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Der Traumdrache AmerajaskoVon Maike Salazar Kämpf Lilli saß auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer und starrte gebannt auf den blauen Tisch. Sie sah Honig, ihre Lieblingstörtchen, den selbst gestrickten Topflappen, das Teekännchen und die Tasse Tee, die Mutter ihr vorbereitet hatte, auf dem Tisch liegen. Aber keinen feuerroten Traumdrachen. So sehr sie sich auch anstrengte, er war und blieb verschwunden. Sie dachte an das Erlebnis, das sie zusammen mit dem Traumdrachen Amerajasko erlebt hatte. Es hatte alles damit angefangen, dass sie auf dem Fensterbrett saß und auf den Tisch geschaut hatte. Sie hatte alles gesehen, genau die gleichen Dinge, die sie jetzt auch sah und doch war etwas anders. Etwas rotes, langes, schauriges und stachliges lag auf dem blauen Tisch im Wohnzimmer. Das rote Etwas bewegte sich langsam, Stück für Stück. Plötzlich begann das rote Etwas zu reden: "Ich bin Amerajasko", begann das Etwas mit einer rauen, heiseren Stimme, "der Traumdrache. Ich bin gekommen, denn der König der Traumdrachen hat mich geschickt. Er sagte, dass du sehr oft unglücklich bist. Stimmt das?" fragte er zum Schluss. Tatsächlich war sie öfters unglücklich. Der Grund dafür war, dass sie stumm war und fast niemand mit ihr spielen wollte. Was sollte man denn mit einem stummen Mädchen anfangen, dachten die meisten (und das war ziemlich gemein). Die anderen dachten auch, dass sie doch mit ihren Eltern spielen konnte. Das konnte sie aber nicht, denn ihre Eltern arbeiteten tagsüber und kamen erst nachts gegen 11 Uhr wieder. Lilli antwortete mit einem Schluchzen, denn sie konnte ja nicht reden. "Oh", sagte Amerajasko und war sichtlich erschrocken, "ich will bitte etwas Milch. Ich werde dich für die Milch auch belohnen." Lilli hörte auf zu schluchzen, wischte sich die Tränen ab und ging in die Küche, um Milch zu holen. Als sie mit der Milch zurück kam, wartete Amerajasko schon ungeduldig. "Endlich", sagte er und begann die Milch in wenigen Sekunden auszuschlürfen. Lilli saß daneben und schaute ihm zu. Als er fertig war, sagte er: "Komm, steig auf, ich werde dich zu einem schönen Ort bringen." Lilli folgte seinen Anweisungen und stieg auf. Gleich danach hob Amerajasko ab und flog aus dem Fenster, während es Lilli vorkam, als wenn sie auf einer federleichten Wolke daher schwebte. Unter Lilli war die Stadt klein, sehr klein. Es war eine wundervolle Aussicht. Als sie schon eine Weile geflogen waren, flog Amerajasko plötzlich immer höher in den Himmel hinein. Danach flog er nach rechts, wo er durch ein silbernes Tor flog. Hinter dem Tor befand sich ein Hügel, auf dem wunderschöne Wesen in sehr, sehr schönen Kleidern tanzten. Sie tanzten und flogen, denn sie hatten Flügel. Alle waren sehr klein und zierlich, so dass man meinte, sie könnten gleich zerbrechen. Amerajasko flog immer langsamer, bis er in schaukelnden Bewegungen anhielt. "Oh, wie wunderschön", sagte Lilli. Als sie bemerkt hatte, dass sie gerade geredet hatte, machte sie zuerst ein etwas erschrockenes Gesicht, danach aber sagte sie voller Freude und Glück: "Ich kann ja sprechen!" "Aber klar", sagte Amerajasko, "jedes Kind, das auf einem Traumdrachen reitet, ist gesund. Egal ob es gelähmt, blind, stumm oder etwas anderes ist. Leider", fügte er mit einem traurigen Gesicht hinzu, "ist das nur so lange, wie man auf einem Traumdrachen reitet, aber", sagte er mit einem Lächeln, "wenn man sich abfindet mit seiner Krankheit, dann kommt der Traumdrache wieder und man hat drei Wünsche frei." "Warum sagst du, er kommt wieder? Bleibst du denn nicht für längere Zeit?" fragte Lilli. "Glaubst du etwa, ich müsste nur zu dir und nur dir helfen? Nein, das muss ich nicht. Ich muss noch vielen anderen Kindern helfen", antwortete Amerajasko ein wenig empört. Doch plötzlich schnüffelte er erschrocken in der Luft herum und meinte: "Oh, nein, wir müssen uns beeilen!" Mit diesen Worten flog er in Windeseile los. Flog über die kleine, sehr kleine Stadt, wo Lilli diesmal die Aussicht nicht genießen konnte. Kaum war er zum Fenster rein geflogen, setzte er Lilli aufs Fensterbrett und verschwand. Und nun saß Lilli auf dem Fensterbrett und starrte auf den blauen Tisch im Wohnzimmer. Sie nahm sich fest vor, auch mit ihrer Krankheit glücklich zu werden. Als ein Jahr vergangen war, hatte sie es geschafft. Sie war glücklich, trotz ihrer Krankheit. Da erschien Amerajasko und sie wünschte, dass sie nicht mehr stumm war, dass sie Freunde bekommen würde und dass Amerajasko auch einen Wunsch frei hatte. Alle Wünsche gingen in Erfüllung. Was Amerajasko sich wünschte? Das bleibt sein Geheimnis.
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