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  An einem Morgen aus gefrorenem Glas

Von Martin Friedrich

Solche Morgenstimmungen kannte er erst seit kurzem. Als er nach dem Wecker tastete, dauerte es einen  Moment , bis er sich eingestand, dass er nicht mehr träumte. Aber es gab keinen Zweifel: so war heute seine wirkliche Welt, oder was er von ihr wahrnahm, so fremd und gleichzeitig so überdeutlich, wie in ein grelles Licht getaucht.

Alles um ihn herum war wie immer am frühen Morgen, das Bett, der Tisch, der Schrank, die Bücher. Auch er selbst? Er wusste, dass er geträumt hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich die Bilder des Traums wieder in Erinnerung zu rufen. Geblieben war ihm nur dieses rätselhafte Gefühl einer bedeutungsschweren Dringlichkeit, das aber verblasste, je mehr er sich anstrengte, das Rätsel zu entschlüsseln.

Er schaltete das Radio ein, wie meistens nach dem Aufwachen. Doch die Musik und die Kurzreportagen der Frühsendung vermochten nur unvollständig, ihn in die Alltagswelt zurück zu holen.

Es war wieder einmal ein Morgen aus gefrorenem Glas wie er diesen seit einigen Monaten zuweilen wiederkehrenden Zustand eher ratlos als resignierend zu nennen pflegte.

Auf dem Weg zur S-Bahn beeilte er sich, im Gehen seine gewohnten rhythmischen Atemübungen zu absolvieren, bevor er die Siedlung mit ihren Bäumen und Gärten verließ und in die belebteren Straßen einbog. Er tat das ohne Überzeugung, denn er erwartete nicht, von der frischen Morgenluft ausgerechnet heute besonders zu profitieren. Nein, er musste sich auf den Espresso verlassen, den er wie an jedem Morgen getrunken hatte.

Dann, im S-Bahnabteil, war er zufrieden, dass niemand Notiz von ihm nahm. Wenigstens das war genau wie immer. Auch er kümmerte sich nicht um die wenigen unter den Mitreisenden, die morgens oft im gleichen Zug wie er selbst saßen, und deren Gesichter ihm vage bekannt vorkamen.

Er zog die Lokalzeitung aus der Innentasche seines Regenmantels und versuchte zu lesen. Aber er kam kaum weiter als bis zu den Überschriften. Mehr als sonst störte ihn die künstliche Aufgeregtheit der Nachrichten und die billige Besserwisserei der Kommentare, die oft auch noch schlecht geschrieben waren.

Er faltete die Zeitung wieder zusammen und blickte aus dem Fenster. An den Ampeln der Vorstadtstrassen waren lange Autokolonnen zu sehen. Auf der Fensterscheibe neben ihm sammelten sich plötzlich Regentropfen, die vom Fahrtwind in die Länge gezogen wurden und nach einer Weile begannen, schwerer geworden, herunter zu rinnen, ohne den unteren Fensterrand zu erreichen. Hinter der nassen Fensterscheibe bildeten die Lampen und Rücklichter der Autos auf den Querstrassen bizarre Sternmuster. Auf dem Balkon eines Wohnhauses sah er eine Frau, sie holte Wäsche von der Leine.

Diese alltäglichen Beobachtungen beschäftigen ihn nur deshalb, weil ihm aufgefallen war, dass ihm heute alle diese Bilder überdeutlich und gleichzeitig weit entrückt erschienen. Doch das beunruhigte ihn nur wenig, er hoffte, dass die Folgen seines gläsernen Morgens vielleicht schon heute Abend, bestimmt aber morgen nicht mehr zu spüren sein würden. Bisher jedenfalls hatten noch nie zwei seiner Tage hintereinander auf diese Weise begonnen. Er wollte dem Gedanken, dass genau dies vielleicht doch einmal passieren könnte, keinen Raum gönnen, obwohl er sich deshalb auch früher schon hin und wieder Sorgen gemacht hatte.

Er war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er erst jetzt bewusst wahrnahm, was ihn schon seit einiger Zeit zunehmend gestört hatte. In dem Abteil war es inzwischen ziemlich eng geworden. Er schaute sich um. Schräg gegenüber bemerkte er eine junge dunkelhäutige Frau. Sie stand geduckt in dem Gang. Ihre großen dunkelbraunen Augen waren halb geschlossen, nur hin und wieder wagte sie einen Blick zu den Reisenden, die neben und vor ihr standen. Zunächst konnte er nicht erkennen, was mit ihr war. Doch dann spürte er, undeutlich zunächst, doch schließlich klarer, dass sich die Stimmung in dem Abteil verändert hatte. Schläfrige Gleichgültigkeit war einer Atmosphäre der gespannten Aufmerksamkeit gewichen.

Die Spannung ging von zwei jungen Männern aus, mickrig und pickelgesichtig der eine, groß und breitschultrig der andere. Der Große stand hinter, der Kleine neben der schwarzen Frau. Sie sprachen miteinander, gestikulierten und ließen hin und wieder ein bösartiges Lachen hören.

Er blickte wieder aus dem Fenster. Die S-Bahn war nun schon nahe der Stelle, wo ihre Schienen in einen Tunnel einmündeten, bevor sie den Hauptbahnhof der großen Stadt erreichten. Die Szene in dem Abteil, die er ohnehin nur von weitem und sehr flüchtig wahrgenommen hatte, war ihm nun wieder ganz fern. Er versuchte, sich auf den vor ihm liegenden Tag im Büro zu konzentrieren, die Termine der Besprechungen, die Telefonate, die geführt werden mußten. Seine Sekretärin war krank, es würde hektisch zugehen. Doch an diesem Morgen interessierte ihn das alles nur wenig. Diese neue Gleichgültigkeit beunruhigte ihn. Seine Arbeit hatte ihn immer ausgefüllt.

Als die S-B ahn in den Tunnel fuhr und das Abteil in das weißliche Licht der Neonröhren getaucht war, bemerkte er, dass erneut Reisende zugestiegen waren. Darauf hatte er beim letzten Halt nicht geachtet.

Jetzt war auch der letzte Stehplatz besetzt. Der große Mann hatte seinen Platz hinter der schwarzen Frau behauptet, der kleine stand nun so, dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von dem der Frau entfernt war. Er schien sich einen Spaß daraus zu machen, seinen Kopf unvermittelt und scheinbar zufällig möglichst weit nach vorn zu schieben, fast berührte er dann das dunkle Gesicht der Frau. Sie wich ihm jedesmal aus, konnte dabei aber , eingeengt, wie sie war, nicht vermeiden, dass sie sich einen Moment lang an den Mann anlehnte, der hinter ihr stand,.

Er beobachtete die Szene, die sich nur wenige Meter von ihm entfernt vor seinen Augen abspielte, wie ein Schauspiel, das ihn nichts anging

"Die schwarze Schlampe kann schon am frühen Morgen nicht still stehen. Man sollte ihr sagen, wie man sich in Deutschland zu benehmen hat", sagte der Kleinere zu seinem Freund und schaute sich triumphierend um. Mit einem unangenehmen Lachen ließ er sich für einen Moment nach vorne sinken, so dass es im Gedränge des Abteils wirkte, als wolle er die schwarze Frau umarmen. In diesem Moment durchfuhr der Zug eine Kurve.

Er konnte jetzt das Gesicht der Frau sehen, das vorher durch den Kopf des vor ihr stehenden Mannes fast vollständig verdeckt gewesen war. Sie schaute ihn an, eher fragend als bittend oder gar fordernd.

"Das reicht jetzt", hörte er sich plötzlich sagen, "lassen Sie bitte die Dame durch, damit sie sich hinsetzen kann!" Er wußte selbst nicht, ob es die rüden Worte des Pickligen, oder der Blick der Frau waren, die ihn zu seiner Überraschung in die Szene hineingezogen hatten. Er war von seinem Platz aufgestanden. Nachdem sie sich gesetzt hatte, blieb er so vor ihr stehen, dass er die beiden Männer mit seinem Rücken auf Distanz hielt.

Die Frau blickte ihn erneut an. "Vielen Dank, mein Herr, Sie sind sehr freundlich", sagte sie sehr förmlich und in akzentfreiem Deutsch. Ihre Stimme klang überraschend warm und voll. Er antwortete ihr mit einem Kopfnicken.

"Das wurde aber Zeit, dass jemand was unternahm", bemerkte eine ältere Frau in herausforderndem Ton, die im Gang in der Nähe der beiden Männer stand. Doch die beiden schwiegen jetzt.

Er spürte sehr deutlich, dass die Stimmung in dem Wagen umgeschlagen war. Er schaute die Frau an, die nun nicht mehr verschüchtert, sondern gelassen und zufrieden wirkte. Sie war ihm nun wieder so fern, wie alles an diesem Morgen. Er bedauerte fast, dass sie seinen Blick nicht erwiderte, denn sie war, wie er erst jetzt feststellte, eine sehr attraktive Person.

Er bemerkte ihr klares Gesicht, das leicht gewellte tiefschwarze Haar und die vollen hellrot geschminkten Lippen, die den warmen Braunton ihrer Haut unterstrichen. Während er sie betrachtete, sprang hinter dem Zugfenster die dunkle Betonwand zurück. Sie hatten die weitläufige S-Bahnstation unter dem Hauptbahnhof erreicht.

Auf dem Bahnsteig setzte er sich nur zögernd in Bewegung. Die Reisenden aus der S-Bahn hasteten an ihm vorbei, sie eilten zu den unterschiedlichen Treppen, die zu den U- und Straßenbahnlinien führten. Er ging langsam auf den Aufgang zur Haupthalle des Bahnhofs zu.

Hinter sich hörte er leichte und doch energische Schritte. Dann war sie neben ihm. Sie schien den gleichen Weg wie er zu haben. Sie lächelte nur kurz zu ihm herüber und blickte dann wieder nach vorn. Auf der Treppe blieb sie weiter neben ihm.

Ein Mann, der einen schweren Koffer schleppte, kam ihnen entgegen und stieg zwischen ihnen hindurch nach unten. Sie gingen auch in der großen Bahnhofshalle nebeneinander. Er fühlte, dass die Situation etwas traumwandlerisches hatte, wie sie so nebeneinander her die Halle durchquerten und sich dem Hauptportal näherten. Er hätte gern mit ihr gesprochen, irgendetwas zu ihr gesagt, um doch noch ihren Kontakt von vorhin in der S-B ahn zu erneuern. Aber es gelang ihm an diesem Morgen nicht, die Distanz zu überbrücken, die sie zwischen ihnen einhielt,.

Draußen regnete es jetzt nicht mehr. Ein böiger Wind presste ihm den Mantel an die Beine. Er drückte sich den Hut tiefer in die Stirn. Als er die Hand herunternahm, sah er sie plötzlich vor sich stehen. Sie kam einen Schritt auf ihn zu. Nun endlich wollte er mit ihr sprechen, etwas passendes sagen, um ihr auch seinerseits wenigstens mit Worten entgegenzukommen. Aber es fiel ihm immer noch nichts ein.

Sie lächelte. Dann umarmte sie ihn. Er war starr vor Staunen. Sie drückte ihn leicht an sich, "danke", sagte sie leise, fast flüsternd in sein Ohr. Im gleichen Moment machte sie kehrt und setzte ihren Weg fort. Er schaute ihr nach, als sie rasch auf den Taxistand zuging. Sie stieg ein, das Auto fuhr los.

Während er seinen Weg zur Straßenbahn fortsetzte, meinte er, immer noch ihre kühle Wange an seinem Gesicht zu fühlen, den Duft ihres Parfüms zu atmen. Er lächelte, zum ersten Mal an diesem Morgen.

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