschenlampe wird von den feinen Wassertropfen in der Luft reflektiert. Manchmal schrecke ich ein Eichhörnchen aus dem Schlaf. Aber nur manchmal. Ansonsten ist alles still. Dunkel. Kalt. Nass.
Angst habe ich nicht, du bist da draußen. Und solange ich nach dir suche, habe ich keine Zeit zum Angst haben. Also suche ich. Wage nicht, deinen Namen zu rufen. Ich könnte vor mir selbst erschrecken. Eine seltsame Vorstellung.
Ich bleibe mit dem Fuß an einer Wurzel hängen. Sehe nach unten, hier war ich schon. Laufe im Kreis. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Was kümmert es mich? Schließlich weiß ich ja auch nicht, wo du bist.
Ich höre Schritte hinter mir. Ich wende mich um – da steht sie: die Müdigkeit. Ich gehe schneller, laufe. Sie wird mich nicht einholen, jetzt nicht. Ein wenig größer ist der Abstand jetzt, ich laufe noch ein Ende und bleibe stehen: ich habe sie abgeschüttelt.
Wieder sehe ich nach vorn: sehe nichts. Der Nebel ist zu dicht geworden, der Lichtkegel der Lampe durchdringt ihn kaum einen Meter weit. Ich schalte die Leuchte aus. Schließe für einen kurzen Moment die Augen und lausche: Schweigen. Wie laut es ist.
Kannst du schlafen? Du hättest nicht weglaufen sollen. Vielleicht hätten wir es ausdiskutieren können. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht nicht.
Ich muss lachen: als Kinder haben wir Verstecken gespielt. Hier, in diesem Wald. Nur nicht im Dunkeln. Das müssen wir jetzt als Erwachsene nachholen. Oder jedenfalls fast. Sagen wir: beinahe erwachsen.
Du hast jedesmal gewonnen, ich konnte dich nie finden. Obwohl du dir stets das gleiche Versteck ausgesucht hast: ein hohler Baumstamm, geräumig genug für eine ganze Horde von Versteckspielern. Immer dachte ich: diesmal ist sie nicht dort, und bin stundenlang durch den Wald gerannt. Irgendwann habe ich dann aufgegeben und bin zu deinem Baum gelaufen. Du hast drinnen gesessen, mit einem Buch in der Hand, Limonade getrunken und mich angelacht. Du wirst mich immer hier finden, hast du dann gesagt.
Ich öffne die Augen wieder und lache noch einmal. Ich schalte die Lampe wieder an, schalte sie wieder aus und laufe.
Ruhig.
Überrascht bin ich kaum, als ich das Kerzenlicht sehe. Du hast sonst nie ein Feuerzeug bei dir.
Mein Blick fällt auf die Streichhölzer. Auf dich. Wieder liest du. Wieder lachst du.
Kann ich einen Schluck Limonade haben?
Und plötzlich, als müsste es so sein, ist alles in Ordnung. Als hätte es keinen Streit gegeben. Nicht diesen Streit.
Ich krieche in dein Versteck und wir reden. Über alles und nichts. In meine Decke gekuschelt, hocken wir nebeneinander und beobachten, wie die Kerze herab brennt.
Du hast nach mir gesucht? Warum? fragst du. Warum nicht? frage ich. Früher habe ich dich doch auch gesucht.
Du, meine beste Freundin, siehst mich an und lächelst. Vielleicht hattest du nicht erwartet, dass ich es tatsächlich tue, aber ich habe es getan.
Ja. sagst du. Und du hast mich nie gefunden.
Du wirst mich immer hier finden.
Zum Seitenanfang
Zur Startseite