Solche Morgenstimmungen kannte er
erst seit kurzem. Als er nach dem Wecker tastete, dauerte es einen Moment , bis er
sich eingestand, dass er nicht mehr träumte. Aber es gab keinen Zweifel: so war heute
seine wirkliche Welt, oder was er von ihr wahrnahm, so fremd und gleichzeitig so
überdeutlich, wie in ein grelles Licht getaucht.
Alles um ihn herum war wie immer
am frühen Morgen, das Bett, der Tisch, der Schrank, die Bücher. Auch er selbst? Er
wusste, dass er geträumt hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich die Bilder des Traums
wieder in Erinnerung zu rufen. Geblieben war ihm nur dieses rätselhafte Gefühl einer
bedeutungsschweren Dringlichkeit, das aber verblasste, je mehr er sich anstrengte, das
Rätsel zu entschlüsseln.
Er schaltete das Radio ein, wie
meistens nach dem Aufwachen. Doch die Musik und die Kurzreportagen der Frühsendung
vermochten nur unvollständig, ihn in die Alltagswelt zurück zu holen.
Es war wieder einmal ein Morgen
aus gefrorenem Glas wie er diesen seit einigen Monaten zuweilen wiederkehrenden Zustand
eher ratlos als resignierend zu nennen pflegte.
Auf dem Weg zur S-Bahn beeilte er
sich, im Gehen seine gewohnten rhythmischen Atemübungen zu absolvieren, bevor er die
Siedlung mit ihren Bäumen und Gärten verließ und in die belebteren Straßen einbog. Er
tat das ohne Überzeugung, denn er erwartete nicht, von der frischen Morgenluft
ausgerechnet heute besonders zu profitieren. Nein, er musste sich auf den Espresso
verlassen, den er wie an jedem Morgen getrunken hatte.
Dann, im S-Bahnabteil, war er
zufrieden, dass niemand Notiz von ihm nahm. Wenigstens das war genau wie immer. Auch er
kümmerte sich nicht um die wenigen unter den Mitreisenden, die morgens oft im gleichen
Zug wie er selbst saßen, und deren Gesichter ihm vage bekannt vorkamen.
Er zog die Lokalzeitung aus der
Innentasche seines Regenmantels und versuchte zu lesen. Aber er kam kaum weiter als bis zu
den Überschriften. Mehr als sonst störte ihn die künstliche Aufgeregtheit der
Nachrichten und die billige Besserwisserei der Kommentare, die oft auch noch schlecht
geschrieben waren.
Er faltete die Zeitung wieder
zusammen und blickte aus dem Fenster. An den Ampeln der Vorstadtstrassen waren lange
Autokolonnen zu sehen. Auf der Fensterscheibe neben ihm sammelten sich plötzlich
Regentropfen, die vom Fahrtwind in die Länge gezogen wurden und nach einer Weile
begannen, schwerer geworden, herunter zu rinnen, ohne den unteren Fensterrand zu
erreichen. Hinter der nassen Fensterscheibe bildeten die Lampen und Rücklichter der Autos
auf den Querstrassen bizarre Sternmuster. Auf dem Balkon eines Wohnhauses sah er eine
Frau, sie holte Wäsche von der Leine.
Diese alltäglichen Beobachtungen
beschäftigen ihn nur deshalb, weil ihm aufgefallen war, dass ihm heute alle diese Bilder
überdeutlich und gleichzeitig weit entrückt erschienen. Doch das beunruhigte ihn nur
wenig, er hoffte, dass die Folgen seines gläsernen Morgens vielleicht schon heute Abend,
bestimmt aber morgen nicht mehr zu spüren sein würden. Bisher jedenfalls hatten noch nie
zwei seiner Tage hintereinander auf diese Weise begonnen. Er wollte dem Gedanken,
dass
genau dies vielleicht doch einmal passieren könnte, keinen Raum gönnen, obwohl er sich
deshalb auch früher schon hin und wieder Sorgen gemacht hatte.
Er war so mit sich selbst
beschäftigt gewesen, dass er erst jetzt bewusst wahrnahm, was ihn schon seit einiger Zeit
zunehmend gestört hatte. In dem Abteil war es inzwischen ziemlich eng geworden. Er
schaute sich um. Schräg gegenüber bemerkte er eine junge dunkelhäutige Frau. Sie stand
geduckt in dem Gang. Ihre großen dunkelbraunen Augen waren halb geschlossen, nur hin und
wieder wagte sie einen Blick zu den Reisenden, die neben und vor ihr standen.
Zunächst
konnte er nicht erkennen, was mit ihr war. Doch dann spürte er, undeutlich zunächst,
doch schließlich klarer, dass sich die Stimmung in dem Abteil verändert hatte.
Schläfrige Gleichgültigkeit war einer Atmosphäre der gespannten Aufmerksamkeit
gewichen.
Die Spannung ging von zwei jungen
Männern aus, mickrig und pickelgesichtig der eine, groß und breitschultrig der andere.
Der Große stand hinter, der Kleine neben der schwarzen Frau. Sie sprachen miteinander,
gestikulierten und ließen hin und wieder ein bösartiges Lachen hören.
Er blickte wieder aus dem
Fenster. Die S-Bahn war nun schon nahe der Stelle, wo ihre Schienen in einen Tunnel
einmündeten, bevor sie den Hauptbahnhof der großen Stadt erreichten. Die Szene in dem
Abteil, die er ohnehin nur von weitem und sehr flüchtig wahrgenommen hatte, war ihm nun
wieder ganz fern. Er versuchte, sich auf den vor ihm liegenden Tag im Büro zu
konzentrieren, die Termine der Besprechungen, die Telefonate, die geführt werden mußten.
Seine Sekretärin war krank, es würde hektisch zugehen. Doch an diesem Morgen
interessierte ihn das alles nur wenig. Diese neue Gleichgültigkeit beunruhigte ihn. Seine
Arbeit hatte ihn immer ausgefüllt.
Als die S-B ahn in den Tunnel
fuhr und das Abteil in das weißliche Licht der Neonröhren getaucht war, bemerkte er,
dass erneut Reisende zugestiegen waren. Darauf hatte er beim letzten Halt nicht geachtet.
Jetzt war auch der letzte
Stehplatz besetzt. Der große Mann hatte seinen Platz hinter der schwarzen Frau behauptet,
der kleine stand nun so, dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von dem der Frau entfernt
war. Er schien sich einen Spaß daraus zu machen, seinen Kopf unvermittelt und scheinbar
zufällig möglichst weit nach vorn zu schieben, fast berührte er dann das dunkle Gesicht
der Frau. Sie wich ihm jedesmal aus, konnte dabei aber , eingeengt, wie sie war, nicht
vermeiden, dass sie sich einen Moment lang an den Mann anlehnte, der hinter ihr stand,.
Er beobachtete die Szene, die
sich nur wenige Meter von ihm entfernt vor seinen Augen abspielte, wie ein Schauspiel, das
ihn nichts anging
"Die schwarze Schlampe kann
schon am frühen Morgen nicht still stehen. Man sollte ihr sagen, wie man sich in
Deutschland zu benehmen hat", sagte der Kleinere zu seinem Freund und schaute sich
triumphierend um. Mit einem unangenehmen Lachen ließ er sich für einen Moment nach vorne
sinken, so dass es im Gedränge des Abteils wirkte, als wolle er die schwarze Frau
umarmen. In diesem Moment durchfuhr der Zug eine Kurve.
Er konnte jetzt das Gesicht der
Frau sehen, das vorher durch den Kopf des vor ihr stehenden Mannes fast vollständig
verdeckt gewesen war. Sie schaute ihn an, eher fragend als bittend oder gar fordernd.
"Das reicht jetzt",
hörte er sich plötzlich sagen, "lassen Sie bitte die Dame durch, damit sie sich
hinsetzen kann!" Er wußte selbst nicht, ob es die rüden Worte des Pickligen, oder
der Blick der Frau waren, die ihn zu seiner Überraschung in die Szene hineingezogen
hatten. Er war von seinem Platz aufgestanden. Nachdem sie sich gesetzt hatte, blieb er so
vor ihr stehen, dass er die beiden Männer mit seinem Rücken auf Distanz hielt.
Die Frau blickte ihn erneut an.
"Vielen Dank, mein Herr, Sie sind sehr freundlich", sagte sie sehr förmlich und
in akzentfreiem Deutsch. Ihre Stimme klang überraschend warm und voll. Er antwortete ihr
mit einem Kopfnicken.
"Das wurde aber Zeit,
dass
jemand was unternahm", bemerkte eine ältere Frau in herausforderndem Ton, die im
Gang in der Nähe der beiden Männer stand. Doch die beiden schwiegen jetzt.
Er spürte sehr deutlich,
dass
die Stimmung in dem Wagen umgeschlagen war. Er schaute die Frau an, die nun nicht mehr
verschüchtert, sondern gelassen und zufrieden wirkte. Sie war ihm nun wieder so fern, wie
alles an diesem Morgen. Er bedauerte fast, dass sie seinen Blick nicht erwiderte, denn sie
war, wie er erst jetzt feststellte, eine sehr attraktive Person.
Er bemerkte ihr klares Gesicht,
das leicht gewellte tiefschwarze Haar und die vollen hellrot geschminkten Lippen, die den
warmen Braunton ihrer Haut unterstrichen. Während er sie betrachtete, sprang hinter dem
Zugfenster die dunkle Betonwand zurück. Sie hatten die weitläufige S-Bahnstation unter
dem Hauptbahnhof erreicht.
Auf dem Bahnsteig setzte er sich
nur zögernd in Bewegung. Die Reisenden aus der S-Bahn hasteten an ihm vorbei, sie eilten
zu den unterschiedlichen Treppen, die zu den U- und Straßenbahnlinien führten. Er ging
langsam auf den Aufgang zur Haupthalle des Bahnhofs zu.
Hinter sich hörte er leichte und
doch energische Schritte. Dann war sie neben ihm. Sie schien den gleichen Weg wie er zu
haben. Sie lächelte nur kurz zu ihm herüber und blickte dann wieder nach vorn. Auf der
Treppe blieb sie weiter neben ihm.
Ein Mann, der einen schweren
Koffer schleppte, kam ihnen entgegen und stieg zwischen ihnen hindurch nach unten. Sie
gingen auch in der großen Bahnhofshalle nebeneinander. Er fühlte, dass die Situation
etwas traumwandlerisches hatte, wie sie so nebeneinander her die Halle durchquerten und
sich dem Hauptportal näherten. Er hätte gern mit ihr gesprochen, irgendetwas zu ihr
gesagt, um doch noch ihren Kontakt von vorhin in der S-B ahn zu erneuern. Aber es gelang
ihm an diesem Morgen nicht, die Distanz zu überbrücken, die sie zwischen ihnen
einhielt,.
Draußen regnete es jetzt nicht
mehr. Ein böiger Wind presste ihm den Mantel an die Beine. Er drückte sich den Hut
tiefer in die Stirn. Als er die Hand herunternahm, sah er sie plötzlich vor sich stehen.
Sie kam einen Schritt auf ihn zu. Nun endlich wollte er mit ihr sprechen, etwas passendes
sagen, um ihr auch seinerseits wenigstens mit Worten entgegenzukommen. Aber es fiel ihm
immer noch nichts ein.
Sie lächelte. Dann umarmte sie
ihn. Er war starr vor Staunen. Sie drückte ihn leicht an sich, "danke", sagte
sie leise, fast flüsternd in sein Ohr. Im gleichen Moment machte sie kehrt und setzte
ihren Weg fort. Er schaute ihr nach, als sie rasch auf den Taxistand zuging. Sie stieg
ein, das Auto fuhr los.
Während er seinen Weg zur
Straßenbahn fortsetzte, meinte er, immer noch ihre kühle Wange an seinem Gesicht zu
fühlen, den Duft ihres Parfüms zu atmen. Er lächelte, zum ersten Mal an diesem Morgen.
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