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Ein klassischer Fall
Von Gerhard Hübl
Letztens, Sonntag früh, stand ich beim Bäcker am Bahnhof um Semmeln an.
Mochte sich die Sonne östlich des Urals bereits als Silberstreif am Horizont zeigen, in Erding, Oberbayern, lachte sie zu dieser Zeit allenfalls vom Preisschild des Sonnenblumenbrotes in der Auslage. – Weshalb, dachte ich, als ich das Fahrrad davor abstellte, - weshalb hatte es in der Weltgeschichte eigentlich nie eine Glaubensrichtung gegeben, die den Mond als Sinnbild ihres höchsten Gottes verehrt hätte? Herrlich bleich schwebte er in der Schwärze. Sein fahles Licht malt weder Gut noch Böse und dort, wohin sein Schein nicht reicht, reißt die Nacht Abgründe in die Kulisse, die die Phantasie unmittelbar ansprechen.
Was für krudes Zeug man sich doch hin und wieder zusammen spinnt, wunderte ich mich. Ich hätte gestern diese Kultursendung nicht mehr anschauen sollen. Mein Halbwissen indess spann weiter: Es seien alle Religionen, denen in Zeiten des Überflusses ihre sozialen und landwirtschaftlichen Inhalte abhanden gekommen waren, wieder in der Versenkung verschwunden.
Der Sonnenkult der Ägypter, da die Pharaonen den Status als Gott verehrt zu werden beansprucht hatten. Die Götterwelt der Babylonier, die im steten Wandel der weltlichen Machtverhältnisse, irgendwann überfüllt gewesen war. Der Olymp der Griechen, den die Römer abgetragen hatten, bis auch deren Kaiser dem Größenwahn verfallen waren.
Und das Christentum? – Was mehr seien seine Priester als Freaks im urbanen Alltag? – Wem schon sind seine Festtage mehr als willkommene Freizeit? Aber wo hatte der Untergang eingesetzt? – Da des Papstes Stimme als unfehlbar dekretiert wurde? – Als das Kirchenjahr den Kreislauf der Natur für sich einzunehmen begonnen hatte?
Im Laden herrschte reger Betrieb und ich musste anstehen. Die zwei Mädchen hinter der Theke verdienen sich hier Sonntags ein bisschen was dazu, wochentags kümmern sie sich vermutlich ums Kind.
Hat nicht eben diese Bäckereikette ein Verfahren ersonnen Weißbrot aus Verpackungsrückständen zu gewinnen? – Wer betet da noch um gute Ernte?
Ich war dran, las von meinem Zettel die Bestellung ab. Beide lächelten verboten freundlich, sowohl die, die mich bediente, als auch jene, die die auf einem Tablett liegenden Brötchen aus dem Ofen holte und in die Körbe verteilte.
Anfangs, nachdem ich hierher gezogen war, hatte ich gedacht, sie lächeln weil ich so schön sei, jetzt weiß ich, sie tun es damit ich beim Kassieren nicht auf den Preis achte. Nachdem ich einmal weltmännisch grinsend knapp zehn Mark für zwei Semmeln und eine Brezel bezahlt hatte, bin ich misstrauisch geworden.
Heute grinse ich weniger, lasse mich aber trotzdem bescheißen. Wer sich Sonntags in aller Frühe derart abstrampelt und dabei noch lächelt, darf das. Wirklich beschissen werde ich im Grunde doch von den Konzernen, die zu allen ungeraden die Preise erhöhen und dabei bei den Löhnen knausern. Je weniger man auf die Nettigkeit der Verkäuferinnen eingeht, desto genauer tätigen sie die Abrechnung; an jenem Sonntag passte es, wie ich feststellte. Ich verabschiedete mich überschwänglich, aber sie war schon beim nächsten.
Die Bäckerei ist in einem ehemaligen Fahrkartenschalter untergebracht. Gegenüber, durch die Bahnhofshalle ist der Kiosk, an dem ich die Sonntagszeitung kaufe. Von der Bäckerei führt eine große Glastür in die Halle. Es stinkt dort immer nach Süff und auf den Bänken lümmeln Obdachlose.
Wie ich sah musste ich an einem zerlausten Schäferhund vorbei, der auf dem Steinboden lag. In der Nische der Photoautomat. Am Ende der Bankreihe, um die ich herum musste, abseits der anderen, saß der Alte mit dem speckigen, lila Anorak und dem weißen Bart.
Jeden Sonntag sitzt er da, aufrecht, die Arme verschränkt, beobachtend. Auch auf einer Bank unter den Bäumen des Fußwegs vor dem Bahnhof habe ich ihn schon gesehen, ebenso im Park. Manchmal schläft er auch, aber immer sitzend, mit verschränkten Armen.
Ich nahm an, dass auch er mich noch kannte. Ich hatte mich einmal in der Bäckerei nach ihm erkundigt, um ihm bei Bedarf ein Sandwich oder ein Pizzaeck zu kaufen, aber die Verkäuferin hatte abgewunken: „Der hat schon“!
Durch die Panoramascheibe war es ihm nicht entgangen, dass es sich bei dem Gespräch um ihn gedreht hatte. Selten noch bin daraufhin unverhohlener gemustert worden, als bei meinem Gang um die Bankreihe herum, zum Zeitungskiosk, und es war auch nicht das letzte Mal. Wenn ich zum Joggen in den Park radelte, wenn wir uns zufällig vor dem Billigkaufmarkt gegenüber dem Bahnhof über den Weg liefen und eben, wenn ich Sonntags Semmeln geholt hatte.
„Ach, entschuldigen sie“!
Widerwillig wandte sich die Bäckereiverkäuferin mir, auf meinen Zuruf hin, noch einmal zu.
„Ich hätte gerne noch eine von diesen Pizzaecken, wenn es möglich ist“.
Sie schürzte die Lippen und blies aus: „Warm“?
„Was“?
„Soll ich’s ihnen aufwärmen, oder nehmen s’ ’s kalt mit“?
„Das wäre toll, wenn sie ’s mir gleich aufwärmen könnten“.
„Deshalb frag ich ja“.
Sie nahm das lapprige Teil, das einem Gummikotzfleck nicht unähnlich war und kalt sicher auch kaum anders schmecken würde, und schob es in den Ofen.
„Dauert ein bisschen“. Damit wandte sie sich wieder dem vorherigen Kunden zu.
Ich zählte einstweilen das Geld ab und überlegte, ob ich es mit meiner Fürsorge nicht ein wenig übertrieb. Wenn der Alte nun tatsächlich schon gegessen hatte und überhaupt keine Pizza mochte? Vielmehr, als in diesem Falle Geld umsonst ausgegeben zu haben, störte mich die Aussicht künftig mit seinem Hohn rechnen zu müssen.
Man ist als Deutscher ewig den Zwängen einer einengenden, konventionellen Sichtweise unterworfen; das ist von Geburt an schon so. Ich beschloss meine Befürchtung in ein Carepaket zu stecken. In der Bäckerei nahm ich noch einen Kakao mit. Am Kiosk eine zweite Zeitung, zwei Flaschen Bier und Zigaretten. Den Alten hatte ich demonstrativ nicht angesehen.
Ich ließ mir eine Plastiktüte geben, worin ich das Ganze packte und ging zu ihm. Ich stellte die Tüte auf dem Sitzplatz neben ihm ab, blickte ihm die hellen Augen und wünschte einen schönen Sonntag. Er hatte gehört, was ich am Kiosk alles eingekauft hatte. Seine Reaktion allerdings blieb mir verborgen, da ich, ohne mich noch einmal umzuwenden, auf dem Ausgang zu schritt. Die anderen Obdachlosen guckten, sagten aber nichts. Mochte er nun aussondern und ihnen verscherbeln, oder wegschmeißen, was er wollte.
Jedoch noch beim nach Hauseradeln fiel mir ein, dass ich meine Bedenken nicht um Kakao, Zeitung, Bier und Zigaretten dividiert, sondern sie vielmehr darum multipliziert haben könnte; ein Gedanke, der mich die ganze folgende Woche nicht mehr losließ. „Verdammte Scheiße, - wie schenkt man“?
Verkümmert nicht deshalb alles Mitgefühl, weil es einem zwischen Überfluss und Konvention aus dem Herzen gepresst und über den Mastdarm ausgeschieden wird? Wäre es nicht vernünftiger gewesen zu sagen, „scheiß drauf, der kommt auch ohne mich über die Runden“!?
Hat diese Art der Vernunft einmal gegriffen, finden sich schlecht Argumente dagegen. Den Sonntag darauf, ich hatte die Gegend um den Bahnhof die Woche über geflissentlich gemieden, war ich soweit, in Erwägung zu ziehen, einen wesentlich weiteren Weg, zu einer anderen Bäckerei, zu radeln; denn andererseits, wenn der Alte über alle meine Einkäufe für ihn, hoch erfreut gewesen sein sollte, war ich dann nicht verpflichtet, es diese Woche gleichzutun?
Was unterschied diesen Sonntag von dem letzten? Wäre es höhnisch diesmal an ihm vorbei zu gehen und ihm nur einen schönen Tag zu wünschen? Hieße das nicht, dass ich dachte, die Qualität seiner Sonntage hinge künftig von meiner Freigiebigkeit ab? – Konnte ich dem Ganzen vielleicht dadurch aus dem Weg gehen, wenn ich ihn noch nicht einmal grüßte, wie bisher auch?
Ich fuhr zu der anderen Bäckerei, in der Innenstadt. Die Zeitung besorgte ich mir an einer Tankstelle, an einer der Ausfallstrassen. Auch den Sonntag darauf erledigte ich meine Einkäufe anderswo. Allerdings empfand ich mein Fernbleiben inzwischen als peinlicher als die Vorstellung der Situation, die bei meinem Wiedererscheinen im Bahnhof hätte entstehen können. Eines Entschlusses jedoch bedurfte es nicht. Der Alte ertappte mich in einem Cafe, wochentags, Abends.
Die Scheibe zum Trottoir hin, durch die er mir im Vorbeigehen zu zwinkerte, ist die Mauer unserer Welten; - wobei, ganz so meine Welt ist diese affektierte Gediegenheit auch nicht. – Gesummse in Halbschattierung.
Wir hatten um diese Uhrzeit keinen anderen Platz bekommen, als im Schaufenster. Im arschteuren Designerpullover saß ich, die Beine übereinander geschlagen, schlau wie Einstein, da und rührte im Milchkaffee. Vom Löffel tropfte es auf den Tisch als ich zurück grüßte.
„Wer ist das“? Wollte meine Begleiterin wissen.
„Mein Verleger, - Harry Rowohlt“. Jedoch, sie konnte darüber nicht lachen.
„Dann weiß ich ja, was du schreibst“.
Den wiederum kapierte ich nicht auf Anhieb, wischte mit einem Taschentuch die Tropfen vom Tisch und fuhr fort dem alten Thema ein weiteres Highlight hinzuzusetzen.
Erst im Nachhinein, zu Hause, erkannte ich sein Zwinkern als den Ziegel, der meine Mattscheibe zerschmettert hatte. Außerdem tat er mir leid, wie er so alleine durch die Nacht gewandert war.
Die alltäglichen Verpflichtungen haben mich für gewöhnlich fest im Griff, die Freizeitbeschäftigungen tun ein übriges, so dass nicht all zuviel Zeit bleibt, um sich über das Leben an sich Gedanken zu machen, sonst wäre ich ja vielleicht auch selbst darauf gekommen, hätte ich vermutlich lockerer mit der Situation umgehen können, anstatt mir einzureden, die in Kauf genommenen Umstände würden mir nichts ausmachen.
In Wahrheit jedoch hatte ich meine Fürsorge schon längst bereut. Ich hatte mir eingebildet, sie entspringe der selben albernen Gutmütigkeit, die es nahezu jedem Deppen erlaubt mich über den Tisch zu ziehen.
Nun ist mir aber nun mal ein blödsinnig, sonniges Gemüt zu eigen und in der Folge vergingen mir die Tage, bis zum nächsten Sonntag, wie in Aspik; nicht in den Stunden der Arbeit, - solange die Kommunikation eine gewisse Förmlichkeit wahrt, bin ich kaum zu erschüttern -, aber während der Momente, als ich mir den Alten wieder vor Augen führte.
Sicherlich, dachte ich mir, sei er dem wachen Blick und der agilen Erscheinung nach zu urteilen, nicht dumm und es interessierte mich unendlich, wie er obdachlos geworden war. Schon alleine, weil ich, wie vermutlich jeder, fürchtete, irgendwann selbst nicht ans Ende meiner Ziele zu gelangen.
Den Freitag darauf, irgendein Wichser hatte seinen Lieferwagen in zweiter Reihe geparkt, und ich steckte, auf dem Weg von der Arbeit, einmal mehr, im berühmten Münchner zähfließenden Verkehr, hörte ich im Radio, die Bahn habe beschlossen, sämtliche Obdachlose aus ihren heiligen Hallen zu vertreiben.
Desto überraschter war ich zwei Tage darauf, ihn als einzigen trotzdem im Bahnhof vorzufinden. Hatte das Dekret seinen Weg bis in die Provinz noch nicht gefunden? Jedenfalls erleichterte es mein Vorhaben ungemein.
In der Bäckerei waren zu viele Leute angestanden, so dass ich beschlossen hatte, zuerst die Zeitung zu besorgen. Etwas flapsig fragte ich ihn auf meinem Weg durch die Bahnhofshalle, wie es ihm gehe, eine Floskel, die vielfach den Gruß ersetzt.
„Blendend“, antwortete er.
Ob er heute schon gefrühstückt habe?
„Lachs und Kaviar“.
Ich grinste, er nicht.
„Wer sind sie“? Fragte er.
Mein Grinsen, aber auch meine Befangenheit wich. Ich nannte meinen Namen und setzte hinzu: „Ich bin von der deutschen Bundesbahn, Abteilung „Kundenservice“ und möchte mich im Zuge einer groß angelegten Umfrageaktion nach dem allgemeinen Befinden unserer Stammkundschaften erkunden“.
Seine verwitterten Züge zeigten ein gequältes Lächeln und mir schwand der Eindruck der Lockerheit, den er mir mit seinem Zwinkern vermittelt hatte. Er schwieg. Die Luft nahm eine gilbige Note an, wie die Fließen und die Wände.
„Es wundert mich“ , sagte ich, „sie hier noch anzutreffen“.
Sein Blick senkte sich auf die verschränkten Arme. „Ich warte“.
Wie philosophisch, wer wartet nicht? „Darf ich ihnen ’was ausgeben während sie warten“?
Er nickte.
Ich mochte ihn nicht erst lange fragen, was er wollte, sondern tätigte die selben Einkäufe, wie das letzte Mal.
„Also, schönen Sonntag noch“, sagte ich, als ich die Tüte abstellte, wie beim letzten Mal. Sein Blick überraschte mich, es war als habe er nicht damit gerechnet dass ich noch einmal zurück käme. „Oder“, fuhr ich fort, „darf man sich ein wenig dazusetzen“?
„Ja, - bitte, bitte, machen sie’s sich bequem“.
Ich hielt ihm eine Schachtel Zigaretten hin und wir rauchten.
„Darf ich sie nach ihrem Namen fragen“?
„Warum“?
„Damit ich weiß, wie sie heißen“.
Er ließ sich lange Zeit mit seiner Antwort, blickte in die andere Richtung, hinaus auf die Strasse.
„Wollen sie ’n Bier“?
Er nickte und brummte zustimmend. Es war widerlich, ohne etwas gegessen zu haben, Bier zu trinken, machte mir aber trotzdem ebenfalls eines auf. Auch das Rauchen um diese Uhrzeit war schon gegen meine Gewohnheit gewesen. Wir tranken. Als die Zigarette bis zum Filter verraucht war ließ er sie fallen, nahm noch einen Schluck und sagte dann: „Edmund“.
„Ja, - und“?
Er hielt mir seine Flasche zum Anstoßen hin. Noch im Ansetzen verstand ich und schüttete mir ein gutes Maulvoll in den Kragen. - „Edmund“ war sein Name.
Immerhin freute es ihn mich an meinem Pullover herum wischen zusehen.
„Und Edmund, wie bist du hierher gekommen“?
Er kraulte sich den grauen Bart. „Tja, wie hätt’s d’ es denn gern? – Studium, Job, Familie, eigenes Geschäft, Börsencrash, Pleite? Oder: Schwere Kindheit, Suff, schiefe Bahn, Knast?“
„So ähnlich hab’ ich mir das vermutlich vorgestellt, ja“
Er blickte mir in die Augen. „Oder wie wär’s mit: Freundin, Kind, Wohnung, Liebe, Trennung, Schulden“?
Mich schauderte. „War’s denn so“?
„Weshalb willst du das wissen“?
Sein „du“ empfand ich als unangenehm in diesem Augenblick. „Ich muss es nicht wissen; - um Gottes willen“.
Allerdings war es auch wenig sinnvoll einfach nur nebeneinander zu sitzen. Ich stellte mir vor, ein irgendein Bekannter würde mich so sehen, Sonntags, um sieben Uhr morgens, mit der Bierflasche in der Hand, im Bahnhof, neben einem stadtbekannten Obdachlosen. Ich wollte anstoßen, schwenkte leicht den Flaschenboden gegen seine Flasche und trank, er nicht. Langsam begann es zu schmecken.
„Na ja“, brach ich das Schweigen, „es würde mich einfach interessieren“.
„Für welche der drei Versionen interessierst du dich denn am meisten“.
„Für die wahre Version“.
„Und dann, wenn du die kennst, und die Schatten nicht deckungsgleich aufeinander passen? – Kannst du aufatmen und für dich sagen, „Gott sei Dank, so was kann mir nicht passieren“„.
„Ich nehme auch so an, dass mir so etwas nicht passieren kann. Aber was ist falsch daran, wenn ich mich für deine Biographie interessiere? Danach fragen kann ich doch, du musst sie mir ja nicht erzählen“.
Draußen fuhr eine nahezu leere S-Bahn ein. Einige der aussteigenden Fahrgäste machten einen schwer angeschlagenen Eindruck, als hätten sie am Vorabend den letzten Zug verpasst.
„Weißt du“, hob er an, „du bist wahrscheinlich ein ganz netter Kerl, aber du hast eine Art an dir, die es einem schwer macht; und es damit auch dir schwer macht“.
Er hatte recht, aber in jenem Augenblick sah ich, bei aller Bescheidenheit, mein Dasein als das unkompliziertere. Ich sagte ihm das und er fragte mich daraufhin zu meiner Person aus.
Um ihm zu beweisen, dass ich nichts zu verbergen habe, und der Umgang mit mir vollkommen unproblematisch sei, antwortete ich ihm auf alle seine Fragen. Während des ganzen Gesprächs gab er sich von unten herauf und ließ mich auf meinem Dünkel dahin treiben. Erst allmählich kam mir die eigentliche Absicht meiner Bemühungen um ihn wieder zu Bewusstsein.
„Quid pro quo“, dachte ich mir, - irgendetwas wird schon dabei herauskommen. Ich überlegte wo ich diesen Satz aufgeschnappt hatte. Ein beklemmendes Gefühl ging damit einher, bis zur Klärung dessen sei nur mehr eine halbe Windung zu nehmen. Jedoch die Ahnung darüber verhungerte in der Kurve und rutschte zurück ins Kleinhirn. Also sprach ich es aus: „Quid pro quo“.
„Das willst du doch gar nicht wissen. Hier geht es doch nur um dich; darin liegt die Verwechslung“.
„Verwechslung“? – Ich muss sagen, ich fühlte mich bereits erheblich angetrunken und konnte ihm nicht folgen. „Quid pro quo“ hieß für mich soviel wie Tausch. Ich hatte damit sagen wollen, dass jetzt, wo ich ihm soviel von mir erzählt hatte, ich etwas von ihm wissen wollte.
„Außerdem“, fuhr er fort, „Eltern hat jeder gezwungenermaßen, damit hast du mir nichts Außergewöhnliches erzählt. Und wohnen tun die meisten ebenfalls irgendwo, ebenso wie arbeiten. Das hätte mir jeder, der hier den ganzen Tag lang vorbei kommt, erzählen können. Aber von denen frägt mich keiner danach, wer ich sei und warum ich bin was ich nun mal bin. Nur du hast das getan; und ich möchte nach wie vor wissen, warum du dich für mich interessierst“.
Ich konnte es ihm nicht sagen, stattdessen fragte ich: „Aber du bist kein ehemaliger Psychiater oder so“.
Er ließ es offen, was er sei. Wir tranken noch einmal, meine Flasche war leer und ich beschloss zu gehen. Meine Freundin würde sich ohnehin bereits wundern wo ich bliebe. Es reichte schon, dass ich eine Fahne hatte, besoffen müsste ich nun wirklich nicht auch noch sein.
„Schade“, meinte er, „ich dachte, wir trinken noch eine“.
Ich sagte ihm, dass er gerne noch ein Bier haben könne, für mich sei aber Schluss für heute, „das nächste Mal wieder“.
„Das ist es“, sagte er, als ich am Kiosk darauf wartete das der Mann darin sich mir zuwendete, „ - was ich an Bayern so mag, dass hier Bier gesoffen wird, wie anderswo Wasser“.
„Ach, sie sind nicht von hier“?
„Nein, aber was das Saufen anbelangt habe ich mich ganz gut eingelebt“.
„Woher kommst du denn“? Plötzlich wäre es mir wieder lieber gewesen, wir wären beim „Sie“ geblieben.
„Dort wo ich her komme trinkt man Wein“.
Ich kaufte drei weitere Flaschen Bier, die ich ihm gab. Mit deren Pfand und dem der beiden leeren, so rechnete ich, mochte er in etwa das Geld für eine weitere Halbe zusammen bekommen.
Ohne auf die Andeutung nach seiner Herkunft weiter einzugehen, sagte ich ihm, mich auf ein Wiedersehen zu freuen und verabschiedete mich.
Draußen begann es langsam hell zu werden. Weihnachten, dachte ich mir, als ich das Fahrrad aufsperrte, ist ja eigentlich das römische Wintersonnwendfest, auf das, um es christlich zu legitimieren, die Kleriker die Geburt ihres Erlösers gelegt haben. - „’S wird Zeit dass es endlich soweit ist, und die Tage wieder länger werden“.
Ich schwang das Rad herum und war gerade im Begriff aufzusteigen, als mir, auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Plakat auffiel, das auf einem Holzbrett auf Gesichtshöhe an eine Straßenlaterne gehängt war: „EDMUND“ stand da, und darunter, etwas kleiner, als ob ganz Bayern schon bei ihm zum Kaffeetrinken gewesen wäre, - „Stoiber - Der Bayrische Ministerpräsident kommt am Freitag, den 7.12., nach Erding“ – und spricht in irgendeinem Wirtshaus zu weiß der Geier was.
„EDMUND“! – Ich wandte mich zurück zur Bahnhofstür. Hinter deren Glaseinlage sah ich meinen Obdachlosen sitzen, der mir lustig zuprostete. Ich musste grinsen.
Diese Welt würde sich nicht drehen, wenn es keine seelischen Krüppel gäbe. Es gäbe niemanden der bereit wäre seine Mitmenschen zu belügen, betrügen, zu bescheißen und zu bestehlen. Kurz gesagt, niemand würde jemals mehr für eine Versicherung, oder eine Bank arbeiten. Da es diese Leute aber nun mal zuhauf gibt, sind es gerade diese Institutionen, die die Wirtschaft in der Hand haben. Nebenbei sind sie es damit auch, die die Politik bestimmen, dies’ erklärt weshalb man sich bei Wahlen bestenfalls zu entscheiden hat wer einen ausnimmt; -
A Parade Of Gray Suited Grafters
The Choice Of Cancer Or Polio
- um es mit den Worten Mick Jaggers zu sagen. Diese Leute dulden nur ihresgleichen um sich her.
Aber was hilft’s? Wer nicht im Bahnhof ’rumsitzen möchte, macht mit. „Ein eigenes Dach über dem Kopf“, einer der grundlegenden Ansprüche unserer Gesellschaft, ist nur mit Hilfe der Bank möglich. Für das Wohlwollen des Filialleiters verpflichtet man sich ihm ein halbes Leben lang. Aber wer ist das, der einem da im progressiv konservativ ausgestalteten Separeeeck gegenüber sitzt?
Realschule, Fachabitur, BWL-Studium. Anstatt Architektur studiert, oder einen Flugschein gemacht zu haben, erschöpft sich seine Leidenschaft nun in Modellbau, oder simulierten Flügen von Paris nach New York in Echtzeit vor dem PC. Es gebe Leute, sagt er, die durchaus sehr gut verdienten, denen er aber leider die Bonität absprechen müsse, weil deren Einkommen langfristig gesehen keineswegs gesichert sei: „Künstler und so“!
Sicherlich hat er seit dem dreißigsten Lebensjahr noch keine der großen Samstagabendshows im Fernsehen verpasst und sollte er tatsächlich jemals etwas anderes unternommen haben, wette ich, dass es nicht länger als bis Montag Mittag dauert, ehe nicht jeder seiner Untergebenen darüber Bescheid weiß.
Bei mir, sagte er, mache ihm weniger meine Zuverlässigkeit Sorgen, als vielmehr die Höhe der Fremdfinanzierung durch die Bank: „In der Regel sollte beim Wohnungskauf mindestens ein Viertel des Kaufpreises durch das Eigenkapital abgedeckt sein. Bei ihnen sind das ...“ - Er kramte in den Papieren - „...sind das, gerade mal, ... na ja, nicht ganz fünfzig, aber davon ist ja wiederum zwei Drittel geliehen. Lediglich zwanzigtausend Mark kommen von ihnen selbst“!
Ich sagte ihm nicht, dass selbst von diesen zwanzigtausend zehn ebenfalls nur geliehen sein würden. Meine Freundin würde dafür einen Kredit bei der Bank aufgenommen haben, bei der sie auch ihr Gehaltskonto führt und bei der sie auch, vorausgesetzt wir bekämen den Kredit, ihren Sparvertrag aufgelöst haben würde.
„Hm“, meint der Herr Filialeiter Dipl. Ing. FH, „also wenn es Probleme gibt, dann deswegen“.
Ich wette, dass es im Umkreis von hundertfünfzig Kilometer keinen Landgasthof gibt, in dem er nicht schon einmal gegessen hat. Bestimmt sitzen er, seine Frau und seine Tochter jeden Sonntag Mittag in einem. Danach machen sie einen Spaziergang um den Fischteich und fahren zum Kaffeetrinken in die nächste Kreisstadt. Dort drehen sie dann für gewöhnlich noch eine Runde um die Kirche. Vor der hiesigen Stadtsparkasse bleiben sie dann stehen weil er den hiesigen Filialleiter kennt. Er hat ihn schon des Öfteren auf einer Schulung getroffen: „Ein ganz patenter Mann, ein ganz patenter Mann“. Sagt er dann.
Er seufzte wie Pontius Pilatus bevor er sich den Zuber bringen ließ und sprach: „Aber wir probieren das. Ich werde dem Finanzierungsantrag einreichen, was die dann in der Zentrale entscheiden, werden wir sehen; mehr als ablehnen können sie nicht“.
Es würde mich interessieren, was er Abends, nach den Seminaren, in der Hotelbar so von sich gibt. Die Banken lassen sich nicht lumpen wenn sie ihre Schacherer auf Fortbildung schicken und ich nehme an der gemeine Dipling von der Schalterfront fühlt sich dann unwiderstehlich. Sitzspritzer werden dann zu Stehpinklern. Die Bedienung ist dann nicht mehr, wie im Landgasthof, das Fräulein von dem man vielleicht etwas haben könnte, sondern der Hase von dem man noch etwas bekommt. Und wenn es Nacht wird und die Herren dann gänzlich unter sich sind, könnte man, theoretisch, sowieso schon mit sämtlichen Misses Germany der letzten zwanzig Jahre geschlafen haben, - wenn man nur wollen haben würde.
Ich wette in diesen Stunden, - aber nur dann, - fühlt er die Annerkennung zu bekommen, nach der er sich gesehnt hat, seit sie ihn in der Schule nach Strich und Faden, Tag für Tag gehänselt haben.
Unser Dipling, der auf unserem Darlehensvertrag unterschrieben hat, sah sich noch einmal die Papiere durch. Unsere Lohnabrechnungen, - „da“, meinte er, „könnte es vielleicht auch noch mal Probleme geben, weil sie“, und damit sah er mich an, „weil sie noch nicht so lange bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt sind. Aber“, wischte er den Zweifel, huldvoll lächelnd, sofort wieder beiseite, „sie sind ja noch jung“.
Damit war gemeint, notfalls könnte ich auch in einem Steinbruch arbeiten, um die monatlichen Kreditraten aufzubringen.
Ich wette er hat die erstbeste, die ihn drüber gelassen hat, geheiratet.
„Na schön, dann sehen wir ’mal, was bei der Sache raus kommt. Sie bekommen Bescheid von mir“. Damit reichte er meiner Freundin die Hand, dann mir. Gerne hätte ich ihn fragen wollen, weshalb er sich denn überhaupt die ganze Mühe gemacht habe, wenn die Sache dermaßen unsicher sei. Stattdessen dachte ich: „Ich wette, dass, sollte er tatsächlich eine Tochter haben, er sich bei ihrem Anblick, bestimmt schon mindestens einmal empört selbst zurechtgewiesen hat. – Hat er? – Ich hoffe es.“
Etwa eineinhalb Jahre danach saßen wir, meine Freundin und ich, wie seither beinahe jeden Tag, in der Küche unserer Eigentumswohnung. Nur das wir dieses mal nicht besprachen, was es am Wochenende zu essen gäbe, sondern wir ausrechneten, wie viel ein potentieller Käufer zusätzlich, zu der Übernahme des Darlehensvertrages, an Anzahlung leisten müsse, damit wir schuldenfrei wieder ein jeder seiner eigenen Wege gehen könnten.
Nachdem wir uns eine Lichtung in den Prozentdschungel geschlagen hatten, stellten wir fest, dass etwa nur ein Drittel unserer monatlichen Entrichtung an die Bank der Abzahlung unseres Kredites diente. Für den Rest, der sich in den zehn Jahren Laufzeit des Darlehens auf immerhin rund einhundertzehntausend Mark belaufen haben würde, veranstalteten die Damen und Herren vermutlich Seminare.
Unsere Küche ist ein Traum in grün, petrolgrün die Schranktürchen, zart lind die Wände. Der Flur ist Pfirsich, oder Apricot, oder fleischfarben, oder wie immer man es auch nennen mag; - unser Nachbar zum Beispiel nennt es kurz und prägnant schwul.
Das Wohnzimmer ist in einem Türkiston gehalten, das Sofa darin blaugrau gesprenkelt, die Schränke in Birkenfurnier. Alle diese Farben sind nur Pastelltöne, einzig das Schlafzimmer bekennt, passend zu den Holzeinlagen des Spiegelschrankes, ein sattes Blau. Von der Decke schwebt ein großer Papierballon als Lampe.
Auf der Stirnseite steht ein kleines Bücherregal, darin ein dickes Medizinlexikon nebst Astrologie- und Feng-Shui-Ratgebern, dazu die gesammelten Werke Joy Fieldings und die Romane etlicher anderer Schnulzenqueens.
Das Schlafzimmer ist nämlich nicht meins. Ich schlafe dort nur wochentags, wenn ich von der Nachtschicht komme. Wenn ich es betrete, bin ich bereits ausgezogen und beim Verlassen bleibt oft noch nicht einmal Zeit die Decke zu falten und einen Knick ins Kopfkissen zu schlagen.
Ansonsten schlafe ich im Wohnzimmer auf der ausklappbaren Couch. Ich schnaufe nämlich zu laut. Schnaufen, im Sinne von atmen um nicht zu ersticken, nicht schnarchen! Einer von uns beiden schnarcht zwar tatsächlich, aber das bin nicht ich. Allerdings bin ich auch ganz froh mit dieser Lösung, weil ich immer noch ganz gerne fernsehe, bis in den Morgenstunden das Abendprogramm des Vortages wiederholt wird; dabei frage ich mich dann immer wer sich diesen ganzen Mist eigentlich ansieht.
Der Kauf der Wohnung hätte sich sehr gut getragen. Wir hatten alles exakt ausgerechnet. Für drei Jahre hätten wir eine Belastung von eintausendachthundert Mark monatlich gehabt, für weitere fünf eine Belastung von eintausendfünfhundert, und für die restlichen zwei Jahre eine Belastung von rund eintausenddreihundert Mark.
Gemäß der sinkenden Schuldsumme, würde, in zehn Jahren, jeder weitere Darlehensvertrag monatliche Unkosten erbracht haben, die weit unter dem Mietniveau gelegen haben würden. – „Hätte, sollen, würde“ – Es blieb ein Traum, der einzige der an dem ganzen verdient haben würde, wenn es uns gelingen sollte die Wohnung zu verkaufen, ist der Notar, und die Bank natürlich.
Wer auch hätte ahnen können, dass wir bestenfalls eineinhalb Jahre zusammen durchhalten würden.
Aber es ist gar nicht so einfach eine verschuldete Wohnung zu verkaufen. Ich hatte gedacht, es gäbe genügend junge Paare, die, wie wir damals, mit dem Vorsatz, eine Familie zu gründen, zuerst eine eigene Wohnung suchten. Billiger und unkomplizierter als unsere, konnten sie keine bekommen.
Alles war bereits unter Dach und Fach. Gegen ein paar Unterschriften und eine Zahlung von zehntausend Mark, so stellte ich mir vor, könnten sie morgen noch einziehen. Aber es riefen nur Anleger an; Leute, die Geld übrig und keine Lust hatten, es vom kommenden Euro entwerten zu lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass es davon so viele gäbe.
Jedenfalls war es eine Scheißzeit, in jeder Hinsicht. Wir waren ja nicht darauf aus die Bude zu verkaufen um dann auszuwandern, oder zusammen um die Welt zu segeln, oder etwas in dieser Richtung, sondern wir waren im Begriff uns zu trennen.
Wir stritten uns nicht, vielmehr war es ein Entschluss aus der Vernunft heraus, den wir gefasst hatten. Unsere Liebesbezeugungen hatten sich bereits seit längerem auf Küsschen und die Anrede beim Kosenamen reduziert. Darunter litten wir beide, trotzdem war es kaum einfacher auch diese Gewohnheiten noch wegzulassen, als sich durchzuringen, aneinander neu zu entdecken, was uns einst zusammen geführt hat.
Arg viel zu sagen hatten wir uns ja noch nie gehabt. Es gibt wohl kaum ein Paar, das gegensätzlichere Interessen haben könnte, als wir. Kein Film lief je im Kino der uns beiden gefallen, kein Beitrag im Fernsehen der uns gleichermaßen interessiert hätte. Wenn wir in Urlaub fuhren, mochte sie am Strand liegen und ich mir die Städte ansehen.
Nie hatten wir uns mehr zu sagen als das was für die täglichen Erledigungen notwendig war. Schlimm war es auch mit der Musik, weil das eine Unterhaltung ist, die man nicht zu suchen braucht, sondern eine, die einen, nach Ansicht meiner Freundin, in Form des Radiogedudels ständig umgeben muss.
Ich kenne sie alle, Ricky Martin, die Moffats, die Kellys, die Backstreet Boys, - alle, die ich nie kennen lernen wollte; an Wochenenden höre ich ihre Lieder bis zu fünfmal am Tag. Manchmal muss ich dabei an die Schauergeschichten denken, die man sich zu Zeiten des kalten Krieges über die Methoden der russischen Gehirnwäsche erzählt hat. Irene dagegen hat die bewundernswerte Fähigkeit nichts zu hören, sie empfindet Stille als brüllend, sogar beim Lesen.
Allerdings ist das alles nichts, was wir nicht bereits seit langem über uns gewusst hätten, immerhin kannten wir uns zu diesem Zeitpunkt seit gut zwölf Jahren.
Wirklich bergab gegangen mit uns ist es erst, als sie damit angefangen hatte, Liebe und Lust in einen bedingungslosen, kausalen Zusammenhang zu setzten. Sie sagte, „im Bett klappt es nicht mehr, weil die Liebe weniger geworden ist“.
Ich sagte, „Quatsch, eine gute Bettgeschichte hat zuallererst ’was mit Lust zu tun“. Ich weiß, dass wir uns dabei im Kreis drehten; wir haben das Problem auch nicht gelöst und wenn uns das gelungen wäre, dann hätten wir damit auch die Probleme von etwa vier Fünftel der Weltbevölkerung gelöst; ich hätte darüber ein Buch geschrieben, wir wären reich geworden und leben, wenn wir nicht gestorben sind, noch heute.
Wir schwebten ständig am Rande einer Krise. Tatsächlich hätte ich sogar noch lange so weiterleben können. Einer unserer Parolen war es zu sagen, das sei normal, jedem gehe so. Zudem bildeten wir uns ein, zwei vollkommen verschiedene Charaktere würden sich desto besser ergänzen, gemäß der Rechnung, dass eine geringe Schnittmenge die Grundfläche vergrößere. Solange man die Summe nimmt, stimmt das sogar, wenn man allerdings anfängt zu subtrahieren, bleibt nicht viel übrig.
Letztlich aber war es ein Ereignis, das uns die Rechnung zum Verkauf der Wohnung eröffnen ließ. So absurd es klingt, immerhin hatte uns just die Planung dieses Ereignisses zu dem Schritt bewogen, uns drei eigene Zimmer anzuschaffen, aber jetzt, da wir definitiv Eltern werden würden, war es die selbe Vernunft die uns zuvor alle Unebenheiten hatte überbrücken lassen, die uns jetzt eingab uns zum Wohl des Kindes trennen zu müssen.
Irenes Schwangerschaft hatte mit einem mal umfassend und schwer die Frage aufgeworfen, ob wir ewig beieinander bleiben würden. Selten noch war ein Urteil einvernehmlicher gefällt worden, als dieses „Nein“.
Ich mochte es kaum glauben und es drängte sich mir der Eindruck auf, als stünde da auch bei ihr noch etwas anderes dahinter, als sie alle notwendigen Ordner holte, um noch in der selben Stunde einen Verkaufspreis errechnen zu wollen, damit ich gleich anderntags, so früh als möglich, eine entsprechende Annonce in Auftrag geben könne. Natürlich kam dabei nur Mist heraus. Wir hatten keine Ahnung dass es so etwas wie eine Vorfälligkeitsentschädigung auch nur gebe, geschweige denn wie sie sich errechnete.
Trotzdem ich die Möglichkeit zur Übernahme des Darlehensvertrages in der Anzeige als ein Angebot zu einem Finanzierungsmodell umschrieb, riefen in der nächsten Woche etwa zehn Interessenten an. Zwei davon waren sogar so interessiert, dass sie sich die Wohnung anschauten.
Ein Berufssoldat, dessen Ehe in die Brüche gegangen war und ein Schwarzafrikaner, der die Hoffnung aufgegeben hatte in Bayern auch nur eine Besenkammer vermietet zu bekommen.
Noch niemals wäre jemand günstiger zu einer Wohnung gekommen, wenn er unsere laufenden Verträge übernommen hätte, aber selbst diese beiden bestanden darauf sich hochoffiziell, vor Gott dem Herrn der Sparkasse, selbst zu verschulden.
Seither habe ich übrigens eine Ahnung davon bekommen, weshalb Banken in allen Städten an den exponiertesten Plätzen Zweigstellen unterhalten können, weshalb Eltern ihren Kindern raten, „werd Beamter oder sieh zu, dass du in einer Bank unterkommst“, weshalb Banken Vertreter ausschicken, die den überflüssigen Schotter ambitionierten Unternehmern zu horrenden Zinsen aufschwatzen, um über kurz oder lang, die gesamte Wirtschaft in ihre Abhängigkeit zu bringen.
Uns würde es laut einer zweihundert Mark teuren Berechnung der Bank rund zwanzigtausend Mark gekostet haben, aus dem laufenden Darlehensvertrag herauszukommen. Ich sagte zu Irene, wir hätten nun alles erreicht, was wir wollten, nun stünden wir an dem Punkt, da es, egal was wir auch unternähmen, nichts mehr zu gewinnen gebe, wir konnten nur noch verlieren.
Wir sprachen nicht viel miteinander in dieser Zeit. So gut es sich machen ließ, gingen wir uns aus dem Weg. Ich war herausgerissen aus meiner bisherigen Sicherheit. Die Woche Urlaub, den wir schon zwei Monate zuvor beantragt hatten, und die eigentlich zur Wiederannäherung gedacht gewesen war, bot mir einen wagen Ausblick auf das was kommen würde. Es war auch just in dieser Woche vor Weihnachten, da ich meinen Obdachlosen wieder traf.
Diesmal Abends. Den ersten Teil meines Urlaubs hatte ich, nachdem mir ein Weisheitszahn gezogen worden war, aus dem Mund blutend auf der Couch verbracht. Es ist dies nicht gerade ein Beispiel für optimal genutzte Freizeit, aber es macht nicht weniger Sinn als mit dem Nachbarn um die Wette zu saufen.
Es war Samstag und, weil mir vom Vortag noch schlecht war, hatte ich den ganzen Tag über noch nichts gegessen. Zu viel mehr als mich in die Badewanne zu schmeißen und die Wohnung zu putzen, war ich an diesem Tag noch nicht gekommen. An sich war ich nur aus dem Haus gegangen, weil Irene, die inzwischen gekommen war, sich im Wohnzimmer breit gemacht hatte, und eigentlich wollte ich nur einen Videofilm zurück bringen, den ich mir aus dem selben Grund nicht hatte anschauen können, als ich beschloss einen alten Freund zu besuchen.
Nur leider wohnt der nicht mehr, in der Wohnung, in der wir uns vor einigen Jahren noch die Nächte um die Ohren geschlagen hatten. So ging ich spazieren. Es mag idiotisch sein, aber plötzlich hatte ich die Textzeile „are you lonesome tonight, do you miss me tonight“ auf den Lippen. Ich sang sie gut ein duzend mal vor mich hin und bedauerte jedes mal, - sowohl natürlich mich, aber auch -, dass ich nicht weiter wusste; also summte ich zuletzt nur mehr.
Brennend hätte mich außerdem die Antwort auf diese beiden Fragen, die diese Textzeile beinhalten, interessiert; - und ich dachte dabei keineswegs an Irene; ich dachte an mein Gespenst. Ein Gespenst nenne ich sie deshalb, weil ich sie nicht fassen kann. Sie sagt, sie sei noch nie verliebt gewesen, aber mit mir sei es etwas anderes und doch ist es ihr offenbar egal, wann und ob überhaupt wir uns sähen.
Anderthalb Jahre lang war unser Kontakt auf Begrüßung und Verabschiedung beschränkt geblieben; wir wussten, dass ein Wort darüber hinaus unweigerlich den einen in des anderen Gravitationsfeld hätte einschwenken lassen und wir beide uns, wie zwei Gestirne, nicht mehr voneinander würden lösen können. – Aber wir wussten auch, dass dieses „Wort“ letztlich ohnehin unvermeidbar war, eher hätten wir uns vornehmen können künftig nicht mehr zu essen und zu trinken und es war es war endlich ein eher belangsloses Gespräch, aber die Luft im Raum hatte geknistert.
Es war gegen dreiundzwanzig Uhr gewesen, alle waren bereits gegangen und wir redeten über Filme. Ich stand in der Tür und schwitzte, sie war aufgestanden und lehnte an ihrem Schreibtisch. Die Zeit flog, nicht nur in diesem Moment, sondern immer fortan; ich war nicht mehr gleichgültig.
Seither trafen wir uns wöchentlich außerhalb der Arbeit, manchmal auch zweimal. Bis ich ihr in einem Cafe offenbarte, was ich selbst erst zwei Tage zuvor erfahren hatte. Prinzipiell hätte ich, selbst in so einem Fall, keine Skrupel jemanden meine persönliche Situation vorzuenthalten, oder ihn gar zu belügen, wenn es zu meinem eigenem Vorteil wäre, ich tue es nur nicht, weil ich die Schwierigkeit, die jemand haben könnte sich damit zu arrangieren, nicht bei mir sehe, sondern stets bei meinem Gegenüber; bei ihr tat ich es aus einem anderen Grund nicht:
Weil ich sie liebte! Sie weinte als ich ihr sagte, dass ich Vater werden würde. Zwar trafen wir uns auch danach noch, bis heute, allerdings nicht mehr mit der selben Regelmäßigkeit und während ich mir vornahm einiges in meinem Leben zu ändern, begann sie sich zurückzuziehen.
Es war kein Abschied, es war gerade soviel, oder sowenig, dass ich nun nicht mehr weiß woran ich bin. Meine größte Sorge ist am Ende meiner Bemühungen alleine dazustehen. Was ich brauche ist Sicherheit. Dass sie mir keine geben mag, oder kann, werte ich als Ausdruck ihres Anstandes, aber ich wünschte sie wäre fordernder; nicht indem sie mir sagte was ich zu tun hätte, so etwas hasse ich und neige dann sowieso dazu das Gegenteil zu machen, sondern einfach indem sie mich spüren ließe, dass es eine gemeinsame Zukunft für uns gäbe, zumal mir langsam aber sich auch mein altes Leben entglitt. So aber stand ich alleine da und sang Schnulzen in die Nacht.
Ich war also gerade am schönsten Zerfließen, - selbst dass mein Freund umgezogen war, erschien mir inzwischen als eine gemeine Intrige -, als ich im Dunkel der Allee beinahe über ein Paar, längs des Wegs, ausgestreckter Beine gestolpert wäre. Der Mann dazu saß auf der Bank, einer Bushaltestelle. Die Arme hatte er wie Flügel ausgestreckt, auf der Lehne liegen.
Er sah mich belustigt an und hob schlapp den Zeigefinger, als ob wir alte Kollegen seien.
Zuerst war es die Erkenntnis, dass die Beine zuerst da gewesen seien und ich unmittelbar darauf zu gesteuert war, die mich vom Schimpf abhielt, dann jene, um wen es sich handelte, die mich ebenfalls grinsen ließ.
„Ach, da schau her“, sagte ich.
„Wie geht’s“, fragte er.
„Danke und selbst“.
„Frohe Weihnachten“.
„Ja gleichfalls“.
„Siehst nicht g’rade nach Frohlocken aus“.
„Dafür schaust du wie der Nikolaus aus“.
„A. D.“.
Das Licht aus dem Schaufenster hinter ihm ließ sein Gesicht im Dunkeln, verlieh aber seinen weißen Haaren und dem wild wuchernden Bart einen feierlichen Glanz.
„Schade“, sagte ich, „ich könnt’ ein bissl Aufmunterung gebrauchen“.
„Hmm, siehst nicht gut aus. Setz’ dich her“.
„Is’ doch saukalt“.
„Ach wo. Alles eine Sache der Einstellung“.
Ja, jetzt wo er es sagte bemerkte ich es. Er wirkte wie ein altes Reptil, das seine Körpertemperatur der Umgebungstemperatur anpassen könne.
Ich war froh um die Unterhaltung und setzte mich auf die Lehne der Bank.
„Jetz’ erzähl ’mal“.
Mir fiel auf, dass sich, im Gegensatz zum letzten Mal, die Rollenverteilung verschoben hatte; letztens war diese Aufforderung noch mein Part gewesen.
„Was soll ich erzählen“?
„Warum du so unverschämt fröhlich bist“.
„Weil Weihnachten ist. - Ich bin nur ein wenig besinnlich“.
„Wenn ich raten müsste, würde ich auf die Liebe als Grund dafür tippen“.
„Ich kann mir vorstellen, dass du davon mordsmäßig ’was verstehst“.
„Natürlich nicht soviel wie du. Aber dafür muss ich auch nicht mit deiner Fresse durch die Gegend laufen“.
Ich musste grinsen. „Was soll das heißen? Gefall’ ich dir grundsätzlich nicht, oder kennst du dich so gut aus, dass es für dich kein Unglück gibt. – Ich denk’ eher du hast schon soviel vergessen davon, dass dir die ganze Sache schon fremd geworden ist“.
„Erst aus der Distanz erschließt sich einem ein Blick aufs Ganze“.
„Also dann red’“. In dieser Rolle fühlte ich mich ihm gegenüber wohler. Es war zu spüren, dass er mehr zu sagen hatte, als ich wusste.
„Die Liebe kennt außerdem kein Alter“. – Das allerdings hatte ich schon einmal als „Spruch der Woche“ im Blatt des Metzgereifachhandels gelesen. Dort standen, nebst dem Gedichts der Woche von der Kundin der Woche, unter anderem Witze wie, „Vati, Vati, wo is’ Afrika? – Weiß ich nicht, aber weit kann es nicht sein, weil wir haben einen Neger in der Arbeit und der kommt jeden Tag mit dem Fahrrad“!
„Und? - Weiter“. Forderte ich ihn auf.
„Was weiter? Ich weiß ja noch nicht einmal was dein Problem ist. – Andere nehmen für solche Ratschläge ein’ Haufen Geld. Außerdem hab’ ich den Eindruck, du hältst mich sowieso nicht für kompetent“.
Ich überlegte. – Es war dämlich von mir diesen Eindruck erweckt haben zu wollen. Er hatte recht. Ich hatte schon etlichen Leuten Einblick in diese Sache gewährt, diese würde ich, nur weil sie nicht auf der Strasse lebten, niemals von oben her angeredet haben, obwohl sie offensichtlich keineswegs klüger waren als er; - im Gegenteil.
Im übrigen sah er für einen derer, der er war, gar nicht schlecht aus. Er mochte gut und gerne als ein etwas vernachlässigter Altachtundsechziger durchgehen, zumal wenn er seine Brille auf hatte. Genau besehen hatte er sogar etwas von Karl Marx.
Ich ließ mich auf der eiskalten Sitzfläche nieder und fragte ihn, ob er Lust habe irgendwo mit hin auf ein Bier zu kommen, mir würde langsam kalt hier.
„Logisch“.
Mit einem Mal hatte ich wieder mein Anredeproblem. Du oder Sie? - Das war hier die Frage. Wie hatte ich ihn vorher angesprochen? - „Gar nicht, glaub’ ich? – Schizophren“.
„Wie also“, fragte ich ihn, als wir die Allee entlang schritten, „kommst du darauf, dass es sich bei meinem Problem um eine Liebesangelegenheit handelt. – Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich ein Problem hätte“.
„Wer liebt, zieht nicht so ein Gesicht“.
Auch diese Weisheit hätte genauso gut von der Rückseite eines Abreißkalenders sein können. So einem wie ihn meine Eltern im Flur, unter einem vermoderten Hopfenkranz hängen haben. – „Das schönste Lächeln malt die Liebe“, - oder so; und dazu dudeln die Schneizelreither Gaudibuschen aus dem Wohnzimmer.
Aber bei mir hatte sich, mit der Anerkennung seiner Person, inzwischen die Perspektive verschoben. Ich begann zu verstehen, weil ich verstehen wollte, und was auch hätte er viel anderes sagen sollen. Wenn ich ihn nicht näher an mich heran ließ, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich in Allgemeinplätzen zu erschöpfen. Ich war gespannt darauf, wie er sich weiter voran tasten würde.
„Liebe bringt Leiden, oder nicht“? Warf ich einen weiteren belanglosen Kalenderspruch ein.
„Falsch! Liebe ist unbedingt“.
„Unbedingt was“?
Vielleicht würde er mir, indem wir die Stereotypen vorweg nahmen, am Ende doch eine neue Sichtweise eröffnen können. Dieses Thema ist keines, bei dem es mit einem praktischen Tipp getan wäre: - „Meine schwangere Freundin und ich werden uns trennen, weil wir uns nicht mehr lieben; - saublöde Situation“. – „Ooch, da tun’s ein paar neue Zündkerzen, bestenfalls den Vergaser noch durchblasen, dann läuft die Kiste wieder“. – Es ist armselig, wie wenig die Leute von der Liebe wissen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, ihr Zusammensein ist nur eine Symbiose aus hinnehmbaren Mängeln; „verschrotten“ ist noch der beste Ratschlag den sie einem zu erteilen wissen.
Was ist es eigentlich, das jede Aussage im Zusammenhang mit der Erwähnung des Wortes „Liebe“ derart verkitscht? Es ist wie eine zuckersüße Glasur, die alles, das damit in Berührung kommt, zu einem Ausstellungsstück macht. Es kommt von der Spracharmut der Leute, die ihren Wagen lieben, ihr Haustier, ihre Einbauküche, und im Sommer ihren Standventilator. Sie lieben ihren Lieblingsfilm, ihre Lieblingstasse, sie haben sogar einen Lieblingsyoghurt und sie lieben ihre Lieben.
Sie lieben, was man eigentlich bevorzugt, was man pflegt, was man genießen sollte, was ihnen gerade gefällt; und all’ das lieben sie, weil ihnen die Liebe selbst schon lange abhanden gekommen ist.
Günter Grass hat einmal sinngemäß gesagt, wer den Furz seines Partners nicht riechen kann, braucht gar nicht erst von der Liebe reden.
Ich überlege schon lange, wie er das meint und ich glaube, wenn diesem Satz nicht etwas Unerhörtes zugrunde läge, hätte ich ihn schon lange vergessen, wie so vieles andere auch. Dabei fällt mir die Szene ein, in der Oskar Matzerath am Ostseestrand Brauspulver in den Handteller des Mädchens Maria schüttet, diese mit Spuke zum Schäumen bringt und ihr die Hand dann zum Mund führt. Wenig überraschenderweise stammt diese Szene ebenfalls von Günter Grass.
Tatsache ist, man liebt alles an seinem Partner, die Fältchen die sich um den Mund herum bilden, wenn er lacht und später auch wenn er nicht lacht, das Pölsterchen unterm Kinn, wenn er sagt: „ – Keine Ahnung“. Man liebt seinen Zahn, der etwas vorsteht, sein Haar, auch ungewaschen, seinen Nabel, selbst wenn der Entbindungsarzt ein umgeschulter Seemann gewesen sein sollte, seine Füße, ebenfalls gewaschen wie ungewaschen. Man hat diesen Menschen im Sinn, Tag und Nacht, ob er bei einem ist oder nicht.
Mein Problem ist nur, ich weiß es zwar, aber ich darf nicht daran glauben, dass es so etwas gibt. Die Abhängigkeit, auf die man sich einlassen würde, wäre nicht mehr berechenbar, also frage ich mich, - sich pausenlos etwas zu fragen ist ohnehin die bequemste aller Fluchten -, ich frage mich also, „kann irgendetwas von Dauer sein“? – Und ich weiß, ja das wird es und ich weiß auch was der Kerl neben mir mit „unbedingt“ meint.
„Unbedingt von allem“!, erklärte er.
Ich schwieg.
„Gnothi Seautón“. Höre ich ihn sagen. - „Erkenne dich selbst“.
Das ist der Spruch, der in der Antike am Tempel des Apoll in Delphi weithin sichtbar angebracht gewesen war. Soweit ich weiß besagt er, dass ich mir den Platz in einer Welt, die nur als Vorstellung erkennbar sei, selbst einräume.
Langsam bekam ich eine Ahnung von der ganzheitlichen Sicht der Dinge, von der er vorhin gesprochen hatte, und ich bin ein wenig stolz darauf, mich in diesem Labyrinth instinktiv bisher richtig bewegt zu haben, wenn dabei auch ein Zweifel blieb. Doch ich wusste, zur rechten Zeit, wird auch dieser ausgeräumt sein, denn ich liebe!
Und nichts kann daran etwas ändern.
Noch einmal frage ich ihn wer er sei. Über dem Eingang eines Restaurants an dem wir vorbei kamen steht „Ζεύς“ zu lesen. Ich kannte das Lokal, sie haben darin ein Model von Phidas’ Zeusstatue, wie sie in dessen Tempel in Olympia gestanden hatte.
„Du wirst es vielleicht nicht glauben“, sagt er, „aber ich bin Zeus“.
Die Nummer kannte ich bereits, ich lächelte und schwieg.
Wir saßen in der Kneipe im Eck und redeten über die Fährnisse des Alltags, er berichtete aus seiner Welt, ich aus der meinen. Irgendwann kannte er meine ganze Geschichte. Ich wusste sie bei ihm an verständiger Stelle und hatte keine Scheu gehabt sie zu erzählen, zumal ich immer noch nichts gegessen und schon beim ersten Bier zu kämpfen hatte. Außerdem verstand er es glänzend, mich durch beständiges Nachfragen am Reden zu halten.
Ich erzählte ihm auch vom Gefühl der Liebe, an das ich seit über zehn Jahren nicht mehr geglaubt hatte, und so überraschend wieder gefunden habe, und, nachdem wir ein weiteres Mal getrunken hatten, erschien er mir kompetent genug etwas über die Magie des Augenblicks zu wissen. Meiner Berechnung nach müsste dieses Stichwort genügen, wenn nicht, hatte es sowieso keinen Zweck weiter zu fragen.
„Du, als Zeus“, setzte ich hinzu, „müsstest dich doch damit auskennen“.
„Mag er sich nicht einstellen, dieser Moment? – Du darfst nicht darauf warten“.
„Warte ich“?
„Willst du überhaupt, dass er sich einstellt? - In deiner Situation mein ich“
„Stimmt“! Wollte ich das überhaupt? Was wäre danach gewesen?
„Lass mich raten. – Ihr redet sehr viel miteinander und ihr könnt sehr gut miteinander reden, aber über belangloses Zeug“.
„Nein, nicht über belangloses Zeug“.
„Dann halt über bedeutende Dinge, aber eben nicht über euch“.
Auch das stimmte nicht, ganz und gar nicht. - „Nein stimmt nicht“.
„Is’ ja auch vollkommen egal. Du hast mir sehr viel über das Auseinanderleben mit dieser Frau, die das Kind von dir bekommt, erzählt und dürftest von daher wissen, wie wichtig es ist, dieselben Interessen zu haben und gut darüber reden zu können. - Sich ähnlich zu sein! Das ist die Hauptsache. Die Magie kann sich jederzeit und an jedem Ort einstellen, sie bedingt nichts, - außer: - Nicht erwartet zu werden“!
Schweigen.
„Oder anders gesagt“, fuhr er fort, „der Überraschungseffekt ist wichtig. Ich als Zeus“, dabei lächelte er ironisch; ebenso wie ich zuvor, als ich ihn so genannt habe, „kann dir da was flüstern“.
„Ja mach’ mal“, forderte ich ihn halbherzig auf, derweil ich noch über diese, und eine andere Sache, die mir eben bewusst geworden war, nachsann.
„Ich habe“, hörte ich ihn anheben, „auch immer gedacht, ich könnte diesen Moment herbei führen. Schließlich sind meine Möglichkeiten ungleich größer jemanden zu überraschen. Ich hab’ mich zum Beispiel ’mal in einen Stier verwandelt“.
„Was“? Mir war als hätte ich nicht recht verstanden.
„Kennst du die Geschichte nicht“?
„Ich weiß, dass Zeus sich ’mal in einen Stier verwandelt hat um eine Dame zu entführen“. Wen wusste ich nicht mehr.
„Das wird immer behauptet, aber das stimmt nicht. Ich habe mich nicht in einen Stier verwandelt, um Europa zu entführen, das hätte ich auch einfacher haben können. Mir ging es um den Überraschungseffekt bei der Rückverwandlung in die menschliche Gestallt. – Gut ich hab’ ein wenig beschissen und mich ein wenig jünger und muskulöser gemacht, aber hauptsächlich ist es mir um den Überraschungseffekt dabei gegangen, um eben so den magischen Moment herbei zu zwingen“.
„Und hat’s geklappt“.
„Logisch“.
„Aha“.
„Allerdings waren die Umstände später ungünstig; - wir ham uns auseinander gelebt. Sie langweilte sich auf Kreta und ich konnte auch nicht immer da sein; wegen Hera. – Du weißt ja wie das ist. – Aber, sie hat mir drei Söhne geboren“.
„Kreta“? „Aha, ... – jaja, klar“.
„Du kennst doch die Geschichte, oder etwa nicht“?
„Ääh, nicht sooo im Detail“.
„Also, pass auf: Europa war die Tochter des phönizischen Königs. Der damals noch in Phoinike, dem heutigen Libanon residierte; Agenor hieß der Kerl. – Jedenfalls seine Tochter war ...“ - er seufzte, sinnierte kurz und fuhr dann fort, - „ unglaublich süß, wenn man das so sagen kann. – Filigran wie eine Feder, sensibel, klug, ...“ - ich war noch nicht zu betrunken, um sein Spiel, Zeus zu sein, mit dieser Konsequenz fortgeführt zu sehen, als reichlich albern zu erkennen.
Aber ich ließ ihn, so wie ich immer jeden lasse wie er gerade will. Zum einen gehen mich die Spinnereien anderer ja nun wirklich nichts an und zum anderen muss man froh sein, dass es solche Vögel gibt, sonst wäre die Welt noch trister. - „...empfindsam und doch stark, dazu witzig und voll Geist. Außerdem auch sehr unternehmungslustig, sonst wär’ sie nie aufgestiegen“.
„Aufgestiegen“? Das hörte sich interessant an.
„Auf mich“. – ’ War mir klar, aber ich kapierte immer noch nicht. - „Als Stier“.
- „Ach sooo“!
„Ja natürlich, was denkst du denn“.
Ich dachte: „Ich denke besser gar nix mehr und hör’ einfach nur zu“. Ich schüttelte den Kopf und tat dies’. Aber wenigstens hatte er auf diese Weise mitbekommen, dass ich ein undankbares Publikum für seinen Spleen abgab. Seine Erzählung in der Ich-Form machte mir ja nichts aus, im Gegenteil, das war amüsant, aber das Schauspiel dazu, als ob er sie tatsächlich gekannt habe, ertrug ich nicht.
„Es gab zwei Probleme: Zum einen, wie sollte man sich ihr nähern? – Du musst dir vorstellen, eine Prinzessin trifft man nicht einfach so unterwegs, sondern da sind, wenn sie einmal aus dem Palast geht, zig Dienerinnen und Leibwächter dabei. – Und zum anderen, wie ist das gleichzeitig mit dem Überraschungseffekt hinzukriegen? Schließlich muss man dafür, bis zu dem Zeitpunkt, da man sich zu erkennen gibt, ja auch interessant genug bleiben für die Dame; - und interessier’ mal eine Königstochter für etwas.
Na jedenfalls hatte ich, nachdem ich sie viele schlaflose Wochen lang beobachtet hatte, die Idee. Als ich sie also einmal inmitten ihrer Dienerschaft am Strand sitzen sah, schnappte ich mir Hermes und weihte ihn in meinen Plan ein. Dazu gehörte, dass ich mich eben in besagten Stier verwandelte und mich unter die anderen Rinder, der königlichen Herde mischte, die er, Hermes, dann hinunter zum Strand treiben sollte.
Natürlich musste das schon ein besonderer Stier sein, damit die Frau Prinzessin sich dafür begeistern konnte. Ein weißer, größer als die anderen und vor allem, die Zahmheit musste ihm schon an den Augen abzulesen sein. Als wir also unten beim Strand angekommen waren, löste ich mich von der Herde und näherte mich Europa.
Tatsächlich hatte ich sie richtig eingeschätzt. Sie war vorsichtig, aber nicht verängstigt und als ich mich endlich niederließ setzte sie sich mir sogar auf den Rücken. Ich stand auf wiegte sie ein wenig, ging langsam aber stetig aufs Ufer zu und als ich sah, dass mir keiner mehr folgen würde können, rannte ich die letzten paar Schritte ins Wasser.
Sie klammerte sich an meinen Hörnen fest und als wir das Seichte verlassen hatten und in der See trieben, war’s zu spät um abzusteigen. So sind wir dann, ob du’s glaubst oder nicht, bis nach Kreta geschwommen. Dort erhob ich mich dann in den Himmel, in die Richtung, wo heute noch das Sternbild des Stiers zu sehen ist.
Wieder erschienen bin ich ihr dann als, - wie soll man sagen -, recht sportiver junger Mann. So mit Waschbrettbauch und breiten Schultern und all das. – Allerdings konnte ich mich in der Folgezeit nicht genügend um sie kümmern, schließlich war ich damals noch verheiratet. Europa is’ mit der Zeit immer trübsinniger geworden. Deshalb, schaffe immer erst klare Verhältnisse, wenn du dich mit jemanden einlässt. – Übrigens deshalb heißt dieser Kontinent Europa; weil eben Europa, die Phönizierin, von einem anderen Kontinent, hierher entführt wurde“.
„Von dir“?
„Von mir“!
„Was is’ eigentlich aus Hera geworden? – Sitzt wahrscheinlich bei Aldi an der Kasse“?
„Ich weiß nicht was sie heute macht, wir leben schon seit langem getrennt“.
„Hast du so’ was eigentlich schon öfter gemacht“? Ich musste erkennen, dass mein intellektueller Penner ein Spinner war.
„Als Stier hab’ ich’s noch mal probiert, - is’ noch gar nicht solange her. Aber das war ein einziger Reinfall“
„Wieso“?
„Sie ham mich eingefangen und in einem Viehtransporter nach Polen verfrachtet“.
„Schöne Scheiße“.
Mehr wollte ich in dem Moment dazu nicht sagen, da die Bedienung gerade ein frisches Bier abstellte und den beiden Strichen auf unseren Deckeln, einen weiteren hinzu fügte.
Danach tranken wir noch zwei Bier, ehe ich an der Schwelle des Vergessens stand. Er erzählte mir noch wie er mit der Rachegöttin Nemesis, in Gestallt eines Schwanes ein Ei zeugte, das die Leda dann ausbrütete und aus dem dann Helena geboren wurde, oder so ähnlich.
Jedenfalls ging aus dieser Metamorphose das Sternbild des Schwans hervor. Heute würden wahrscheinlich Jugendliche versuchen ihn im Stadtpark mit der Steinschleuder zu treffen.
Im Stadtpark war es auch, wo ich am nächsten Morgen aufwachte. Ich hatte geträumt, dass er mir im Vollrausch vorgeführt habe, dass er tatsächlich Zeus sei, indem er die Bäume mit Blitzen reihenweise fällte. Es war ein tosendes Inferno, das da nieder ging, trotzdem erinnerte ich mich nur noch entfernt daran. Viel größere Probleme bereitete mir mein Kopf und das Loch in der Magengegend.
Aufgeweckt wurde ich vom Kramen des städtischen Tierpflegers in den Futtersäcken. Wie es aussah befand ich mich in einem Geräteschuppen. Ich lag etwas erhöht, auf einem Absatz, der mit eben einem solchen leeren Sack ausgelegt war. Ums Eck war offenbar noch eine weitere, solche Schlafstätte. Wie es aussah hatte mich mein Penner mit zu sich nach Haus genommen. Die Tür stand offen und von draußen zog es eisig kalt herein. Ich fragte mich, ob Vogelfutter mir auch bekömmlich sei.
Der Mann wandte sich um und grinste mich an. Es wunderte mich, dass er mich nicht raus warf. Offensichtlich kannte er den Obdachlosen, wahrscheinlich arbeitete der hin und wieder für die Parkverwaltung.
Gerne hätte ich ihn gefragt, unter welchem Namen ihm dieser bekannt sei, allerdings fürchtete ich mich dann erklären zu müssen und eine Unterhaltung war so ziemlich das letzte das ich in diesem Moment gebrauchen konnte.
Jetzt erst bemerkte ich den Lärm von Baumaschinen, der von draußen herein drang.
Der Mann nickte mir zu und verschwand. Ich setzte mich auf und begutachtete meine Erscheinung. - „Eigentlich noch ganz passabel“. Ich saß noch einige Minuten und lauschte. – „Was zum Geier ist das für ein Radau da draußen“?
Beim Aufstehen war mir noch ein bisschen schwummrig. Die Kammer war winzig, bis zur Tür waren es nur drei Schritte, für die ich mich an einem Schaufelstiel festhielt.
Die kühle Luft tat gut, aber ich war zu überrascht von den Vorgängen um mich herum, um einen tiefen Zug zu nehmen. Männer zersägten verbrannte Baumstümpfe, die sie auf Lastwagen warfen, vor dem Haus, um die Wiese die daneben lag herum und in dem Wäldchen dahinter, - den ganzen Weg, den wir gestern gekommen sein mussten.
Das konnte nicht möglich sein. Ganze Bäume lagen verkohlt und gespalten auf der Erde.
Ich erwartete, dass einer der Arbeiter mich ansprechen würde, um sich seinen Dank abzuholen, mich gestern vor einem phantastischen Unwetter gerettet zu haben. Anders konnte ich mir das alles nicht erklären. Langsam setzte ich mich in Bewegung.
Mein Weg nach Hause führte in die andere Richtung durch den Stadtpark, dort schien das Unwetter nicht getobt zu haben. Dort lagen noch nicht einmal Äste, die ein möglicher Sturm abgerissen haben könnte auf dem Weg, nichts, wie abgeschnitten, wie an einer Scheide, hier das Chaos, dort die Ordnung.
Später sollte ich zu Hause erfahren, dass in der Nacht vermutlich ein regenloser Blizzard getobt habe, ein Naturereignis wie es in unseren Breitengraden bestenfalls alle dreihundert Jahre vorkomme, und in dieser Intensität noch überhaupt nie stattgefunden habe. Die einzige Erklärung, die man für diese Wucht des Unwetters habe liege in dessen punktuellen Auftreten begründet.
Ich war gespannt darauf ob er im Bahnhof, an den vorbei mein Weg mich ohnehin führte, sitzen würde.
Wie üblich saß er auf seiner Bank und beobachtete das Geschehen. Ich ging hinein. Als er mich sah lachte er.
„Frühstück“? fragte ich.
„Klar“. Lediglich seiner Stimme war anzuhören, dass er tags zuvor getrunken hatte.
Ein wenig Geld hatte ich noch, dem Fehlbetrag nach zu urteilen, hatten wir uns gestern wirklich nichts geschenkt.
Als ich um Sandwichs anstand machte ich mir tatsächlich Sorgen um mein weiteres Verhalten ihm gegenüber, für den Fall, dass er tatsächlich Zeus, der Göttervater, der Blitzschleuderer sein sollte. Gott sei Dank war mir immer noch zu schwummrig, um die ganze Sache überhaupt fassen zu können.
Wieder zurück fragte ich ihn was er trinken wolle.
„Ein Radler“.
Mir kaufte ich eine Limo, das war mein ganzer Wille, - eine eiskalte Limo, - zwei, fünf, ein ganzer See.
Nachdem ich zwei getrunken hatte, war mir der Hunger vergangen und er aß auf mein Sandwich auf.
Ich holte noch zwei Radler, wir stießen an.
„Sieht ziemlich wüst aus im Park“, bemerkte ich.
„Du wolltest es ja nicht glauben, und ich war besoffen“.
Wieder schwiegen wir. Er kaute an meinem Sandwich und ich löschte meinen Brand. Es war dämlich da zu sitzen und auf die Fließen zu starren. Ich wollte nach Hause, schlafen und mich in die Badewanne schmeißen.
Wir rauchten.
Was war die Frage, auf deren Beantwortung ich noch hoffte? – Zum wievielten Mal eigentlich?
- Liebe ich wirklich? – Unsinn, das war und ist vollkommen unzweifelhaft.
- Darf ich der Liebe wegen mein Kind im Stich lassen? – Nein und das tu’ ich auch nicht, ich werde es niemals im Stich lassen, aber ich kann mich nicht um seinetwillen abtöten.
- Und wenn sie einen anderen hat?
– Wäre das ein Grund sie deshalb nicht mehr zu lieben? Ich könnte sie abschreiben, aber der Liebe täte das keinen Abbruch, ich müsste um sie kämpfen oder warten. Zum Kämpfen würde mir vermutlich derzeit die Kraft fehlen. Selbst wenn sie ins Ausland ginge, täte das meinen Gefühlen für sie keinen Abbruch.
- Wie einseitig kann Liebe sein?
– Eine Liebe die nicht erwidert wird gibt es nicht, weil sie erst gar nicht entstehen kann. „Blöde Frage“, habe ich es doch bei ihr erst wieder erfahren.
- Wie oft in seinem Leben kann man sich brechen?
- Ich erinnere mich an ein Mädchen, das ich kannte und das ich ebenso liebte, vor gut fünfzehn Jahren.
So jung wir damals waren, aber wir wussten wir gehörten zusammen. Leider jedoch wurde nichts daraus, weil wir es versäumt hatten einen der magischen Momente zu nutzen. Vor etwa fünf Jahren sah ich sie in einer Bank, in der ich die Sonderprägung einer Münze kaufte, mit der ich übrigens noch am Abend des selben Tages den verdutzten Zeitungsverkäufer bezahlte, wieder.
Ich kann nicht behaupten, dass sie mir je egal gewesen wäre, vielmehr hegte ich immer die boshafte Hoffnung, sie möge es ungünstig erwischt haben ohne mich, aber als ich sie wieder sah wurde mir klar, dass diese Boshaftigkeit nur einen weiteren Schatten auf mein Gemüt warf. Wie viel Bosheit braucht es um es ganz zuzudecken? Aber trotzdem man darum weiß kann man nichts dagegen tun. Erst jetzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass nur ein neues Glück den Schatten von einem nehmen kann.
Es gab keine Fragen mehr, nur noch eine Antwort.
Wisse wer du bist und jeder Weg den du gehst, wird der richtige sein. „Gnothi Seauthón“.
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