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Mittelalter - Zwei Tage in Göttingen
Von Isabel Kramer
Ich schloss meine Augen. Das Rattern der Räder auf dem unebenen Feldweg, die ganzen Schlaglöcher und harten Sitze der Kutsche- es war wirklich für eine Dame meines Standes nicht auszuhalten.
So ein Pech aber auch, dass gerade jetzt, vor dem großen Fest in Göttingen, zu dem alle Händler, Ritter, Fürsten und ... (räusper) Bauern der umliegenden Städte kommen würden, ja, gerade jetzt musste die Goldkutsche mit Sitzen aus weinrotem Samt, die meinem Mann und mir gehörte, gestohlen werden.
Und damit nicht genug. Die vier pechschwarzen Rappen, die wir hätten vor die Kutsche spannen können, wurden auch mitgenommen. Eine Schande! Jetzt mussten wir doch tatsächlich mit der Silberkutsche mit den wasserblauen Sitzen und acht weißen Schimmelstuten mit Silbergeschirr zu dem Fest fahren. Wie peinlich! Hoffentlich würde meine Cousine Ruth das nicht sehen.
Hach, und dann auch noch dieser unebene Weg, nicht mal gepflastert. Es war schrecklich. Und davon mal abgesehen sieht man meinen Schuhen deutlich an, dass sie nur dreimal eingewachst worden sind und nicht, wie ich es unserem Kammerdiener befohlen habe, fünfmal.
Natürlich habe ich ihn sofort auspeitschen lassen. Aber wir waren sowieso schon so spät dran. Wir mussten echt los, da ja der Weg allein 5 Tage in Anspruch nahm, und ich musste mich mit dreimal einwachsten Schuhen zufrieden geben. Auch die Nächte auf den viel zu harten Betten der Herbergen waren eine Zumutung.
Aber dann- nach fünfeinhalb langen Tagen- das Bild der Erlösung. Die Tore der Stadt Göttingen ragten vor uns in die Höhe. Vier Wächter auf jeder Torseite kontrollierten jeden Wagen, ob er nicht etwas Ungesetzliches mit in die Stadt schmuggelte. Vor uns wurden noch 2 Wagen durchsucht- es waren Händlerkarren. Der Wagen vor uns hatte Stoffe geladen.
„Willhelm, ich möchte auf jedem Fall drei neue Kleider. Das möchte ich im Voraus noch mal gesagt haben.“, flötete ich.
Mein Mann sah mich erstaunt an. „Nur drei, Charlotte?“, fragte er völlig verdutzt.
„Drei auf jedem Fall!“, stellte ich richtig. „Es können mehr werden.“
Nachdem unsere Wagen durchsucht worden war, öffnete man uns die Tore. Festlärm dröhnte uns entgegen. Unser Kutscher parkte unsere Kutsche neben den anderen und öffnete uns die Tür. Ich streckte meine Hand ein wenig aus und ließ mich von unserem Kutscher hinaus geleiten.
Ein wenig angeekelt sah ich mir den Stadtschmutz an den Rändern der Straßen an. Nicht, dass das bei uns anders wäre, aber in unserer Villa ist es sauberer. Ich rückte meinen Hut noch mal zurecht und hakte mich bei Willhelm ein.
Er trug heute, zur Feier des Tages, über seiner Rüstung noch ein orangefarbenes Gewand mit goldenen Gewandspangen. Seine Waffe nahm er sicherheitshalber mit. Man wusste ja nie, was für gefährliche Gesellen auf dem Fest sein würden.
Wir ließen die letzte Straße hinter uns und befanden uns mit einem Schlag im ganzen Festtrubel. Musik wehte uns entgegen. An mehreren Tischen wurde jeder Mensch bedient. Die Menschen, die sich weniger leisten konnten, bekamen Linsensuppe mit Trockenbrot und die reicheren Leute konnten sich Heringe mit Kräutersoße oder Lammbraten bestellen. Auch ein Stück Torte, wenn man wollte.
Hinter den einfach Holztischen tanzten die verschiedensten Leute im Kreis und sangen ausgelassen irgendeinen Blödsinn zur Musik. Um die Kirche, die den Mittelpunkt auf dem Festplatz bildete, waren jede Menge Marktstände errichtet. Willhelm erspähte ein Ehepaar, was uns sehr bekannt war. Der Mann war bis auf die Stiefel und den Hut ganz in Rot gekleidet. Neben ihm schritt meine Cousine Ruth. Sie hatten uns erblickt.
„Charlotte, was für ein schönes Kleid.“, empfing Ruth mich und bewunderte mein Gewand von oben bis unten.
„Danke, Ruth. Deines ist aber auch hübsch.“, erwiderte ich. Ruths Mann, der Stadthalter Göttingens, lud uns zum Essen ein und redete mit meinem Mann von den Geschäften. Auf dem Weg zu den Tischen streckte mir ein Bettler seine Hand entgegen.
„Bitte, nur ein wenig zum Essen...“, redete er uns mit rauer Stimme an. Ich lächelte herablassend und unterhielt mich weiter mit Ruth.
„Willhelm, gib dem Bettler dort drei Kupfermünzen.“, befahl ich in meiner Gnade meinem Gatten. Auf die Dankesrufe und Verneigungen des Bettlers achteten wir nicht mehr. Stattdessen galt meine Aufmerksamkeit nun einer Frau, die am Boden lag und mit vor Schreck geweiteten Augen einen Mann anflehte, der sein Schwert über ihrem Körper schweben hatte. Er versuchte sich tobend vor Wut aus den Händen eines anderen Paares zu befreien, die ihn zurückhielten.
„Ruth, sieh mal dort rüber.“, wies ich meine Cousine auf die Szene hin. Auch unsere Männer wurden angesichts unserer verblüfften Gesichter aufmerksam.
„Gehen wir mal hin!“, schlug Willhelm vor. Unterwegs überprüfte er, ob seine Waffe überhaupt geladen war. Da Ruth und ich nicht besondere Lust hatten, bei einem endlos langen Verhör Zuschauer zu sein, seilten wir uns von unseren Ehemännern ab und suchten lieber einen Schneider auf, der uns festliche Gewänder aus purer Seide nähen sollte.
Später trafen wir Willhelm und Ludwig wieder, setzten uns an einen der Tische und ließen uns mit den Delikatessen des Tages eindecken. Da ich mir offenbar zuviel zugemutet hatte und nur die Hälfte der bestellten Sachen essen konnte, kehrte ich zu dem Bettler zurück und überließ ihm meinen Rest (hach, war ich gütig).
Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um.
„Elisabeth!“, rief ich überrascht. „Ich wusste nicht, dass auch die Luxemburger geladen sind. Hübsch siehst du aus.“
Elisabeth war eine alte Freundin von mir, die vor Jahren zu einem Händler namens Gunther nach Luxemburg gezogen war. Wir hielten Briefkontakt, aber hatten uns schon ewig nicht mehr gesehen.
„Danke Charlotte! Ich habe mir extra für dieses Fest ein Kleid schneidern lassen.“ Ihr Kleid sah wirklich umwerfend aus. Blassrosa und unter dem geteilten Rock schimmerte reines Goldgewebe.
Zu sechst zogen wir von Stand zu Stand und betrachteten die Auslagen. Ich kam heute nur auf vier Kleider, aber ich gab mich zufrieden.
Als es zu dämmern begann, trennten wir uns. Willhelm und ich setzten uns auf eine Bank am Ende des Festplatzes. Von hier aus konnte man alles überblicken. Bis in die unfeinen Ecken, in denen einige, die wohl zuviel getrunken und nun ein dringendes Bedürfnis hatten, an die Mauer gelehnt standen. Aber von denen wendete ich meinen Blick schnell wieder ab.
Im Vorbeigehen grüßte uns noch der Bürgermeister Göttingens und wünschte uns noch einen schönen Abend. Willhelm und ich sahen uns von hier oben noch einen Mann, der, aus was für einem Grund auch immer, Schläge auf das blanke Hinterteil bekam und ein Theaterstück, dem nur wenige Leute Aufmerksamkeit schenkten, an.
Viel interessanter hingegen war der Sonnenuntergang, der heute von keiner Wolke gestört wurde. Doch kaum war die warme Sonne fort, begann ich zu frösteln.
„Willhelm, ich bin müde und mir ist kalt. Ich will jetzt in ein Gasthof einkehren.“, erklärte ich meinem Gatten. Er nickte verständnisvoll und ging mit mir zur Herberge „Zum goldenen Sterne“, wo auch Elisabeth und Gunther für die Nacht eingekehrt waren. Ruth und Ludwig wohnten ja in Göttingen und so gingen sie bald zu ihrem Heim zurück. Die Feier ging noch weit bis in die Nacht hinein und ich fand bis gegen 11 Uhr keine Ruhe. Endlich verblassten die Geräusche und ich konnte aufatmen. Sobald fielen mir die Augen zu.
Am nächsten Morgen erwachte ich erst spät. Als ich aus dem Fenster meines Zimmers blickte, fand ich den Marktplatz, auf dem gestern noch bis so spät in die Nacht das Fest angehalten hatte, beinahe leer vor.
Außer einem Mönch, der in dem kleinen Garten, der um die Kirche angelegt worden war, stand, einer alten Frau, die auf ihren Stock gestützt, über den Platz humpelte und ein paar Leuten, die neben den Hauswänden lagen und ihren Rausch ausschliefen, war niemand da.
Die Kirchturmlocke schlug. Ich schloss das Fenster und ließ mich von einem Kammerdiener, der reichen Leuten zur Verfügung gestellt wurde, ankleiden.
Beim Frühstück traf ich Elisabeth. Sie wollte sich gerade erheben, blieb aber dann doch noch sitzen und redete mit mir, während ich aß.
Gegen 11 Uhr war es Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Willhelm und ich verabschiedeten uns von Elisabeth und Gunther und auch Ruth und Ludwig, die extra gekommen waren, um uns zu verabschieden. Allerdings ließen wir es nicht zu, dass sie uns bis zu unserem Wagen begleiteten. Schließlich wollten wir uns nicht vor unseren Freunden mit unserer Silberkutsche blamieren.
Dann ließen wir die mächtigen Tore Göttingens hinter uns. Die acht Wächter, die gestern das Tor bewacht hatten, waren zu zwei Soldaten geschrumpft. Ich schob das Fenster der Wagentür runter. Die Sonne strahlte zu uns herein. Vögel zwitscherten fröhlich - sonst herrschte Stille. Ich glaube, die fünfeinhalb Tage Fahrt haben sich gelohnt.
Au, schon wieder ein Schlagloch. Seufz, jetzt kommen noch mal fünf Tage dieser terrorisierenden Fahrt. Wenn wir erst mal wieder zuhause sind, rühre ich mich drei Tage nicht aus dem Bett. Versprochen!
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