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Zuschussverlage,
so funktioniert die AbzockereiVon Björn Harmening
„Verlag sucht Autoren!“ Mit dieser und ähnlichen Anzeigen gehen die Haifische der Verlagsszene immer wieder auf Beutejagd. In Tageszeitungen und einschlägigen Buchjournalen findet man die vermeintlichen Hoffnungsträger vieler junger Autoren in zumeist sehr seriös wirkenden Inseraten wieder. Hat sich der oder die AutorIn erst einmal auf einen solchen „Verlag“ eingelassen, ist es meist schon zu spät. Doch wie funktioniert das Geschäft mit der angeblichen Eitelkeit, wie im SPIEGEL/ 35/2000 beschrieben, eigentlich, und was sind die tatsächlichen Gründe?
Ich möchte hier zunächst einmal aus eigener Erfahrung berichten, denn auch ich bin auf einen solchen Abzocker hereingefallen und habe mich deshalb etwas näher mit der Materie beschäftigt, - leider erst, nachdem das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen war. Das Hauptproblem dabei ist, dass man als Laie, und ein solcher ist man auf jeden Fall auch nach zwei oder drei fertig gestellten Manuskripten, überhaupt keine Ahnung von der heute herrschenden Situation im Buchgeschäft hat.
Man hat es also tatsächlich fertig gebracht, seinen Roman, seine Erzählung, Gedichtband oder was auch immer, zu Papier zu bringen, und sucht nun als neuer Autor einen passenden Verlag. Davon gibt es natürlich jede Menge und man kennt den einen oder anderen selbstverständlich auch, denn man liest ja schließlich selbst.
Zudem hat man sich schon ein Ziel in dem Programm des jeweiligen Verlages gesucht und weiß, dass dieser schon Bücher der selben Gattung, oder gar eine Serie davon herausgebracht hat.
Jetzt beginnt die große Zeit des Wartens, der Hoffnung... und der Enttäuschung. Mit zumeist unpersönlichen Serienbriefen antworten die Lektorate, dass das Manuskript leider nicht in das Programm passe, man zur Zeit so sehr eingedeckt sei mit Projekten, oder man sich aus irgendwelchen anderen Gründen nicht für das Manuskript entscheiden konnte.
Diese Antworten sind immer wieder gleich lautend, so dass man sie mit der Zeit schon fast auswendig herunterspulen kann.
Zudem kann es einem passieren, dass man an den einen Verlag etwas schickt, und von einem anderen Verlag eine Antwort erhält, da dieser den ersten geschluckt hat, was im Zuge des immer größer werdenden Konkurrenzkampfes heute gang und gäbe ist.
Dabei ist es zunächst einmal unerheblich, ob sich das Manuskript überhaupt für eine Veröffentlichung eignet, denn es fallen mit Sicherheit Stilblüten, furchtbar schlechte, mit Fehlern gespickte, aber sicher auch sehr gute Schreibschöpfungen durch das Raster der Lektoratsindustrie.
Oft ist es nämlich so, dass die eingereichten Skripte nicht einmal angelesen werden, was einfach an der riesigen Menge der täglich bei den Verlagen eingehenden Schriftstücke liegt. Ein anderer Grund mag darin liegen, dass der/die AutorIn sich nicht die Mühe gemacht haben, die Vorlieben des Verlags in Bezug auf Gestaltung und Umfang eines einzureichenden Manuskriptes in Erfahrung zu bringen.
Es gibt also etliche Stolpersteine auf dem Weg zur Veröffentlichung; der direkte Weg bleibt den meisten Autoren ohnehin immer versagt.
Das sind aber zunächst einmal nur die Randerscheinungen, welche jeder, der gern schreibt und versucht, sein Werk unter die Leute zu bringen, erfährt. Es kommt hinzu, dass offensichtlich jeder so genannte Prominente und jedes Sternchen, jeder abgehalfterte Politiker oder Schauspieler seine Memoiren ( meist von einem Ghostwriter geschrieben ) veröffentlichen kann, während man selbst nicht die geringste Chance zu haben scheint.
Solche Erfahrungen sind zwar ernüchternd, aber im Grunde sehr hilfreich, wenn man nicht gerade seine Existenz davon abhängig macht. Allerdings ist auch der Frust sehr groß und verleitet dann eben nach einiger Zeit dazu, sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren.
Es kommt der Tag, an dem man auf eine oben erwähnte Anzeige stößt und wieder Hoffnung schöpft. Die Antwort kommt dann auch prompt und fällt diesmal zur Freude des Autors doch tatsächlich positiv aus. Entgegen der üblichen Absagen anderer Verlage, wird hier natürlich kräftig der Bauch gepinselt.
Da ist von einer psychologisch durchdachten Story, einer packend geschriebenen Geschichte, oder herzergreifenden, poetischen Gedichten die Rede, welche einen durchweg positiven Eindruck in der Lektoratskommission gemacht hätten.
Selbstverständlich ist die eigene Eitelkeit (die jeder in sich trägt) angesprochen, man fühlt sich endlich bestätigt. Einziger Wehrmutstropfen ist dann der Zusatz, dass der Verlag aufgrund der bestehenden Situation auf dem Buchmarkt leider die Kosten für die Herstellung des Buches nicht allein tragen kann, und ein so genannter Druckkostenzuschuss durch den Autor, oder einem Dritten nötig sei.
Je nach Verlag sind die genannten Kosten unterschiedlich hoch. So verlangen zwei in Frankfurt angesiedelte Verlage, die übrigens einem renommierten Verlag dem Namen nach sehr ähnlich sind, zwischen 10.000 – 15.000 Euro für eine Auflage von 1000 Büchern. Seitenlange Schreiben erklären dem Autor dann die Gründe für den Zuschuss, die für den Angeschriebenen durchaus nachvollziehbar sind; hat man doch schließlich die ganze Zeit schon seine Erfahrungen gemacht.
Zu guter letzt wird man noch mit den zu erwartenden Gewinnen am Verkauf der ersten, und vielleicht weiteren Auflagen beruhigt. Die Gewinnbeteiligung plus das zu errechnende Autorenhonorar ergäben dann nämlich einen Ertrag, der über der eingesetzten Summe läge.
Dass diese Rechnungen zumeist purer Nonsens sind merkt man dann, wenn man dahinter kommt, wie diese Verlage arbeiten. Nach Unterzeichnung des Vertrages, der sich meistens sehr deutlich von den empfohlenen Musterverträgen des Verlagsrechtes und einiger Autorenverbände unterscheidet, geschieht nämlich erst mal gar nichts mehr.
Versprochene Arbeiten werden, wenn überhaupt, nur sehr schleppend vorangetrieben. Man wartet Wochen auf ein längst fälliges Muster- oder Freigabeexemplar, stellt zu seinem Entsetzen fest, dass man gar nicht derjenige mit der schlechtesten Rechtschreibung in Deutschland ist, oder erhält erst überhaupt keine Antwort auf etliche Anfragen, die man mit der Zeit dann doch zu stellen wagt.
Und wenn man dann letztendlich doch ein fertiges Produkt in den Händen hält, dann ist es in den meisten Fällen nicht das, was man sich erhofft hatte. Selbst wenn das Layout und der äußere Eindruck des Buches noch einigermaßen stimmen sollten, so heißt das aber noch lange nicht, dass es sich nun um einen Verkaufsschlager handelt.
Angelehnt an die fast undurchschaubaren Gesetzte des Marktes müsste hier nämlich zunächst einmal kräftig die Werbetrommel in Zeitungen, Fachmagazinen u.s.w. gerührt werden. Natürlich kann man nicht erwarten, dass sich gleich alle Reich-Ranickis und Karasecks auf das neu erschienene Buch stürzen, aber der Leser muss ja auf irgend eine Weise von dessen Existenz erfahren.
Genau hier liegt der Hase auch im Pfeffer, es geschieht nämlich wieder nichts. Der Verlag bietet das Buch zwar auf seiner Homepage an, im besten Fall auch über so genannte Internetbuchhandlungen, aber das reicht leider nicht aus, um mehr als vielleicht einige wenige Exemplare zu verkaufen.
Die meisten Leute gehen doch tatsächlich noch in ein Buchfachgeschäft, um sich dort mit Literatur zu versorgen; nur dort ist das eigene Buch leider nicht erhältlich, denn es weiß niemand davon.
Wenn dann doch einmal jemand davon erfährt und es bei dem Verlag bestellen lässt, ( und hier wieder eigene Erfahrung ), dann kommt es nie an. Das bedeutet, der Zuschussverlag verlangt Geld für eine Leistung, die er im Grunde niemals erbringt.
Die oben erwähnten Verträge beinhalten nämlich oft noch so schöne Zusätze, welche eine den eingehenden Bestellungen entsprechende Fertigstellung der ausgemachten Auflage beinhalten. Dies widerspricht dem Verlagsgesetz, dass nämlich von dem Verleger die vollständige Herstellung der Auflage verlangt.
Allerdings hält ein unterschriebener Vertrag vor Gericht leider stand, so dass man keinen Anfechtungsgrund besitzt. Die Auflage wird also niemals fertig gestellt und der Verlag vertuscht seine tatsächlichen Kosten mit irgendwelchen ominösen Buchführungstricks, denen man, wieder als Laie, schwer auf die Schliche kommt.
Am Ende kommt es oft noch vor, dass der Verlag einen nach ein oder zwei Jahren anschreibt und bedauernd mitteilt, dass sich das Buch leider nicht verkaufen lässt und man die Auflage einzustellen gedenkt. Der Autor erhält aber die Möglichkeit, die Exemplare selbst aufzunehmen und zu verkaufen.
Dafür müsste er aber natürlich die Restexemplare finanzieren, was so mancher frustrierte, gescheiterte Schriftsteller dann auch tatsächlich getan hat. Man bezahlt also noch einmal für etwas, was man eigentlich schon gänzlich finanziert hat und bleibt dann auf einem riesigen Haufen Bücher sitzen, die niemand haben will, weil der Autor nicht ernst genommen wird.
Dieser Werdegang wiederholt sich leider täglich immer aufs Neue, da Tausende von Autoren eben die gleichen Erfahrungen machen müssen. Viele geben danach ihre einst hoffnungsvollen Projekte resigniert auf und lassen zukünftig die Finger vom Schreiben; andere fallen gleich mehrmals auf die gleiche Masche herein, weil sie die Strukturen, in denen sie stecken, gar nicht erkennen.
Einige wehren sich jedoch auch erfolgreich gegen solche Machenschaften und können sich von ihren Zuschussverlagen trennen, wobei sie die Rechte an ihren Werken wieder zurückerhalten.
Dadurch sind sie zwar noch nicht erfolgreicher, aber doch um einiges klüger geworden und können ihre Erfahrungen mit anderen, noch nicht gebrannten Kindern teilen, was sie auch ernsthaft tun sollten. Nur auf diese Weise kann man den Sumpf der Zuschussverlagsszene langsam trockenlegen, wozu auch dieser Aufsatz, so hoffe ich, seinen Teil beiträgt.
Zum Schluss noch ein Wort zu der oben erwähnten Eitelkeit. Natürlich möchte sich jeder gern im Glanz des Erfolges sehen und ersehnt sich in seinen Tagträumen vielleicht eine Karriere á la Steven King oder Umberto Eco. Das nehmen viele selbsternannte Kritiker und Journalisten zum Anlass, um sich über die vermeintlich dummen Anfänger lustig zu machen, oder sie gnadenlos niederzuschreiben.
Nirgendwo erlebt man mehr Arroganz und selbstherrliches Getue, als in der Literaturszene. Da gibt es Möchtegern-Essayisten, die über alles und jeden ihren Senf abgeben, Literaturzeitungsredakteure, die glauben, das Wort selbst erfunden zu haben, und Popliteraten, die über ihre noch unbekannten Kollegen herziehen, wie die Waschweiber.
Selbstverständlich ist nicht jeder, der ein Buch schreibt, ein guter Autor; aber mancher Schriftsteller, der es einmal geschafft hat, ein Manuskript zu Ende zu bringen, hat im Grunde das Zeug dazu, sich ständig weiter zu entwickeln. Wer lange genug schreibt, sich (vernünftige) Kritik anhört, sie auch annimmt und umsetzen kann, ist irgendwann in der Lage, gut zu schreiben.
Das ist ein langwieriger Prozess und verlangt jede Menge Disziplin, aber man sollte sich immer vor Augen halten, dass man das zunächst erst einmal für sich selbst macht.
Niemand sollte also die Hoffnung aufgeben. Veröffentlichungen in Literaturzeitungen und bei Schreibwettbewerben sind ein kleiner Anfang, - vielleicht der Anfang einer Karriere. Vor allem aber, sollte sich niemand mehr auf einen Zuschussverlag einlassen!
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